Die Studie ortet vier Szenarien, wie die Branche – angefangen bei den Immobilien-Developern – sich für die Zukunft rüsten. Erstens durch die Errichtung von „Destination Centern“, die ihr Angebot um Attraktionen wie Themenparks, Indoor-Skipisten oder Kulturhäuser gruppieren. Zweitens in Form kleinerer, regionaler „Value Center“, in denen sich Gleichgesinnte zu einem Thema finden. In diese Kategorie fallen auch spezialisierte Outlets, die beispielsweise nur lokale Produkte verkaufen. „Innovation Center“, also intelligent vernetzte Orte, an denen das Kundenverhalten von Anthropologen, Kulturpsychologen und Mall-Ethnographen analysiert wird, bilden das dritte Szenario. Die Betreiber bieten Daten und Analysen als integralen Service des Centers mit an, machen sie zu Testlabors für Unternehmen und vermitteln so den Kunden ein Vorreitergefühl. Viertens schließlich „Retaildential Spaces“, die einen Demographie-spezifischen Mix aus Handel, Restaurants, Unterhaltung sowie Dienstleistungen offerieren. Ihre Zielgruppen sind je nach Ausrichtung Young Urban Hipster Professionals, Singles um die 40 oder Senioren. Als Beispiel dafür dient der japanische Einzelhandelskonzern Aeon Co., der einen Ort für die Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung mitsamt Gesundheitsdienstleistungen entwickelte.
Ob die heimische Shopping-Center-Industrie tatsächlich in die von A. T. Kearney aufgeworfenen Szenarien mündet, bleibt abzuwarten. Denn gemäß dem bayerischen Kabarettisten Karl Valentin sind Prognosen schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.
SOLID: Ging die Ära der großen Neuentwicklungen hierzulande mit dem G3 in Gänserndorf zu Ende?
ROMAN SCHWARZENECKER: Richtig beobachtet. Während das Gros der Shopping-Center-Entwicklungen zwischen 1995 und 2005 stattfand und hier ein durchschnittlicher jährlicher Neuflächen-Output von rund 110.000 Quadratmetern registriert werden konnte, reduzierte sich dieser nun auf etwa 35.000 Quadratmeter. Die letzte Großeröffnung fand tatsächlich 2012 mit dem G3 statt.
SOLID: Worauf ist bei der Erweiterung sowie beim Refurbishment von Einkaufszentren zu achten?
SCHWARZENECKER: Auch bei Refurbishments muss die aktuelle Standortqualität neu überprüft werden. Diese kann sich durch infrastrukturelle Maßnahmen – beispielsweise ein neuer U-Bahn-Anschluss – auch bei bestehenden Objekten maßgeblich verändern. Weiters ist der Mieter-Mix, aber insbesondere der Firmen-Mix einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Sind diese Shops noch „in“ und vom Kunden gefragt? Wurden diese Shops zwischenzeitlich durch E-Commerce unter Druck gesetzt oder sind sie sogar schon obsolet? Sollte möglicherweise Gastronomie und sonstiges Freizeitangebot ergänzt werden? Weitere Fragen, die zu stellen sind: Ist das Shopping-Center von der technischen und infrastrukturellen Ausrüstung bezüglich der modernen Kundenanforderungen auf dem letzten Stand? Ist die Architektur (Fassadengestaltung, Raumhöhe, Kundenlauf, Anbindung an die Parkdecks etc.) noch zeitgemäß?
SOLID: Wie sehr nimmt der Stellenwert von Freizeit- und Gastro-Flächen zu?
SCHWARZENECKER: “Gastro is the new retail” ist ein geflügeltes Wort der Branche. Wir sind überzeugt, dass sowohl die Gastroflächen als auch die Flächen für das sonstige Freizeitangebot wichtig sein werden, um die Aufenthaltsqualität im Shopping-Center zu verbessern und dieses zu einem „third place“ – neben Wohnung und Büro – zu machen. Neben dem Trend zum Essen außer Haus ist es für Mall-Betreiber aufgrund der Systemgastronomie leichter geworden, auch hochwertige Flächen an diesbezügliche Interessenten zu vermieten. Früher war das „selbstgestrickte“ gastronomische Angebot sehr Betreiber-abhängig und dementsprechend für Shoppingcenter-Manager schwer kalkulierbar.
SOLID: Wer sind die wichtigsten Player auf dem österreichischen Markt:
SCHWARZENECKER: Die Rutter Gruppe, ECE, SES Spar European Shopping Centers sowie Unibail-Rodamco.
SOLID: Mit welchen Maßnahmen reagieren die Entwickler und Betreiber auf die Konkurrenz in Form des Online Handels?
SCHWARZENECKER: Zum einen kommt den Shopping-Center-Betreibern die Entwicklung der Retailer bezüglich Omni-Channelling zugute. Zum anderen versuchen die Betreiber, mit Click & Collect die Online-Kunden in die Mall zu bewegen. Dies kann in einem individuellen Shop erfolgen. Oder aber sogar in einem Service-Desk enden, wo individuelle Internetbestellungen stationär abgeholt, dort in eigens installierten Umkleidekabinen probiert und bei Nichtgefallen wieder direkt von diesem Desk retourniert werden können. Der Hintergedanke dieser Serviceleistung besteht darin, dass bei Nichtgefallen die Option des stationären Handels im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegt.