Produktivität in der Bauwirtschaft : Minus 3,1 Prozent pro Jahr: Was Österreichs berühmteste Bau-Kennzahl wirklich misst

Die Produktivität einer Baustelle hängt nicht allein vom Arbeitstempo ab: Auch Dokumentation, Sicherheitsvorgaben und Qualitätsanforderungen beanspruchen Personal und Arbeitszeit.

Die Produktivität einer Baustelle hängt nicht allein vom Arbeitstempo ab: Auch Dokumentation, Sicherheitsvorgaben und Qualitätsanforderungen beanspruchen Personal und Arbeitszeit.

- © ZAB Zukunftsagentur Bau

Es ist die Zahl, die in jeder Diskussion über die Bauwirtschaft auftaucht: minus 3,1 Prozent pro Jahr. Österreich, Schlusslicht in Europa, abgeschlagen hinter Deutschland und Frankreich, weit hinter den Niederlanden und Dänemark. Die Zahl steht in Präsentationen, in Positionspapieren und in politischen Reden, und sie trägt eine Botschaft, die kaum jemand ausspricht, aber jeder mitliest: Auf Österreichs Baustellen wird zu langsam gearbeitet.

Die Metastudie der Zukunftsagentur Bau (ZAB) und des Arbeitsbereichs für Baumanagement, Baubetrieb und Tunnelbau der Universität Innsbruck hat sich angesehen, was hinter dieser Zahl steckt. Ihr Befund führt in eine andere Richtung.

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  • Harald Kopececk, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Bau

    "Der Produktivitätsfaktor ist wie die Pace beim Marathon: Eine Zahl allein sagt wenig aus, wenn man nicht weiß, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist und womit sie verglichen wird. Wenn wir aus der Vergangenheit lernen wollen, müssen wir wissen, wo wir schnell, effizient und produktiv waren, und wo nicht. Diese Studie soll aufzeigen, ob die gemessenen Zahlen auch wirklich vergleichbar sind. Dafür braucht es eine gemeinsame Grundlage, einheitliche Begriffe und klare Kriterien. Erst der Vergleich zeigt, wo man wirklich steht, vorausgesetzt, es wird dasselbe gemessen."

Zwölf Länder, ein Ranking: woher die 3,1 Prozent stammen

Die Zahl stammt aus einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln aus dem Jahr 2025. Auf Basis von Eurostat-Daten verglichen Grömling, Voigtländer und Wetzstein die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in der Bauwirtschaft für zwölf europäische Volkswirtschaften über den Zeitraum 2005 bis 2023, gemessen als reale Bruttowertschöpfung je Erwerbstätigen.

Das Ergebnis: Nur fünf der zwölf Länder verzeichneten eine positive Entwicklung, die Niederlande mit plus 0,8 Prozent pro Jahr, Dänemark mit plus 0,7, Belgien und Spanien mit je plus 0,3. Der Schnitt der 27 EU-Länder liegt bei minus 0,7 Prozent. Frankreich und Deutschland folgen mit minus 1,5 beziehungsweise minus 1,6 Prozent auf den vorletzten Plätzen, die Schweiz liegt mit minus 0,6 Prozent nahe am EU-Schnitt. Österreich bildet mit minus 3,1 Prozent das Schlusslicht, mehr als das Vierfache des EU-Durchschnitts.

Wichtig für das Verständnis der Zahl: Sie ist preisbereinigt. Der Vorwurf, die Baukostenexplosion von 2021 und 2022 habe die Statistik aufgebläht, greift bei diesem Wert nicht. Er trifft nominale Kennzahlen, nicht diese.

Zwischen 2005 und 2023 sank die Arbeitsproduktivität der österreichischen Bauwirtschaft durchschnittlich um 3,1 Prozent pro Jahr – der schwächste Wert unter den untersuchten Ländern.

