Baustoffe : “Wir wollen kein Holz als Tragkonstruktion bei kritischen Infrastrukturgebäuden“

Anton Glasmaier

Anton Glasmaier, Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke (VÖB), fordert bei Förderprogrammen und öffentlichen Ausschreibungen echte Baustoffneutralität statt vorgegebener Materialentscheidungen.

- © Stefan Seelig

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SOLID: Herr Glasmaier, was stört Sie an der Forschungsinitiative zur Energieinfrastruktur aus Holz?

Anton Glasmaier: Wir reden hier teilweise über kritische Infrastruktur: Wasserkraftwerke, Windkraftanlagen, Anlagen für Stromnetze und perspektivisch auch Infrastruktur für Wasserstoffsysteme. Gleichzeitig wird über den Waldfonds gezielt erforscht, wie das Potenzial von Holz in diesen Bereichen ausgeschöpft werden kann. Genau da beginnt unsere Kritik. Nicht deshalb, weil mit Holz geforscht wird, sondern weil wir die viel zitierte Baustoffneutralität vermissen.

Es gibt eine eigene Förderschiene für Holz. Das ist aus Sicht des Forstbereichs nachvollziehbar. Aber gleichzeitig gibt es seit Jahrzehnten keinen Bautenminister, der sich baustoffneutral um das Bauen kümmert. Bauen und Wohnen sind auf mehrere politische Zuständigkeiten verteilt. Das ist aus meiner Sicht ein strukturelles Ungleichgewicht. 

Ihre Forderung lautet also nicht, Holz aus solchen Anwendungen auszuschließen?

Nein. Wir wollen echte Materialoffenheit. Ich kann mit Holz arbeiten, mit Holz-Hybrid, Beton-Hybrid oder anderen Lösungen. Eigentlich ist ohnehin fast jedes Gebäude ein Hybridgebäude. Entscheidend sollte sein, welche Ziele erreicht werden müssen.

Wir können CO₂ durch Materialreduktion einsparen, wir können Bauteile wiederverwenden, wir können unterschiedliche Baustoffe kombinieren. Es gibt viele Möglichkeiten, zu einem guten Ergebnis zu kommen. Deshalb sollte eine Ausschreibung Zielvorgaben machen und nicht von vornherein sagen: Wir wollen dieses Ziel mit genau einem bestimmten Baustoff erreichen. 

Sie nennen Trafostationen bereits als konkretes Beispiel.

Ja. In Kärnten sind bereits Trafostationen aus Holz im Einsatz. Nach unserem Informationsstand werden diese derzeit in Deutschland produziert – mit österreichischem Holz, das zunächst nach Deutschland transportiert und als fertige Konstruktion wieder nach Österreich zurückgebracht wird.

Auch solche Transportwege gehören für mich zu einer ehrlichen Nachhaltigkeitsbetrachtung. Es reicht nicht, nur zu sagen: Der Baustoff speichert CO₂, also ist automatisch die gesamte Lösung nachhaltig. 

Warum halten Sie Stahlbeton gerade bei kritischer Infrastruktur für besser geeignet?

Wenn wir etwa über Wasserkraft sprechen, kann Stahlbeton mit Wasser sehr gut umgehen. Wenn Betondeckung, Konstruktion und Ausführung stimmen, können wir Bauteile herstellen, die über Jahrzehnte Wasserdruck standhalten und die erforderliche Dichtheit gewährleisten.

Das zweite große Thema ist Feuer. Ich sage es bewusst zugespitzt: Beton brennt nicht, Holz brennt. Natürlich kann man auch Holzkonstruktionen so ausführen, dass sie die erforderlichen Brandschutzklassen erreichen. Man kann sie beplanken, dämmen und entsprechend schützen. Das funktioniert.

Die entscheidende Frage ist für mich aber, wie robust dieses System über 30, 40 oder 50 Jahre bleibt. Gebäude werden verändert. Kabel werden neu geführt, Durchführungen hergestellt, Steckdosen versetzt, Haustechnik umgebaut. Bei der Abnahme kann alles brandschutztechnisch perfekt sein. Aber können Sie gewährleisten, dass dieser Zustand über die gesamte Lebensdauer erhalten bleibt? Gerade bei kritischer Infrastruktur ist das eine wesentliche Frage. 

