SOLID 06/2020

BIM in Österreich: „Anders als am Anfang gewünscht“

© thomastopf.com

SOLID: Wie sind Sie grundsätzlich mit der Entwicklung beim Thema BIM in den letzten Jahren zufrieden?

Christoph Eichler: Eine Entwicklung verläuft ja immer anders, als man es sich am Anfang gewünscht hat. Man kann ja weder alles überwachen noch überblicken. Viele Ursachen bleiben einem ja verborgen und man wird von manchen Dingen überrascht oder versteht sie erst später. Ich beschäftige mich seit zwei bis drei Jahren in meiner Rolle als Vorstandmitglied des Austrian Chapters von BuildingSmart intensiv damit zu versuchen, die internationalen Einflussfaktoren auf die BIM-Entwicklung überhaupt mal zu identifizieren und zu überblicken.

Sie kommen ja aus der Planung – wie ging der Weg zu BuildingSmart?

Eichler: Ich bin vor ca. zehn Jahren von der Planungsseite ins Thema BIM eingestiegen und bin aber seit sechs bis sieben Jahren in zunehmendem Maß auch auf der Auftraggeberseite tätig. Dadurch hat sich der Blickwinkel sehr verändert. Ich habe sehr viel für die BIG, die Stadt Wien und die ÖBB gemacht und habe dadurch viel besser verstanden, welche Anforderungen und Interessenslagen die Auftraggeber an BIM haben und welche Zusammenhänge sie in ihren internen Strukturen haben, die es erschweren einfach zu sagen: wir machen jetzt BIM.

>> Mehr zum Thema BIM, Digitalisierung und Innovation in der Bauwirtschaft finden Sie im Schwerpunkt "Innovation, aber echt" im ePaper von SOLID 06/2020 <<

Worum geht es da genauer?

Eichler: Darum, dass man die Daten in gewachsene Strukturen hinein liefern muss und nicht alles von Null aufsetzen kann. Mittlerweile arbeite ich ja auch für den Flughafen Wien. Das ist eine extrem komplexe Herausforderung. Der Auftraggeber, für den ich da arbeite, ist ja nicht einfach nur ein Betreiber von Immobilien ist, sondern Betreiber einer eigenen Stadt, die für sich alleine funktioniert. Da kommt zum Beispiel ein eigenes Energienetz dazu und weitere komplexe Anlagen. Das hat bei mir auch ein neues Verständnis dafür geschaffen, was operativ eigentlich passieren muss.

Über dieses Thema und den BuildingSmart Airport Room habe ich auch mit ganz vielen anderen Flughäfen zu tun bekommen und entwickle jetzt mit denen gemeinsam die Standardisierungsgrundlagen.

Ich habe damit einen Ort gefunden, an dem wir sämtliche Standardisierungsaktivitäten zentral bündeln können, weil Flughäfen eben von der Komplexität her die Königsdisziplin darstellen. Über diesen Hebel können wir die Dinge dann auch in ihrer Gesamtheit bewegen – und das sehr, sehr schnell.

Vor etwa fünf Jahren sah man BIM weitgehend noch als Methode, die Dinge ein bisschen besser in den Griff zu bekommen – zugespitzt eine fortschrittliche Kollisionskontrolle – und als Marketingtool für Gebäude in Planung. Es galt allerdings auch als ein Werkzeug für wenige und damit waren doch viele Schwierigkeiten in der Ausrollung verbunden. Was hat sich an dem Bild aus Ihrer Sicht über die Jahre geändert?

Eichler: Der allerwichtigste Punkt ist, dass etliche öffentliche Auftraggeber seit ca. drei Jahren komplett einheitliche BIM-Regelwerke einsetzen. Das betrifft die Auftraggeber-Informationsanforderungen und den BIM-Abwicklungsplan. So ist am Markt doch eine große Anzahl von BIM-Pilotprojekten auf komplett gleichen Grundlagen gelaufen oder am Laufen. Diese Grundlagen haben wir über die ODE (Office for Digital Engineering, Anm.) entwickelt und abgestimmt. Dadurch konnten die Auftragnehmer – wie zB die Planer – alle in einem einheitlichen Setting unterwegs sein und auch für sie hat die ODE einheitliche, sehr komplexe Prüfroutinen aufgebaut. Damit lief Open BIM bei all diesen Projekten einheitlich und auf einem extrem hohen Level. Das ist ein Riesenschritt, der da passiert ist. Das hätte sich vor drei Jahren kein Mensch gedacht, dass wir 2020 in Ostösterreich mit einem Dutzend Open BIM-Projekten in Spitzenqualität am Markt sind und bei denen wir von Anfang an eine Lösung haben, wie die Daten von der Planung weg laufen und dann ins FM übernommen werden.

Und das funktioniert alles plattformunabhängig über IFC – welche Version jetzt eigentlich?

Eichler: Ja genau. Wir arbeiten technisch immer noch auf IFC2x3, aber die verwendete Datenstruktur, die Alphanumerik ist schon IFC4.

Und da kennen sich alle aus, die damit arbeiten müssen?