- © Institut der deutschen Wirtschaft; Daten: Eurostat

Index 71: Was hinter dem Schlusslicht steckt

Was den Wert dann erklärt, steht im IW-Gutachten selbst, wird in der öffentlichen Wiedergabe aber selten mitzitiert: Der Rückgang ist zu einem wesentlichen Teil auf den Einbruch der Produktion zurückzuführen. Die reale Bruttowertschöpfung des österreichischen Baugewerbes lag 2023 bei einem Indexwert von 71, gemessen an 2005 als Basisjahr. Das sind fast 29 Prozent weniger Bauleistung als 18 Jahre zuvor.

Der Vergleich macht die Dimension deutlich. Im selben Zeitraum kamen die Niederlande auf einen Indexwert von 133, Dänemark auf 128, Belgien auf 125, die Schweiz auf 111. Deutschland lag mit 88 ebenfalls unter dem Ausgangsniveau, Österreich mit 71 auf dem vorletzten Platz aller zwölf Länder, nur vor Spanien.

Dazu kommt der zweite Effekt, den das IW-Gutachten ausdrücklich benennt: Bei rückläufiger Auftragslage halten Bauunternehmen an ihrer Belegschaft fest, aus sozialen Erwägungen ebenso wie aus der Überlegung, bei einer Erholung über qualifiziertes Personal zu verfügen. Rechnerisch sinkt dadurch die Arbeitsproduktivität, ohne dass ein einzelner Beschäftigter langsamer arbeitet.

Beides zusammen, weniger Bauleistung bei gleich bleibender Mannschaft, ergibt einen Bruch nach unten in der Statistik. Er misst die Auftragslage und die Personalpolitik, nicht die Geschwindigkeit auf der Baustelle.

Österreichs reale Bauwertschöpfung erreichte 2023 nur noch einen Indexwert von 71. Gegenüber dem Basisjahr 2005 entspricht das einem Rückgang von fast 29 Prozent.

- © Institut der deutschen Wirtschaft; Daten: Eurostat

Minus 1,7 Prozent auch ohne Krise

An dieser Stelle wäre es bequem, die Zahl abzuräumen und zur Tagesordnung überzugehen. Die Studie lässt das nicht zu, und das ist ihr Verdienst.

Denn das IW-Gutachten weist auch den Referenzzeitraum 2011 bis 2019 aus, eine Phase ohne ausgeprägte externe Krisen: Österreich liegt dort bei minus 1,7 Prozent pro Jahr und zählt damit auch ohne Baurezession, ohne Zinsschock und ohne KIM-Verordnung zu den schwächsten Entwicklungen in Europa. Deutschland kam im selben Zeitraum auf minus 0,8 Prozent, die Schweiz auf minus 0,1. Die Studie hält dazu fest, dass das strukturelle Problem nicht allein konjunkturell erklärbar ist.

Der Befund lautet damit doppelt: Die berühmte Zahl übertreibt, aber sie erfindet nichts. Etwa die Hälfte des Rückstands auf Deutschland bleibt auch in guten Jahren bestehen.

29 Prozent messen vierteljährlich

Womit die Branche gegen die Zahl argumentieren könnte, sind eigene Daten. Die hat sie kaum.

Die Metastudie zitiert die Construction Productivity Reports des Royal Institution of Chartered Surveyors: Nur 29 Prozent der befragten Unternehmen messen ihre Produktivität vierteljährlich, bei über 25 Prozent findet keine oder keine regelmäßige Messung statt. Europa schneidet dabei unter allen Weltregionen am schlechtesten ab, hinter Amerika, dem Nahen Osten, Asien-Pazifik und Großbritannien. Wie eine der wenigen Firmen aussieht, die zur ersten Gruppe zählt, beschreibt Anton Rieder weiter unten im Interview.

Noch deutlicher wird es bei der Frage, was überhaupt gemessen wird. Die weltweit am häufigsten verwendete Definition von Arbeitsproduktivität, „earned value over the actual cost", kommt auf 26,8 Prozent der Antworten. In Amerika dominiert eine andere, „output per worker hour". Keine einzige Definition erreicht auch nur annähernd eine Mehrheit. Eine Metastudie der TU Braunschweig, die 173 Quellen ausgewertet hat, brachte das schon 2022 auf die Formel: Produktivität ist nicht gleich Produktivität.

