Baustoffe : Fliesen bis drei Meter: ARDEX reagiert mit neuen Baustoffen und lokalen Rohstoffen

Gunther Sames, Geschäftsführer ARDEX Österreich: „Lokale Rohstoffe machen uns flexibler und sind ein wichtiger Teil des Risikomanagements.“

Gunther Sames, Geschäftsführer ARDEX Österreich: „Lokale Rohstoffe machen uns flexibler und sind ein wichtiger Teil des Risikomanagements.“

- © ARDEX

SOLID: Wenn Sie einen typischen ARDEX-Baustoff heute mit seinem Pendant von vor 15 oder 20 Jahren vergleichen: Was hat sich technisch am stärksten verändert?

Georg Strodl: Nehmen Sie einen klassischen Fliesenkleber. Ein Produkt von heute hat mit einem Kleber von vor 20 Jahren kaum noch etwas zu tun, weil sich die keramischen Elemente drastisch verändert haben. Früher galt 30 mal 30 Zentimeter als groß. Heute sind 60 mal 120 Zentimeter kein Großformat mehr, wir sprechen mittlerweile von Formaten bis etwa 1,5 mal 3 Meter. Dadurch entstehen völlig andere Anforderungen an die Materialien, mit denen solche Produkte verlegt werden.

Gunther Sames: Eine zweite große Veränderung betrifft die Rohstoffe. Während und nach Covid haben wir gesehen, wie schnell Versorgungsprobleme entstehen können. Bestimmte Rohstoffe werden von sehr vielen Abnehmern, Wettbewerbern und Werken gleichzeitig benötigt. Deshalb haben wir unser Labor in Österreich über mehrere Jahre massiv ausgebaut – bei Equipment, Flächen und Personal – und uns damit in Entwicklungsfragen ein Stück weit unabhängiger vom Mutterhaus gemacht.

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Georg Strodl, Geschäftsführer ARDEX Österreich: „In Zukunft wird die Performance des gesamten Systems mindestens genauso wichtig wie jene des einzelnen Produkts.“

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Was bedeutet diese stärkere lokale Entwicklung konkret?

Sames: Wir sprechen von der Lokalisierung der Rohstoffe. Dabei nehmen wir bestehende Formulierungen und versuchen, mit lokaleren Rohstoffen dieselbe Qualität zu erreichen, ohne von einem einzelnen Lieferanten abhängig zu sein. Das macht uns flexibler und ist ein wichtiger Teil des Risikomanagements. Für den Markt soll sich dabei möglichst nichts ändern: Die Qualität muss dieselbe bleiben.

Ein frühes Beispiel ist unsere G 40 Outdoor, eine Außenfuge für Fugenbreiten zwischen vier und 40 Millimetern. Der Garten- und Landschaftsbau ist für uns in Österreich anteilig bedeutender als etwa in Deutschland. Deshalb haben wir hier ein Produkt entwickelt, das speziell für unseren Markt relevant ist. Mittlerweile wird es auch von deutschen Kunden bezogen.

ARDEX bezeichnet sich zunehmend als Systemanbieter. Wo endet heute das Einzelprodukt und wo beginnt das System?

Strodl: Das einzelne Produkt bleibt wichtig und muss qualitativ sowie in seiner Performance stimmen. In Zukunft wird aber die Performance des gesamten Systems mindestens genauso wichtig. Wenn man die ARDEX-Gruppe betrachtet, geht es längst nicht mehr nur um eine einzelne Marke. Wir haben mehrere Marken im Portfolio, darunter wedi, und vertreten in Österreich auch Produkte von LITHOFIN.

Nehmen Sie eine klassische Badsanierung: Wir wollen Trennwände, Nischen, Duschboards, Abdichtungen und die dazugehörigen ARDEX-Produkte so aufeinander abstimmen, dass von der Untergrundbeurteilung bis zur Einpflege eine durchgängige Lösung entsteht.

Warum steigt die Bedeutung solcher Komplettsysteme?

Strodl: Ein wesentlicher Punkt ist Zeitersparnis. Im Kern geht es aber um Effizienz und damit um Kosten. Wenn eine Duschtrennwand klassisch gemauert, weiterbearbeitet und anschließend abgedichtet werden muss, ist das deutlich aufwendiger, als wenn eine fertige Duschwand eingesetzt wird, bei der beispielsweise die Nische bereits integriert ist und die Abdichtung im System mitgedacht wurde. Genau dort lassen sich Arbeitsabläufe vereinfachen und Kosten reduzieren.

Verändert dieser Systemgedanke auch die Entwicklung des einzelnen Baustoffs? Wird ein Kleber überhaupt noch isoliert entwickelt?

