Was heißt das jetzt alles für die Bauunternehmen?

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Baufirmen-Ranking SOLID 07+08/2020 Österreich

Für die Unternehmen der Baubranche (nicht nur die Bauausführenden) bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit. Aber gerade die Baubranche hat es über die Jahre und Jahrzehnte gelernt, mit Unsicherheiten umzugehen und mit knappen Margen zu leben.

Für diejenigen, die mit Altlasten zu kämpfen haben, könnte es allerdings eng werden. Was man sich vor fünf Jahren von der damals als unmittelbar bevorstehend betrachteten Zinswende erwartet hatte, könnte nun Corona besorgen: die Marktbereinigung, die nach der Alpine-Pleite 2013 aufgrund der damaligen Nationalratswahl und damit verbundener Auffanglösungen nicht stattgefunden hat.

Der neue Leiter der Insolvenzabteilung des KSV1870 Karl-Heinz Götze rät auf jeden Fall, bei massiven Schieflagen Insolvenzen nicht länger hinauszuzögern als nötig: „Gerade im Bereich der Bauwirtschaft hat die Insolvenzantragstellung durch die Finanzbehörden und Gesundheitskasse eine wichtige Funktion. Zum einen werden dadurch weitere Schäden, die in massive Schieflage geratene Unternehmen im Regelfall verursachen, verhindert. Außerdem ist dieses Zeigen der Gelb-Roten Karte Voraussetzung für einen fairen und marktwirtschaftlich orientierten Wettbewerb. Bestehen Sanierungschancen, so kann nach Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zügig eine Sanierung über einen Sanierungsplan angegangen werden. Bestehen keine Sanierungschancen, so entsteht nach dem Ausscheiden über einen Konkurs Platz für neue innovative Marktteilnehmer.“

Die derzeitigen Zahlen deuten allerdings nicht auf einen unmittelbar bevorstehenden großen Insolvenzschub in der Bauwirtschaft hin, die Überschuldungssummen sind jedoch im Steigen: im 1. Halbjahr 2019 wurden rund 300 Insolvenzen in der Bauwirtschaft eröffnet, im Jahr 2020 werden es hochgerechnet rund 210 sein - ein Minus von rund 30 Prozent. Die Passiva andererseits beliefen sich 2019 auf 101 Millionen Euro, während man 2020 mit rund 120 Millionen rechnet - also einem Plus von rund 20 Prozent.

Lernen aus der Krise

In jeder Krise, so lautet eine weitere Plattitüde, steckt auch eine Chance. So sind in den vergangenen Wochen einige Studien erschienen, die der Baubranche Möglichkeiten und Richtungen zeigen wollen, wie sie das Beste aus Corona machen kann.

So publizierte etwa McKinsey & Company eine Studie mit dem Titel „The next normal in construction – how disruption is reshaping the world’s largest ecosystem“. Die Corona-Pandemie werde demzufolge weltweit einen dramatischen Umbruch in der Bauwirtschaft beschleunigen: „Die Digitalisierung, neue Fertigungsverfahren und Materialien sowie vermehrte Zusammenschlüsse von Unternehmen werden die Baubranche grundlegend verändern. Im Ökosystem Bauen, das neben den Bau-Unternehmen auch Bauherren, Projektentwickler, Materialanbieter und Verleiher von Baumaschinen umfasst, werden aktuell weltweit 11 Billionen US-Dollar Wertschöpfung generiert, bei einem Gesamtgewinn von rund 1,5 Billionen Dollar. In den kommenden 15 Jahren sind zusätzliche Gewinne von jährlich bis zu 265 Mrd. Dollar möglich. In den am stärksten umgewälzten Segmenten wie dem Wohnungs- oder Hotelbau werden bis zu 45% der Bruttowertschöpfung neu verteilt werden,“ heißt es bei McKinsey.

Das Berliner Ausschreibungs- und Nachunternehmer-StartUp Cosuno Ventures wiederum gibt „Fünf Tipps, wie Bauunternehmen gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen“: Gemeint sind damit der Einsatz von neuen Technologien, verstärkte Schulung von Personal, Optimierung der Lieferketten, Offsite Construction und Nachhaltigkeit.

Das alles hinterlässt ein bisschen den Eindruck der großen Metaebene, auf der sich trefflich reden, aber nur schwer konkret handeln lässt – und es lässt die Unternehmen jedes für sich im Kampf ums (Über-)Leben oder ums weitere Verbessern an sich gesunder Marktpositionen.

Spannender – und nicht zuletzt für heimische Unternehmen naheliegender – könnte da ein neuer Ansatz aus Österreich sein. Die Initiative #lernenausderkrise versucht sich an einem branchenübergreifenden 360°-Blick auf Unternehmen in Österreich und deren gemeinsames Potenzial, Menschen in Organisationen und Unternehmen für die kommenden Herausforderungen besser gerüstet zu machen. Impulsgeber und Initiatoren dieser „Corona Deep Dive Learning“-Initiative sind der langjährige Stahlbauverantwortliche von Alu König Stahl, Thomas Dorner, und die Marketingprofis Katharina Sigl und Margit Berner.

„Es geht darum, heute gemeinsam zu lernen, was Unternehmen morgen stark macht,“ erklärt Dorner und: „Wichtig ist dazu, dass wir gut verstehen, welche gesetzten Maßnahmen effektiv und welche ineffektiv waren und dabei ebenso hinterfragen, was gefehlt und möglicherweise sehr hilfreich gewesen wäre,“ so Dorner.

14 Fachexpertinnen und -experten gehen dafür branchenübergreifend mit Führungspersonen ins Gespräch und erheben deren aktuelle Erfahrungen und Erkenntnisse im Umgang mit der Krise. „Wir reden dabei mit Verantwortlichen in Finanz, HR, Produktion, Einkauf, Vertrieb, Marketing, Customer Service, IT, Geschäftsführung bis zu Innovation und Digitalisierung,“ so Dorner.

Die Erkenntnisse sollen allen Interessierten zugänglich sein und dienen somit unmittelbar der Stärkung der Innovationskraft eines jeden Unternehmens bei.

Mit an Bord ist auch die Industriellenvereinigung Österreich, deren Generalsekretär Christoph Neumayer meint: „Wir begrüßen ausdrücklich das Ziel des Projekts, die Auswirkungen der Corona-Krise branchenübergreifend zu untersuchen und daraus die entsprechenden Learnings zu ziehen. So kann es gelingen, die Resilienz zu steigern und Unternehmen fit für künftige Herausforderungen zu machen.“

„An Corona ist gar nichts gut“ – so fasste es der Grüne Vorarlberger Landesrat Johannes Rauch kurz, knapp und treffend Ende April im Radio zusammen. Aussuchen hat es sich aber auch die Baubranche nicht können. Wir müssen und dürfen gespannt sein auf die Ergebnisse der Bauunternehmen aus dem laufenden Jahr, die wir Ihnen Mitte 2021 präsentieren werden können.

Der Vergleich zu den Zahlen, die Sie in der aktuellen Tabelle aus diesem Jahr sehen können, wird auf jeden Fall spannend.