Genau hier liegt der Kern der Innsbrucker Arbeit. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Diskussion über Produktivität am Bau weniger an fehlenden Daten leidet als an einem uneinheitlichen Begriffsverständnis. Wer Unterschiedliches misst, zieht folgerichtig unterschiedliche Schlüsse.

  • Anton Rieder, Bundesinnungsmeister-Stellvertreter der Bundesinnung Bau

    „Steigende Normenflut, administrative Anforderungen, ineffiziente Schnittstellen: All das kostet auf der Baustelle Zeit und Geld. Solange wir das nicht sauber messen können, reden wir aneinander vorbei.“

Warum das Absturzgerüst die Statistik verschlechtert

Es gibt eine Kennzahl, die auf der Baustelle tatsächlich seit Jahrzehnten erhoben wird: den Aufwandswert. Er gibt an, wie viele Personenstunden nötig sind, um eine Leistungseinheit herzustellen, etwa einen Quadratmeter Schalung. Er ist der Kehrwert der Produktivität, ein hoher Aufwandswert bedeutet niedrige Produktivität.

Und dieser Wert reagiert auf alles, was zusätzlich zu tun ist. Bevor heute betoniert wird, steht ein Absturzgerüst. Das kostet Stunden, die auf denselben Quadratmetern verrechnet werden, die Mannstärke im Verhältnis zur Fläche steigt, der Aufwandswert ebenso. Das Ergebnis: weniger Arbeitsunfälle und eine schlechtere Produktivitätskennzahl, gleichzeitig, aus derselben Maßnahme.

Dasselbe Muster wiederholt sich beim Trittschallschutz, bei Qualitätsanforderungen, bei Dokumentationspflichten. Jede zusätzliche Schichtstärke, jeder zusätzliche Nachweis kostet Stunden pro Quadratmeter. Bei einem europäischen Ländervergleich, der diese Rahmenbedingungen nicht mitmisst, schlägt sich der höhere Standard als schwächere Produktivität nieder.

Als weiteren Faktor benennt die Studie die im DACH-Raum institutionell verankerte Trennung von Planung und Ausführung. In der Unternehmensbefragung des IW nennen 73 Prozent jener Bauunternehmen, die künftig schwaches Produktivitätswachstum erwarten, Regulierung und Bürokratie als stark produktivitätshemmend.

Der größere Hebel liegt im administrativen Bereich

Wo also ansetzen? Die Zahlen aus Deutschland geben eine Richtung vor. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie hat 2024 einen statistischen Befund vorgelegt, der noch schärfer ausfällt als der österreichische: Die Arbeitsproduktivität je Stunde im deutschen Baugewerbe lag 2023 rund 23 Prozent unter dem Niveau von 1991. In 32 Jahren hat sie das Ausgangsniveau genau einmal überschritten, 1992. Das verarbeitende Gewerbe legte im selben Zeitraum um 103 Prozent zu, die Gesamtwirtschaft um 46 Prozent.

Als Ursache benennt der Verband nicht die Beschäftigten, sondern das Investitionsverhalten: Während das verarbeitende Gewerbe seine realen Bruttoinvestitionen in neue Anlagen von 1991 bis 2023 um 23 Prozent steigerte, senkten sie die Bauunternehmen um 3,3 Prozent. Parallel verschob sich die Qualifikationsstruktur: Der Anteil geringqualifizierter Hilfskräfte im deutschen Bauhauptgewerbe stieg von 15 Prozent im Jahr 2013 auf 21 Prozent im Jahr 2023, der Fachkräfteanteil sank von 71 auf 63 Prozent. Dazu kommt eine wachsende Zahl kaufmännisch-technischer Angestellter, deren Aufgaben zunehmend von Berichtspflichten geprägt sind, ohne zur Wertschöpfung beizutragen.

Genau dort verortet die ZAB den größeren Hebel. Nicht bei der Maurerkolonne, sondern im administrativen Bereich, der über die Jahrzehnte gewachsen ist, während die Zahl der Leute auf der Baustelle gleich blieb.

Um das überhaupt analysierbar zu machen, schlägt die Studie eine neue Unterscheidung vor: zwischen direkter und indirekter Produktivität. Direkte Produktivität umfasst alles, was unmittelbar zum Leistungsfortschritt beiträgt, Erdarbeiten, Betonage, Montage, konstruktive Planung. Indirekte Produktivität meint unterstützende Prozesse, Koordination, Dokumentation, Qualitätssicherung, Genehmigungsverfahren.

Die Trennlinie verläuft dabei ausdrücklich nicht zwischen Baustelle und Büro. Der Bauleiter erzeugt keinen messbaren Baufortschritt, zahlt über Logistik und Koordination aber direkt darauf ein. Die Buchhaltung zählt zur indirekten Seite. Ein hoher Anteil indirekter Tätigkeiten kann auf organisatorische Notwendigkeiten hinweisen oder auf Ineffizienz durch Bürokratie und mangelhafte Planung. Wer beides nicht auseinanderhalten kann, weiß nicht, wo er ansetzen soll.

Während sich die Arbeitsproduktivität des verarbeitenden Gewerbes seit 1991 mehr als verdoppelte, sank sie im deutschen Baugewerbe um 23 Prozent. Die Gesamtwirtschaft legte im selben Zeitraum um 46 Prozent zu.

- © Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. / Kraus; Daten: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen

Ohne Daten keine KI

Die Studie sieht in der Digitalisierung Potenzial: BIM-basierte Prozesse, automatisierte Datenerfassung, digitale Auswertungen könnten präzisere Einblicke in Leistungsprozesse ermöglichen. Voraussetzung sind einheitliche Kennzahlensysteme und klar definierte Begriffe. Beides fehlt.

Und es fehlt an etwas Grundsätzlicherem. Ein Bautagesbericht, in dem steht, dass drei Mann vier Stunden lang eine Wand betoniert haben, liegt in der Praxis meist als PDF auf einem Laufwerk. Als Text. Damit kann kein System weiterrechnen. Die Erwartung an Künstliche Intelligenz ist in der Branche derzeit groß, sie soll Fachkräftemangel und Bürokratie zugleich auflösen. Die Vorfrage lautet, wo die Daten liegen, mit denen sie das tun soll.

  • Harald kopececk bauakademie
    Harald Kopececk, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Bau

    „Wer nicht weiß, wo Produktivität verloren geht, kann auch nicht gezielt gegensteuern. Die Studie schafft dafür erstmals eine gemeinsame begriffliche Grundlage.“

Was als Nächstes kommt

Die Metastudie ist bewusst als Grundlagenarbeit angelegt, nicht als Antwort. Sie hat erhoben, was da ist, und festgestellt, dass es sich nicht vergleichen lässt. Der nächste Schritt soll die Hemmnisse selbst untersuchen und die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre erklären, dazu den Betrieben ein Werkzeug in die Hand geben, wie sie sich selbst messen können. Eingereicht wird im Herbst, die Bearbeitung soll rund ein halbes Jahr dauern. Ergebnisse sind damit im Frühjahr oder Vorsommer 2027 zu erwarten.

Bis dahin bleibt die Zahl im Umlauf. Sie wird weiter zitiert werden, in Präsentationen und in politischen Debatten, und sie wird weiter so gelesen werden, als ginge es um die Geschwindigkeit auf der Baustelle. Was sie tatsächlich zeigt, ist eine Branche, deren reale Bruttowertschöpfung fast 29 Prozent unter dem Niveau von 2005 liegt und die ihre Beschäftigten dennoch weitgehend gehalten hat.

Im Gespräch: Anton Rieder, Bundesinnungsmeister-Stellvertreter und Geschäftsführer Riederbau

Anton Rieder ist einer der Bauunternehmer, die ihre Produktivität seit Jahrzehnten systematisch messen. Im Gespräch erklärt er, was seine eigenen Zahlen zeigen, und warum er die Trennung von Planung und Ausführung für das zentrale Problem der Branche hält.