Sames: Beides ist notwendig. In der Produktentwicklung muss man zunächst sehr fokussiert auf das einzelne Produkt und seine Rezeptur schauen. Gleichzeitig muss bei der Produktspezifikation mitgedacht werden, wo es später im System eingesetzt wird. Eine Rezeptur selbst kann nicht holistisch denken. Der Entwickler muss eine Formulierung finden, die ihre technischen Anforderungen erfüllt. Die Gesamtspezifikation entsteht dann auf Systemebene.

Wir versuchen, einem Produkt schon bei der Formulierung gewissermaßen eine System-DNA mitzugeben. Am Ende geht es darum, aus Schnittstellen Nahtstellen zu machen. Eine Schnittstelle ist oft eine potenzielle Fehlerquelle, eine Komplikation und damit ein Punkt, an dem Bauen teuer werden kann. Bei einer Nahtstelle sind Gewerke, Produkte und Systemteile von Anfang an so definiert, dass sie ineinandergreifen.

Gleichzeitig stehen Baustoffe und Handwerk unter erheblichem Preisdruck. Wie kann Produktentwicklung darauf reagieren?

Strodl: Ein Ziel muss sein, die Effizienz auf der Baustelle zu steigern und dem Handwerker die Arbeit zu erleichtern. Gleichzeitig müssen wir uns die Rezepturen anschauen. Wir arbeiten intensiv an alternativen Formulierungen und versuchen, besonders preissensible Rohstoffe aus Produkten herauszubekommen oder zu ersetzen. Da sind wir mittlerweile relativ weit, und für das kommende Jahr sind mehrere neue Produkte vorgesehen.

Die Preisentwicklung der vergangenen Jahre beeinflusst auch das Konsumverhalten. Wenn etwa eine Badsanierung zu teuer wird, wird sie möglicherweise überhaupt nicht durchgeführt. Deshalb versuchen wir einerseits über Systeme Effizienz und Kosten zu verbessern und andererseits über die Produktentwicklung Baustoffe leistbar zu halten, ohne beim Qualitätsniveau Abstriche zu machen.

Wo kann ein Baustoffhersteller überhaupt ansetzen, wenn Bauen insgesamt immer teurer wird?

Sames: Auf Immobilienpreise, Finanzierungskosten oder steuerliche Rahmenbedingungen haben wir keinen Einfluss. Was wir beeinflussen können, sind Effizienz und unsere Produkte. Wir können integrierte Bausysteme forcieren und bei Rohstoffen Abhängigkeiten von stark preistreibenden Komponenten reduzieren. Das erfordert viel Know-how und Entwicklungsarbeit. Wenn Produkte und Gewerke sauber aufeinander abgestimmt sind, sinkt zugleich das Risiko von Fehlern und Nacharbeiten.

Wie erleben Sie den österreichischen Baustoffmarkt 2026? Ist die Talsohle überwunden?

Strodl: Ich würde momentan eher von einer Stabilisierung sprechen. Sanierung und Revitalisierung werden zunehmend wichtiger. Auch das klassische Zweifamilienhaus wird wieder interessanter. Hochwertigen privaten Neubau wird es weiterhin geben, aber für viele junge Menschen ist es finanziell schwierig geworden, auf der grünen Wiese ein neues Einfamilienhaus zu errichten. Dazu kommt die Frage, ob geeignete Grundstücke überhaupt verfügbar sind.

Deshalb wird es wichtiger, bestehende Substanz zu sanieren und weiterzuentwickeln. Im städtischen Bereich wird gleichzeitig stärker in die Höhe gebaut werden müssen. Der Preisdruck ist jedenfalls weiterhin stark vorhanden.

ARDEX setzt traditionell auf den Fachhandel. Bleibt dieses Modell trotz Digitalisierung und Plattformgeschäft bestehen?

Strodl: Ja, ausschließlich über den Fachhandel. Wir sind überzeugt, dass Baustoffe weiterhin ein stark lokales Geschäft bleiben werden. Logistik und Transportkosten spielen eine große Rolle. Zu den wesentlichen Kostentreibern eines Projekts gehören Vorbereitung, Planung und Logistik. Deshalb halten wir am Fachhandelsmodell fest.

ARDEX im Überblick

ARDEX wurde 1949 in Witten in Deutschland gegründet und ist bis heute ein familiengeführter Hersteller von Spezialbaustoffen. Die Gruppe ist mit 66 Tochtergesellschaften, 50 Produktionsstandorten und mehr als 20 Marken in über 50 Ländern vertreten. Rund 4.100 Mitarbeiter:innen erwirtschaften einen Jahresumsatz von etwa 1,11 Milliarden Euro.

In Österreich ist ARDEX seit 1968 aktiv; der Produktionsstandort in Loosdorf, Niederösterreich, besteht seit 1993. Das Unternehmen konzentriert sich auf Systeme und Produkte für Boden, Fliese und Bau und vertreibt ausschließlich über den Fachhandel. Geschäftsführer von ARDEX Österreich sind Dr. Gunther Sames und Georg Strodl.