Elektrifizierung der Baustelle : 85 Tonnen ohne Diesel: Wie selbst schwere Baumaschinen elektrisch werden

Copenhagen, DW15e, EZ17e, Kopenhagen, Zero Emission

Elektrifizierung im Kompaktbereich: Wacker Neuson bietet unter anderem elektrische Dumper und Minibagger an. In Österreich stehen die Zero-Emission-Maschinen des Herstellers auch zur Miete zur Verfügung.

- © www.marcushassler.de / Wacker Neuson

Ein Bohrgerät mit bis zu 85,5 Tonnen Einsatzgewicht kann heute vollständig elektrisch arbeiten. Der Liebherr LB 30 unplugged aus dem Werk Nenzing bringt es je nach Ausstattung auf 75,5 bis 85,5 Tonnen, 297 Kilonewtonmeter Drehmoment und bis zu 70,8 Meter Bohrtiefe – ohne Leistungseinschränkung gegenüber der Dieselversion. Im reinen Akkubetrieb ist die Maschine auf rund vier Stunden ausgelegt. Hängt sie am Baustrom, kann sie mit unveränderter Bohrleistung weiterarbeiten. Je nach Anschluss genügen dafür 20 Kilowatt an 32 Ampere, 40 Kilowatt an 63 Ampere oder optional 80 Kilowatt an 125 Ampere.

Der Grund: Ein Drehbohrgerät verbringt seinen Arbeitstag weitgehend an einem Bohrpunkt. Ein Dumper dagegen fährt permanent über die Baustelle und muss seine Energie mitführen. Genau deshalb bestätigt auch Liebherr auf SOLID-Anfrage: Das Maschinengewicht allein ist keine geeignete Kennzahl für die Elektrifizierbarkeit. Entscheidend sind Einsatzdauer, Leistungsbedarf, Anwendung und Infrastruktur.

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Klein ist längst Realität

Wacker Neuson entwickelt und fertigt am Standort Linz Dumper und Bagger und bietet bei Elektrobaggern drei Modelle bis zur 3-Tonnen-Klasse sowie elektrische Dumper bis 1,5 Tonnen Nutzlast. Der EZ26e mit 2,5 Tonnen Betriebsgewicht besitzt eine 39-Kilowattstunden-Batterie und erreicht je nach Anwendung laut Hersteller bis zu einem vollen Arbeitstag. Geladen wird mit maximal 9,9 Kilowatt Onboard-Ladeleistung über 230- oder 400-Volt-Anschlüsse. In Österreich bietet Wacker Neuson außerdem den elektrischen Kramer-Radlader 5065e an.

Dass elektrische Kleinmaschinen noch kein Massenmarkt sind, zeigt die Kaufseite. KUHN Baumaschinen beziffert den Anteil vollelektrischer Maschinen an seinen österreichischen Verkäufen auf einen unteren einstelligen Prozentbereich; eine wesentliche Veränderung der Nachfrage sei derzeit nicht erkennbar. Lieferbar sind die Komatsu-Minibagger PC20e, PC26e und PC33e. Die größeren PC138E-11 und PC210E-11 sind in Österreich derzeit noch nicht regulär bestell- und lieferbar. Gerade bei großen Baustellen sieht KUHN die Stromversorgung weiterhin als logistisches Problem.

39 Tonnen Nutzlast, 540 Kilowattstunden

Technisch reicht das Angebot wesentlich weiter. Volvo fertigt seit April 2026 die batterieelektrischen Knickdumper A30 und A40 in Serie. Der A40 trägt 39 Tonnen Nutzlast und verfügt über 540 Kilowattstunden Batteriekapazität. Geladen wird mit bis zu 350 Kilowatt Gleichstrom, von 20 auf 80 Prozent in rund einer Stunde.

Wie entscheidend der Bautakt ist, zeigt der Einsatz mehrerer A30 Electric beim norwegischen Wasserkraftprojekt Hemsil 3. Dort entstehen beim Sprengvortrieb ohnehin Unterbrechungen im Arbeitszyklus, die zum Laden genutzt werden können. Nicht allein die Frage, ob ein Akku einen ganzen Arbeitstag durchhält, entscheidet über die Praxistauglichkeit, sondern ob sich Laden in den Produktionsablauf integrieren lässt.