Eichler: Das Team der ODE macht da sehr häufig auch die Projektsteuerung und diese Funktion umfasst auch noch immer eine Art Schulungs- und Supporttätigkeit.

Heißt das, dass die ODE immer im Boot ist, wenn es eine BIM-Ausschreibung eines öffentlichen Auftraggebers gibt?

Eichler: In vielen Fällen. Der große Vorteil davon ist, dass viele Mitarbeiter aus der Planung kommen und daher auch wissen, wie man mit Architekten die Dinge umsetzt, was zumutbar ist und was nicht.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die gesamte Diskussion rund um Merkmalserver, Merkmalservice etc.? Ist das virulent oder löst sich das Thema Schritt für Schritt auf?

Eichler: Ich habe in den letzten zwei Jahren versucht, mich von dem Thema fernzuhalten. Der Grund ist: operativ brauche ich so einen Server zur Zeit gar nicht mehr.

Wenn der Prozess nicht mehr über Merkmale läuft – worüber läuft er sonst?

Eichler: Die Übertragung der Vorgaben erfolgt so, dass die Planer zu Projektbeginn von uns Konfigurationsdateien bekommen, die sie in ihren Softwarelösungen einspielen. Und es ist ja egal, woher die Konfigurationsdatei kommt – also von uns oder von einem Merkmalserver.

Ein Achillesfersenthema von BIM war ja immer die Haustechnik. Wie hat sich das entwickelt und wo stehen wir jetzt?

Eichler: Wir haben als Vertreter der Auftraggeber die Haustechnik immer aus dem Aspekt heraus betrachtet, was wir dokumentieren müssen für den späteren Betrieb und nicht, was die Planer für sich selber benötigen. Damit haben wir das ein bisschen entspannen können. Es gibt ja auf Seiten der Planer ganz heterogene Vorstellungen, was die TGA bringen muss und verarbeiten soll. Unsere Fragen waren also: was benötigt der TGA-Planer von den anderen Gewerken als Modellgrundlage, um arbeiten zu können? Das ist alles über die Konfigurationsvorgaben gelöst. Die Attribuierung ist dann ein planerinternes Thema und von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Und die zweite Frage ist: was hat der TGA-Planer den anderen Planern zurück zu liefern und was muss er am Ende des Projektes an Produktinformationen liefern, damit der Auftraggeber diese in sein FM-System aufnehmen kann. Da haben wir ganz eng mit der MA34 der Stadt Wien kooperiert, namentlich Peter Kovacs, der diese Vorgaben ja mit der ÖNORM A7010/6 als erster deklariert hat. Das Thema entwickeln wir gerade gemeinsam mit ihm weiter und schärfen die rudimentären Vorgaben mithilfe von Projekterfahrungen.

Kommt man da nicht zwangsläufig in einen sehr hohen Level of Detail hinein?

Eichler: Oder auch Level of Information oder Level of Geometry, ja. Den versuchen wir bei diesen ganzen Projekten auf einem vernünftigen Grundmaß zu halten. Aber die Alphanumerik wird sehr komplex sein.

Muss man dabei diese ganze Komplexität immer mitnehmen?

Eichler: In den Modellen brauchen wir die Gesamtheit der Daten. Wenn man später etwas reduzieren kann, so muss das durch intelligente Mechanismen auf Seiten des Betreibers gemacht werden. Aber das gibt es schon.

Wenn es um Daten geht, geht es immer auch um Sicherheit. Ist das zufriedenstellend lösbar?

Eichler: Das größte Problem dabei ist, dass es am Markt Applikationen gibt, die die verwendeten Daten in irgendwelche Cloud-Lösungen überführen, ohne dass das transparent gemacht wird und ohne dass man richtig Kontrolle darüber hat. Und das ist natürlich ein riesiges Sicherheitsthema.

Wie verhindert man das?

Eichler: Das Thema Datenhoheit gewinnt in Europa zum Glück immer mehr an Bedeutung. Es wird zwar manchmal so dargestellt, als ob das industriefeindlich wäre, aber man muss das rational und faktenbasiert sehen. Man muss begreifen, dass die Informationen, die wir über Bauwerke haben, extrem wertvoll sind. Gerade für Betreiber ist es sehr wichtig zu wissen, wie oft etwas gewartet wird, wie oft es kaputt geht, welchen Verbrauch es gibt etc. Diese Daten sind so wertvoll, dass es völlig verrückt wäre, sie auf eine Cloud von irgendeinem Konzern zu legen.

Bei meiner Arbeit am Flughafen wird sehr viel darüber nachgedacht, wie man das ganze Potenzial der permanent gesammelten Bewegungsdaten für die verschiedenen Objekte ausschöpfen kann, um seine eigenen Strategien zu optimieren. Das gleiche passiert zB auch bei den ÖBB und mittlerweile beginnt jeder professionelle Betreiber damit, weil es auch die Möglichkeiten gibt, das wirklich gut strukturiert aufzubauen.

Das Thema der Datenhoheit ist also ein Erziehungsthema?

