Immowirtschaft : ÖNORM B 1131: Wie passive Kühlung österreichische Gebäude vor der Hitze schützt

Im April des Vorjahres wurde das größte Erdsondenfeld Österreichs fertiggestellt. Es versorgt das Village im Dritten in Wien-Landstraße mit Heiz- und Kühlenergie.

Im April des Vorjahres wurde das größte Erdsondenfeld Österreichs fertiggestellt. Es versorgt das Village im Dritten in Wien-Landstraße mit Heiz- und Kühlenergie.

- © MARKUS SCHIEDER CREATIVEMARC.EU

Der 15. April 2026 markierte einen Meilenstein für die Kühlung von Gebäuden in Österreich. Denn an besagtem Tag, der noch nicht lange zurückliegt, traten mit der Veröffentlichung der ÖNÖRM B 1131 verbindliche Standards für Bauwerksbegrünung in Kraft. Österreich schuf damit als einziges EU-Land mit eigenen Normen für Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung eine durchgängige Grundlage für Planung und Umsetzung. Am 15. April 2026 begann schließlich mit der Anwendung in der Praxis die entscheidende Phase. Die Kompetenzstelle Grünstattgrau übernimmt dabei eine Schlüsselrolle; von der Wissensvermittlung über Weiterbildungen bis hin zur Unterstützung von Städten, Gemeinden sowie Fördereinrichtung. „Die neue ÖNORM B 1131 ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend ist jetzt, dass sie in der Praxis ankommt“, betont Grünstattgrau-Geschäftsführerin Susanne Formanek.

Im Ringen um Gebäudetemperierung sind entsprechende, sogenannte passive Maßnahmen zentral, wie ÖGUT-Expertin Tina Tezarek (siehe Interview) erklärt: „Begrünungen wirken auf zwei Ebenen. Einerseits durch die Beschattung, andererseits durch die Kühlung aufgrund der Verdunstung des Wassers.“

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Susanne Formanek, Geschäftsführerin von Grünstattgrau: „Die neue ÖNORM B 1131 ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend ist jetzt, dass sie in der Praxis ankommt.“

- © Grünstattgrau

Von 2,5 auf 6,3 TWh: Energiehunger für Kühlung wächst rasant

Wie Zahlen veranschaulichen, handelt es sich bei Gebäudekühlung innerhalb der heimischen Immobilienbranche längst um kein Randthema mehr. Eine im – tropisch heißen – August des Vorjahres von der Wiener Universität für Bodenkultur veröffentlichte Studie mit dem Titel „Urbaner Kältebedarf in Österreich 2030/2050“ kann als Weckruf betrachtet werden. Bis 2050 könnte sich die Anzahl der sogenannten Kühlgradtage um über vierzig Prozent gegenüber 2021 erhöhen. 

Besonders für Städte wird die Hitze wird zur Herausforderung. Der Klimawandel, die räumliche Dynamik und die Urbanisierung sowie der wachsende Wohlstand und die damit verbundenen höheren Komfortansprüche treiben den Kühlbedarf. Je nach Szenario prognostiziert die Studie für 2050 einen absoluten Kältebedarf von bis zu 6,3 Terawattstunden. Verglichen mit 2,5 Terawattstunden anno 2021 ist dies ein erheblicher Anstieg, der sowohl ökologische als auch ökonomische Konsequenzen hat. Wohnungen zeichnen dabei für etwa zwei Drittel des absoluten Kältebedarfs verantwortlich, Büros für ein Drittel.

Das kühlende Gründach des Kindergartens in Bad Vöslau.

- © Weiß-Tessbach

Geothermie und Abwasserenergie

Um den Graden zu trotzen, werden die bereits erwähnten passiven Kühlmaßnahmen ins Feld geführt. Zu den sogenannten aktiven Maßnahmen zählt die klassische Klimaanlage, die angesichts ihres Energiehungers das ursprüngliche Problem, also die Erderwärmung, in der Regel verschärft. Doch es gibt CO2-schonende Alternativen. Beispielsweise die energetische Nutzung von Abwasser, das EU-weit seit Ende 2018 als erneuerbarer Energieträger anerkannt ist. Sie kann mittels Wärmetauscher und Wärmepumpensysteme zum Kühlen, aber auch zum Heizen von Gebäuden – beispielsweise im Mixed-Use-Objekt Vio Plaza in Meidling - zum Einsatz kommen. 

Ebenfalls klimafreundlich gestaltet sich das Heizen und Kühlen durch Geothermie. So wurde im April des Vorjahres das größte Erdsondenfeld Österreichs fertiggestellt. Es versorgt das das von Austria Real Estate entwickelte Stadtquartier Village im Dritten in Wien-Landstraße mit entsprechender Energie. Die rund 500 Sonden, die 150 Meter in die Tiefe getrieben wurden, entziehen den Gebäuden im Sommer die Hitze, um sie in das kühlere Erdreich zu leiten. Über Wärmepumpen und Flächensysteme werden die Wohnungen temperiert und Gewerbeflächen gekühlt, wobei die Wärme im Boden für den Winter gespeichert wird. Eine coole Angelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes.