Damit stellen Sie auch das Nachhaltigkeitsargument für Holz infrage.

Ich stelle nicht infrage, dass Holz in der Errichtungsphase einen Vorteil durch die Kohlenstoffspeicherung haben kann. Aber mir ist diese Betrachtung zu eindimensional.

Wir müssen den gesamten Lebenszyklus anschauen: Errichtung, Nutzung, Instandhaltung und am Ende Rückbau, Wiederverwendung oder thermische Verwertung. Meine Einschätzung ist, dass der Vorteil der CO₂-Speicherung je nach Gebäudetyp über den gesamten Lebenszyklus vielleicht noch in einer Größenordnung von zehn bis 15 Prozent liegt. In der Errichtungsphase sieht das natürlich anders aus. Beim Rückbau oder bei thermischer Verwertung wird aber wiederum CO₂ freigesetzt.

Deshalb würde ich nicht aus einer guten Bilanz in den Phasen A1 bis A3 automatisch ableiten, dass die Lösung über den gesamten Lebenszyklus besser ist. 

Die Beton- und Zementindustrie selbst steht wegen ihrer CO₂-Emissionen allerdings ebenfalls massiv unter Druck.

Absolut. Wir müssen unseren CO₂-Fußabdruck reduzieren. Ein Teil der Emissionen bei der Zementherstellung entsteht allerdings chemisch bei der Umwandlung von Kalkstein zu Klinker. Diesen Anteil können wir nicht einfach durch eine effizientere Energieversorgung eliminieren. Deshalb wird so intensiv über Carbon Capture and Storage diskutiert.

Gleichzeitig müssen wir weniger Beton für dieselbe Leistung einsetzen. Fertigteile sind dafür prädestiniert. Bei vorgespannten Hohldielendecken verwenden wir beispielsweise nur rund 60 Prozent der Betonmenge einer Vollbetondecke. Durch kontrollierte Produktionsbedingungen können auch Wände schlanker ausgeführt werden. Hinzu kommen Entwicklungen wie Carbonbeton und alternative Bewehrungen.

Wir behaupten also keineswegs, dass bei Beton nichts passieren muss. Im Gegenteil. Aber die Antwort kann nicht sein, einen Baustoff pauschal zum nachhaltigen und einen anderen zum nicht nachhaltigen Baustoff zu erklären. 

Wo sehen Sie den Einsatz von Holz heute schon kritisch?

Neben den erwähnten Trafostationen gibt es verschiedene Holz- und Hybridlösungen im Infrastrukturbereich. Diskutiert werden unter anderem Wasserkraftwerke, Stromnetzinfrastruktur und künftig möglicherweise Wasserstoffsysteme.

Ein anderes Beispiel sind Müllsammelstellen oder Hallen für die Abfallsammlung. Dort haben wir durch falsch entsorgte Batterien und Akkus eine reale Brandgefahr. Dann frage ich mich schon, warum ausgerechnet bei einem Gebäude mit einer solchen Nutzung der Baustoff Holz zwingend Teil der Nachhaltigkeitsstrategie sein muss.

Das heißt nicht, dass man dort technisch keine Holzkonstruktion errichten kann. Aber zuerst muss die Frage lauten: Welche Risiken und Anforderungen hat dieses Gebäude? Danach sollte man den Baustoff auswählen. 

Sie kritisieren diese Vorentscheidung auch bei Kindergärten. Warum?

Weil wir immer öfter erleben, dass bei Wettbewerben oder Ausschreibungen der Baustoff bereits vorgegeben wird. Dann heißt es sinngemäß: Wenn du den Kindergarten nicht in Holz planst, bekommst du den Auftrag nicht.

Da frage ich: Warum? Wenn es um eine angenehme Oberfläche oder Haptik geht, kann ich einen Holzboden verwenden oder eine Holzverkleidung an der Wand. Dafür muss nicht automatisch die gesamte Tragstruktur aus Holz bestehen.