Anton Rieder, Geschäftsführer von Riederbau und Bundesinnungsmeister-Stellvertreter der Bundesinnung Bau, erhebt seit 1999 Leistungsdaten seiner Baustellen. Vorfertigung, Standardisierung und eine engere Verbindung von Planung und Ausführung sieht er als entscheidende Produktivitätshebel.

- © CHRISTOPHASCHER.AT

SOLID: Herr Rieder, ist die Produktivität am Bau aus Ihrer Sicht wirklich so stark rückläufig? Kolportiert werden bis zu minus 3,1 Prozent pro Jahr.

Anton Rieder: Man muss zuerst sagen, diese minus 3,1 Prozent kommen aus einer deutschen Vergleichsstudie. Österreichische Studien kommen auf andere Werte, zwischen minus 0,7 und 0,9 Prozent, was immer noch schlimm genug ist, und das seit rund zwei Jahrzehnten. Über die genaue Höhe kann man streiten, da sind sich die Experten nicht einig. Aber alle Studien weisen in dieselbe Richtung, deshalb halte ich es für Realität, dass ein Minus davorsteht, auch wenn ich mich auf die exakte Zahl nicht festlegen würde.

Wo geht denn konkret Produktivität verloren?

Ein gutes Beispiel ist die Arbeitssicherheit. Genau das erlebe ich in meinem eigenen Betrieb ständig: Jede zusätzliche Sicherheitsmaßnahme, die wir zu Recht einbauen, etwa ein Arbeitsgerüst mit Absturzsicherung, kostet zwei, drei Leute mehr für dieselbe Tätigkeit und drückt auf denselben Quadratmeterwert. Wir werden dadurch sicherer und in der Statistik gleichzeitig schlechter.

Gibt es auch Anforderungen, die aus Ihrer Sicht keinen Sinn machen?

Da sind wir uns vermutlich nicht einig, was Sinn macht, das ist das eigentliche Problem. Nehmen wir stattdessen ein Beispiel, das sinnvoll ist und uns trotzdem Schwierigkeiten macht: Energieeffizienz. Vor 20, 30 Jahren war das kein Thema, deshalb war Bauen einfacher. Heute erzeugen etwa unsere Wärmebrücken sehr komplizierte Anschlussdetails, die auf der Baustelle deutlich mehr Zeit kosten. Am Ende steht derselbe Quadratmeter Wohnraum, nur der Weg dorthin ist viel aufwendiger geworden.

Liegt es also nur an Regulierung, oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?

Auch die Mitarbeiter verändern sich. Wir haben nach wie vor sehr gute Leute auf den Baustellen, das zeigen internationale Wettbewerbe. Aber junge Leute wachsen heute anders auf, im städtischen Wohnbau, mit Gaming statt mit Bäumeklettern, und tun sich dadurch schwerer, sich auf der Baustelle körperlich zurechtzufinden. Das Handwerk selbst bleibt gleich, aber die Voraussetzungen der Leute, die es ausüben, ändern sich, und handwerkliche Tätigkeiten sind gesellschaftlich nicht mehr besonders angesehen.

Ist das ein spezifisch österreichisches oder ein europäisches Problem?

Das Interessante an der deutschen Vergleichsstudie ist: Es betrifft speziell den DACH-Raum, Deutschland, Österreich, Schweiz. Dänemark und die Niederlande verzeichnen steigende Produktivität, obwohl sie ebenso in der EU sind. Das Argument, Brüssel sei schuld, trifft also nicht zu. Es liegt eher an regionaler Regulierung, an deren Umsetzung und an einer bestimmten Mentalität. In Skandinavien wären viele Details, die dort gebaut werden, bei uns ein Mangel, aber im Gesamtbild funktioniert es trotzdem gut. Dort kapriziert man sich nicht auf die letzten drei Prozent Perfektion. Bei uns schon, und genau das erzeugt einen enormen Mehraufwand. Das ist ein DACH-spezifisches Problem.