Interview mit ÖGUT-Expertin Tina Tezarek: Eine Ode an den Schatten

Außerdem sollten laut ÖGUT-Expertin Tina Tezarek  im Gebäude befindliche Wärmelasten hinterfragt werden.

SOLID: Wie lassen sich passive Kühlstrategien hierzulande sinnvoll bei Bestandsgebäuden umsetzen? 

TINA TEZAREK: Die sinnvollste Strategie im Gebäudebestand ist die Vermeidung von Wärmeeinträgen, vor allem durch eine wirksame Beschattung der Verglasung. Außenliegender Sonnenschutz ist dabei deutlich effektiver als innenliegender. Auch eine Wärmeschutzverglasung kann zur Reduktion von Hitze beitragen. Darüber hinaus sollten innere Wärmelasten vermieden werden, etwa durch Kühlschränke, Ladegeräte, Unterhaltungselektronik oder Computer. Es bewährt sich, solche Geräte – sofern möglich – nicht in überhitzungsgefährdeten Räumen zu betreiben und grundsätzlich energieeffiziente Geräte zu verwenden.

SOLID: Welche Rolle spielen dabei intelligente Fassadenlösungen? 

TINA TEZAREK: In Wien verfügten noch vor etwa 150 Jahren zahlreiche Gründerzeitgebäude über Holzfensterläden, wie es sie etwa jetzt noch in Italien oder Frankreich gibt. Durch die Lamellen-Bauweise kommt es zusätzlich zur Beschattung zu einer Durchlüftung, wenn man bei geschlossenen Läden die Fenster öffnet. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie technisch sehr robust sind und mittlerweile in vielen Materialien erhältlich sind. Ähnliche Systeme sind mit Schiebelementen zu haben. Sie können außen auf Schienen montiert vor die Fenster geschoben werden. Natürlich gibt es auch Außenjalousien. Sie punkten mit einem baulich schlanken Erscheinungsbild, sind aber nicht so sturmfest. Bei den Rollkästen, die ebenfalls außen nachträglich montiert werden können, ist es ein Vorteil, dass sie im Winter für einen Wärmepuffer sorgen. Ein Nachteil ist, dass sie ein elektrisches Antriebssystem benötigen. Zusätzlich muss man bei Rollkästen darauf achten, Wärmebrücken aufgrund der fehlenden Dämmung an den Montagestellen zu vermeiden. Zusätzlich können auf Loggien und Balkonen Markisen eingesetzt werden. Bei jeder Maßnahme gilt es abzuwägen, was sie im Sommer und was sie im Winter bringt. Denn was man in der heißen Jahreszeit draußen haben will, nämlich Sonne und Wärme, braucht man in der klaten in der Wohnung. Hier muss ein Gleichgewicht gefunden werden. 

SOLID: Inwiefern kann Begrünung zur Reduktion von Hitze beitragen?

TINA TEZAREK: Begrünung wirkt auf zwei Ebenen: Einerseits durch die Beschattung, andererseits durch die Kühlung aufgrund der Verdunstung des Wassers. Natürliche Kühlelemente sind etwa Laubbäume und Kletterpflanzen. Der Vorteil von Laubbäumen ist, dass im Winter die Sonne größtenteils durchscheinen kann, im Sommer jedoch das Laub einen natürlichen Sonnenschutz bietet. Durch die Verdunstung wird zusätzlich das Mikroklima verbessert. Grundsätzlich erzielen Bäume mit großen Kronenradius die stärkste Wirkung, benötigen jedoch ausreichend großen Wurzelraum. Fehlt dieser, ist ihre Lebenserwartung und der Kühleffekt deutlich eingeschränkt. Eine entsprechend hohe Anzahl sowie Dichte an Bäumen und Sträuchern gewährleistet die maximale Wirksamkeit. Der Kühleffekt einzelner Pflanzen und Rasenflächen bleibt hingegen begrenzt.

SOLID: Welche politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es, damit nachhaltige Kühlmaßnahmen bei Gebäuden in Österreich stärker verbreitet werden?

TINA TEZAREK: Hier sehen wir vor allem Anpassungen beim Denkmalschutz für außenliegende Beschattungsanlagen als einen ersten, wichtigen Schritt.

Tina Tezarek Petra Blauensteiner Oe GUT
Tina Tezarek ist in der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) in den Themenbereichen „Innovatives Bauen“ und „Energie“ tätig. - © Petra Blauensteiner / ÖGUT