Wenn eine Innenwand später ohnehin brandschutztechnisch mit Gipskarton bekleidet wird, sieht der Nutzer unter Umständen gar nicht, ob dahinter Holz, Ziegel oder Beton liegt. Warum gibt man anderen Baustoffen dann von vornherein gar keine Chance, an einem Wettbewerb teilzunehmen? Genau das widerspricht aus meiner Sicht der Baustoffneutralität. 

Der VÖB ist selbst eine Interessenvertretung. Der naheliegende Vorwurf lautet deshalb: Natürlich will die Betonbranche ihren Markt verteidigen.

Den Vorwurf nehme ich gerne an. Interessenvertretung ist unsere Aufgabe. Den VÖB gibt es seit 71 Jahren. Wir sind ein privater Verein und vertreten Unternehmen mit insgesamt 65 Standorten in Österreich.

Aber genau deshalb spreche ich das Ungleichgewicht so offen an. Wir finanzieren unsere Arbeit aus den Mitgliedsbeiträgen unserer Unternehmen. Auf der anderen Seite werden über Instrumente wie den Waldfonds Forschungsprojekte, Kommunikation und Interessenvertretung mit erheblichen öffentlichen Mitteln finanziert.

Aus meiner Sicht ist das kein faires Spiel der Kräfte. Wenn öffentliche Gelder eingesetzt werden, sollte das Ziel nicht lauten, möglichst viele Einsatzmöglichkeiten für einen bereits festgelegten Baustoff zu finden. Das Ziel sollte lauten, ein technisches oder klimapolitisches Problem zu lösen – und dann muss man offen prüfen, mit welchem Baustoff oder welcher Kombination das am besten gelingt. 

Sie führen das auch auf die politische Organisation des Bauens in Österreich zurück. Würden Sie sich wieder ein eigenes Bauministerium wünschen?

Ja. Nennen wir es ruhig mit dem alten Begriff Bautenminister oder Bautenministerin. Für mich wäre der Idealfall eine Stelle, die Infrastruktur, Bauen, Wohnen und Klimaschutz gemeinsam betrachtet.

Heute sind diese Themen auf mehrere Ressorts verteilt. Gleichzeitig gibt es für den Forst eine klare politische Zuständigkeit. Natürlich kümmert sich ein Forstminister um den Wald und um Holzprodukte. Aber wer kümmert sich baustoffneutral um das Bauen?

Wenn wir gleichzeitig ständig darüber sprechen, welchen großen Anteil Gebäude und deren Betrieb am CO₂-Fußabdruck haben, dann wäre es nur logisch, dem Bauen auch politisch eine entsprechend starke und gebündelte Zuständigkeit zu geben. 

Was wäre Ihre zentrale Forderung an Politik und öffentliche Auftraggeber?

Klare Ziele statt vorgegebener Baustoffe. Definieren wir Anforderungen an CO₂, Lebenszyklus, Brandschutz, Dauerhaftigkeit, Ressourceneinsatz, Wiederverwendbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Und dann geben wir Planern die Möglichkeit, die beste Konstruktion dafür zu entwickeln.

Wenn das Holz ist, dann soll es Holz sein. Wenn die beste Lösung hybrid ist, soll sie hybrid sein. Und wenn Stahlbeton die Anforderungen besser erfüllt, dann muss auch Stahlbeton die Chance bekommen.

Was wir nicht brauchen, sind Förderprogramme oder Ausschreibungen, bei denen das Ergebnis bei der Wahl des Baustoffs schon feststeht, bevor die technische Frage überhaupt gestellt wurde.

Zur Person

Ing. Anton Glasmaier ist seit August 2022 Geschäftsführer des Verbands Österreichischer Betonfertigteilwerke (VÖB). Er ist seit 1990 in unterschiedlichen Funktionen in der Betonfertigteilbranche tätig und arbeitete unter anderem 19 Jahre bei MABA Fertigteilindustrie sowie zehn Jahre bei Mischek Systembau. Beim VÖB verantwortet er unter anderem Finanzen, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender von Beton Dialog Österreich