Die Studie unterscheidet zwischen direkter und indirekter Produktivität. Wo sehen Sie in Ihrem eigenen Betrieb das größere Problem?

Im indirekten Bereich. Ein starkes Indiz: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der Arbeiter am Bau bei uns in etwa konstant geblieben, während sich die Zahl der Angestellten in etwa verdoppelt hat.

Sehen Sie in Digitalisierung und KI ein Potenzial, die Produktivität zu steigern?

Wir sind gerade mitten im KI-Frust, die anfängliche Euphorie ist etwas verschwunden, weil wir in der praktischen Umsetzung noch nicht den großen Gamechanger sehen. Grundsätzlich habe ich Zweifel, ob Digitalisierung allein hilft: Wir haben inzwischen enorm viel Software im Einsatz, ohne dass sich das in der Produktivitätsstatistik niederschlägt. Offenbar setzen wir, sobald etwas einfacher wird, gleich wieder neue Anforderungen obendrauf, wodurch es insgesamt wieder komplizierter wird. Ich bin nicht sicher, ob KI daran etwas ändert, manche Dinge könnten dadurch sogar noch komplexer werden.

Und wie steht es um die Haftungsfrage bei KI?

Das ist relativ klar geregelt, ähnlich wie bei Software: Wenn jemand eine Statiksoftware kauft und die Brücke fällt herunter, haftet nicht der Softwarehersteller, sondern der Statiker, der sie bedient hat. Bei KI wird das ähnlich sein. Komplizierter wird es erst, wenn auf beiden Seiten, bei Kunde und Lieferant, jeweils eine KI im Einsatz ist. Dann wird sich im Streitfall erst zeigen, wie die Verantwortung verteilt wird.

Was sind für Sie dann die wichtigsten Stellschrauben, um die Produktivität zu erhöhen?

Ich orientiere mich an drei Produktivitätshebeln: Erstens Vorfertigung, wofür es aber auch Systematisierung und Standardisierung braucht, und vor allem die Auflösung der Trennung von Planung und Ausführung. Wenn ich als Ausführender nicht von Anfang an im Projekt eingebunden bin, kann ich hinten heraus nicht standardisieren und vorfertigen. Zweitens durchgängige Prozesse über alle Projektphasen und Gewerke hinweg, was am klassischen Werkvertragssystem mit Einzellosvergabe und getrennter Planung und Ausführung bisher scheitert. Drittens serielles Bauen: einmal planen, mehrfach bauen, statt bei jedem Projekt neu zu prototypisieren.

Könnte durchgängige Digitalisierung diese Fragmentierung nicht überwinden?

Bisher nicht. Entweder wir finden digitale Wege, die uns in einer fragmentierten Projektlandschaft zusammenzubringen, was uns bislang nicht gelungen ist, BIM ist dabei, ehrlich gesagt, krachend gescheitert. Oder wir ändern die Zusammenarbeitsmodelle selbst, wie es etwa in Skandinavien üblich ist. Allianzverträge, wie sie sich jetzt auch in Deutschland entwickeln, gehen in diese Richtung, wenn auch aus meiner Sicht noch nicht weit genug. Ich entwickle deshalb mit unserem Softwareunternehmen eine eigene Lösung, die nicht das Gebäude selbst standardisiert wie im Systembau, sondern den Prozess des individuellen Bauens.

Wie messen Sie Produktivität in Ihrem eigenen Unternehmen?

Wir messen die direkte Produktivität auf der Baustelle. Der Polier führt einen Tagesbericht nach rund 20 Bauarbeitsschlüsseln, etwa Wandschalung oder Deckenbeton, kategorisiert nach Bauabschnitt, also Untergeschoß, Erdgeschoß, Haus A oder Haus B, mit dem täglichen Stundenaufwand je Schlüssel. Diese Ist-Werte werden laufend mit den Sollvorgaben aus der Kalkulation verglichen: Für 500 Quadratmeter Wandschalung im Erdgeschoß sind zum Beispiel 200 Stunden kalkuliert, danach wird abgeglichen.