Österreichisches Praxisbeispiel: Das batterieelektrische Drehbohrgerät LB 16 unplugged von Liebherr kommt auf der Autobahnbaustelle in Bürs zum Einsatz.

- © Liebherr-International

Wenn die Energie zur zweiten Maschine wird

Mit der Leistung wachsen die Anforderungen an die Baustellenversorgung. Ein dreiphasiger 400-Volt-Anschluss liefert bei 32 Ampere rund 22 Kilovoltampere, bei 63 Ampere rund 44 und bei 125 Ampere rund 87. Ein Dumper mit bis zu 350 Kilowatt Ladeleistung liegt deutlich darüber.

Dafür entstehen mobile Speicherlösungen. Volvo bietet mit dem PU500 bis zu 540 Kilowattstunden Speicherkapazität und einen integrierten 240-Kilowatt-DC-Schnelllader. Der Liebherr LPO 600 soll ab 2027 mit 564 Kilowattstunden Bruttoenergieinhalt und zwei DC-Schnellladestationen zu je 150 Kilowatt verfügbar sein. Ergänzt wird das System durch den Energy Planner. Das digitale Werkzeug befindet sich in der abschließenden Pilotphase und wird bereits von Partnerunternehmen für reale Projekte genutzt; der breite Rollout ist für Herbst vorgesehen.

Damit wird Energie zunehmend Teil des Flottenmanagements. Liebherr erwartet, dass künftig neben Verfügbarkeit und Wartung auch Ladezeiten, Netzanschlüsse, Speicher und Versorgungssicherheit stärker mitgeplant werden. Geräteverantwortliche müssten deshalb aber nicht zu Energieexperten werden; digitale Werkzeuge sollen Transparenz schaffen.

Der Preis bleibt eine Hürde

Liebherr nennt für batterieelektrische Maschinen derzeit häufig einen Anschaffungsaufschlag ab rund 20 Prozent gegenüber vergleichbaren Dieselmaschinen. Pauschale TCO-Werte gibt es jedoch nicht: Energie- und Betriebskosten, Wartung, Auslastung, Ladeinfrastruktur, Service und Wiederverkaufswert unterscheiden sich je nach Einsatz. In geeigneten Anwendungen können E-Maschinen laut Unternehmen durch ihren Wirkungsgrad sowie geringere Betriebs- und Wartungskosten bereits heute wirtschaftlich attraktiv sein.

Mit der Batterie kommt zugleich eine neue Fuhrparkkennzahl hinzu. Wacker Neuson gibt an, dass die eingesetzten Lithium-Ionen-Zellen auch nach 2.000 Vollladezyklen noch mindestens 80 Prozent State of Health beziehungsweise Restkapazität aufweisen. Mit dem TÜV-zertifizierten „Certified Battery Check“ lässt sich der Batteriezustand unabhängig dokumentieren. Gerade beim Wiederverkauf gebrauchter Elektromaschinen dürfte dieser Wert künftig eine ähnliche Rolle spielen wie Betriebsstunden und Servicehistorie.

Es gibt nicht die eine Gewichtsgrenze

Die Elektrifizierung des Geräteparks verläuft nicht entlang einer einfachen Tonnen-Grenze. Ein stationär arbeitendes 85-Tonnen-Bohrgerät kann leichter elektrisch zu betreiben sein als ein wesentlich leichterer Dumper, der permanent unterwegs ist. Kleine Maschinen sind vielfach verfügbar, große Geräte technisch längst möglich – doch mit ihnen wachsen Anforderungen an Ladeleistung, Infrastruktur und Planung.

Für Fuhrparkverantwortliche verschiebt sich damit die zentrale Frage: nicht mehr nur, welche Maschine für einen Einsatz geeignet ist, sondern auch, welche Energieversorgung zu ihrem Arbeitszyklus passt.