Eichler: Es ist ein Business Case. Wenn ich den aus der Hand gebe, verliere ich unglaublich viele Möglichkeiten. Betreiber haben das immer schon viel ernster genommen als die Planer.

Und je mehr das in Verträgen ein Thema wird, desto mehr erkennen das die Leute auch. Die Planer haben ja in Wahrheit einen Einblick, über den sich die Statistik Austria freuen würde – und den können sie auch für sich nützen und Bauvorhaben in ganz frühen Phasen optimieren, was die Preise und die Qualität angeht.

Wir haben jetzt viel über die Arbeit in den Büros gesprochen. Wie sehen Sie im Verhältnis dazu die Realität auf der Baustelle?

Eichler: Da muss ich sagen, dass ich extrem positiv überrascht bin! Die Office-Park-4-Baustelle am Flughafen etwa, eine Swietelsky-Baustelle, ist von Baugeschwindigkeit, -qualität und Umgang miteinander für mich ein Paradebeispiel dafür, wie es sein soll.

Wir haben an mehreren Baustellen beim Flughafen versucht, das Monitoring mit Laserscannern zu fahren. Wir haben zum Beispiel den neuen Hubschrauberhangar des BMI so begleitet und haben gemerkt, dass die Ausführenden wirklich so genau arbeiten, dass sie mit der Präzision der Laserscanner mithalten können.

Warum ist das so?

Eichler: Zum einen, weil wir viel mehr Vorfertigung haben als früher. Und die ganze temporäre Baustellenausrüstung wie Schalungen etc. ist mittlerweile extrem professionell geworden. Und es hat auch mit guter Baustellensteuerung zu tun – also wen der Auftraggeber zur Verfügung stellt und wie er mitzieht.

Alles in allem ist es immer eine Frage der Ausbildung und Bereitschaft, oder?

Eichler: Klar. Wir kooperieren da sehr stark mit der TU Wien und wissen, dass wir uns die Mitarbeiter da richtig heranzüchten müssen – das beginnt bei Praktika in den Ferien und geht dann kontinuierlich weiter.

Das gilt jetzt für den Flughafen – und wie sehen Sie den Ausbildungsgrad generell? Es gibt ja am Markt sehr sehr viele unterschiedliche Ausbildungen und es ist gar nicht so leicht, da den Überblick zu behalten – sowohl für die Firmen als auch für die einzelnen Personen.

Eichler: Es gab ja das Forschungsprojekt BIMCert, um genau diese einheitliche Ausbildungsqualität herzustellen, weil es vor zwei Jahren eine Situation der völligen Heterogenität am Markt gab. Jeder Ausbildungsanbieter wollte was eigenes auf den Markt bringen und noch jemanden aus dem Hut zaubern – konstant waren da eigentlich nur WIFI und Überbau. Mit BIMCert wurde ab 2017 versucht, da Konsolidierung herzustellen, vor allem auch zwischen erstem und zweitem Bildungsweg, wo es bis dahin überhaupt keine Abstimmung gab. TU Wien, TU Graz, FH Salzburg, FH Kärnten und etwas später auch die Donauuniversität sind dann zusammen in ein Boot gesprungen und haben ein komplettes Ausbildungskonzept für die wesentlichen Stufen von BIM-Projekten festzulegen begonnen. Diese Arbeit kommt jetzt gerade zum Abschluss und wird dann in die Praxis gebracht. Es gab einen Piloten mit 40 Teilnehmern, der hervorragend geklappt hat und wo mit den gewonnen Erfahrungen noch viel kalibriert wurde. Und dieses Konzept bekommt ein richtiges ISO-Zertifizierungssystem dahinter, das von der BuildingSmart federführend gesteuert wird und an dem sich dann alle Seiten orientieren können. Das sollte 2021 dann im Markt sein.

Wird es jemals den Punkt geben, an dem wir sagen können: jetzt haben wir BIM?

Eichler: In den Pilotprojekten haben wir gemerkt, dass viele Firmen sehr schnell hinein kommen, aber dass die Beteiligten an den Projekten oft ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was sie da eigentlich machen sollen und wo das hingeht. Bis das Ganze breit am Markt vollständig selbstverständlich von allen so gemacht wird, braucht wahrscheinlich realistisch noch einmal so knappe zehn Jahre. Andererseits wird BIM in zunehmendem Maße und mit immer höherer Geschwindigkeit immer mehr gemacht. Und es kommen einige Faktoren auf uns zu, die das Ganze aber sehr stark pushen werden. In Schweden wird man zum Beispiel ab 2022 für jedes Gebäude eine Lebenszykluskalkulation vorlegen müssen – und diese Kalkulation erfolgt auf Grundlage von Data Templates, die jetzt gerade durch die ISO 23386 spezifiziert wurden. Da geht es etwa um Baustoffe, ihren Energieeintrag und ihre Entsorgung. Was die EU mit ihrem Green Deal heuer vorgestellt hat und was ein bisschen in der Corona-Krise untergegangen ist, umfasst genau das. Und das führt dann fast zwangsläufig dazu, dass man mit BIM arbeitet.