Und wie hat sich Ihre Produktivität seit Messbeginn entwickelt?

Seit 1999 messen wir durchgängig. Über diesen Zeitraum ist die Produktivität um etwa 30 bis 50 Prozent gesunken, etwa bei Wand- oder Deckenschalung. Seit wir ein eigenes Holzhybridbausystem mit Vorfertigung, Standardisierung und hoher Flexibilität entwickelt haben, dreht der Trend erstmals wieder in die richtige Richtung, auch wenn wir das Niveau von vor 20, 25 Jahren noch nicht wieder erreicht haben. Das bestätigt für mich: Wer starken Einfluss auf die Planung hat und diese von der Baustelle her denken darf, kommt auch wieder zu besserer Produktivität. Deshalb liegt der größte Hebel für mich ganz vorne, in einer praxis- und baustellenorientierten Planung.

Woher kommt diese Trennung zwischen Planung und Baustelle überhaupt?

Als ich an der Universität Innsbruck studierte, gab es noch eine gemeinsame Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen, die dann getrennt wurde. Seither reden die beiden Disziplinen kaum mehr miteinander, die eine Seite hat sich Richtung Kunst entwickelt, die andere Richtung Theorie, und beide haben sich damit von der Baustelle entfernt. Um so zu planen, dass etwas einfach auszuführen ist, braucht es aber praktische Erfahrung, die fehlt, wenn man rein theoretisch ausgebildet ist und nie auf eine Baustelle kommt.

Diese strikte Trennung der Disziplinen ist dabei Gift für jede Produktivitätsüberlegung. Keine andere Industrie funktioniert so: Ein Autohersteller entscheidet selbst über die Konstruktion seiner Fahrzeuge, nicht ein externer Designer. Bei uns ist es umgekehrt, der Architekt sagt, wie gebaut wird, und dann wundern wir uns, dass alles wie ein Prototyp abläuft.

Sehen Sie eine Lösung, ohne diese Trennung komplett aufzuheben?

Ja, ein Entwurfsarchitekt kann durchaus mit jemandem zusammenarbeiten, der die eigentliche technische Planung übernimmt, so ist es in anderen Ländern üblich: Entwurfsarchitekten auf der einen Seite, Planungsbüros oder Generalunternehmer, die die Detailplanung machen, auf der anderen. Problematisch finde ich die strikte Trennung an sich, ebenso wie den Fokus mancher Architekturwettbewerbe darauf, wer das individuellste, außergewöhnlichste Gebäude entwirft. Für ein Museum finde ich das durchaus reizvoll, aber nicht im sozialen Wohnbau. Wir müssen Planung und Ausführung wieder zusammenbringen, in welcher Form auch immer.

Wird das Thema Produktivität in der Branche insgesamt unterschätzt?

Ich glaube schon, es ist ein Minderheitenthema. Viele reden darüber, ohne sich wirklich in die Materie zu vertiefen, das erlebe ich auch bei CEOs großer Baukonzerne, die behaupten, produktiver zu werden, es aber nicht belegen können. Dabei ist Produktivität einer der Haupttreiber der gestiegenen Baukosten: Schon ein Minus von einem Prozent pro Jahr summiert sich über mehrere Jahre zu deutlich höheren Kosten, als man auf den ersten Blick annehmen würde. Wenn wir gerade im individuellen Bauen unproduktiv bleiben, werden uns die Systembauer, die andere Voraussetzungen haben, einen Teil des Marktes abnehmen, besonders im Mittelstand.

Woran liegt es, dass dem Thema so wenig Bedeutung beigemessen wird?

In den Boomjahren bis etwa 2022 war es fast egal, wie produktiv man arbeitete, es wurde ohnehin alles verkauft. Solche Phasen sind dem Thema nicht förderlich, erst wenn es schwieriger wird, wie jetzt, wird Produktivität wieder relevant.