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Die Inflation, das Wohnen und die EZB

Die Kosten für das Wohnen sind in der Inflationsrate nicht richtig abgebildet - Insider wissen von Bemühungen der EZB.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) wird bei ihrem großen Strategie-Check Insidern zufolge voraussichtlich nicht an der Inflationsmessung rütteln. Stattdessen werde sie den Druck auf die europäische Statistikbehörde Eurostat erhöhen, die Probleme bei der Erfassung der Kosten für das Wohnen längerfristig zu beheben, sagten vier mit den Überlegungen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Derzeit werden bei der Ermittlung der monatlichen Inflationsrate im Euroraum von Eurostat die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum nicht erfasst. Mehrere Euro-Wächter, darunter EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatten argumentiert, dass die ausgewiesene Teuerung womöglich nicht angemessen die Preisentwicklung widerspiegle.

Hintergrund der Diskussion über die Inflationsberechnung ist der Immobilienboom in vielen Euro-Ländern. Dadurch sind die Kosten für das Wohnen stark in den Fokus gerückt, da sie bei Haushalten häufig mehr als ein Drittel des verfügbaren Monatseinkommens ausmachen. Dennoch blieb die gemessene Teuerung im Euroraum zuletzt eher schwach. Im Warenkorb von Eurostat - auf diesem basiert die Messung - werden lediglich Mieten mit einem Gewicht von 6,5 Prozent berücksichtigt. In den USA haben die Kosten für das Wohnen dagegen bei der Berechnung der Inflation ein Gewicht von deutlich mehr als 20 Prozent.

Den Insidern zufolge ist eine schnelle Lösung angesichts kniffliger technischer Fragen nicht zu erwarten. Zudem sei ein solcher Schritt womöglich in einer späten Phase des Konjunkturaufschwungs nicht sehr sinnvoll, wenn eher erwartet wird, dass der Immobilienpreisanstieg tendenziell nachlässt. In Zeiten des Immobilienbooms könne die gemessene Inflationsrate um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen. Es gebe aber wenig Hinweise darauf, dass langfristig die Rate dann deutlich anders ausfallen würde. Hinzu komme, dass die Notenbank das Problem nicht allein lösen könne, da auch andere europäische Institutionen ein Mitspracherecht hätten. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab.

Die Schwierigkeiten bei der Inflationsmessung sind schon seit langem bekannt. Bisher scheiterten aber alle Versuche einer Lösung. Die EU-Kommission kam 2018 zu dem Schluss, dass es derzeit nicht machbar sei, Messdaten zum Wohneigentum jeden Monat und mit einer solchen Qualität und Aktualität bereitzustellen, die dem Standard der Verbraucherpreis-Messung entspricht. Laut den Insidern kann die EZB ihre Strategieüberprüfung aber dazu nutzen, um unterstützt von Experten-Analysen deutlich zu machen, dass sie mit der Qualität der Daten nicht zufrieden sei. Mögliche Änderungen benötigten allerdings womöglich Jahre. (APA)