Österreich

Wienerberger: glänzende Zahlen zum Firmenjubiläum

Im 200. Jahr seines Bestehens legt der Wiener Weltmarktführer gleich mehrere Rekordergebnisse für das erste Halbjahr vor. Konzernchef Heimo Scheuch erklärt, warum Wienerberger beim Brexit auf alle Szenarien bestens vorbereitet ist - und warum er "schon etwas neidisch" auf die Voestalpine ist.

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Pünktlich zum Firmenjubiläum legt Wienerberger Rekordzahlen für das erste Halbjahr vor - und Konzernchef Heimo Scheuch zeigt sich zuversichtlich, dass der Wiener Baustoffriese bei den Ergebnissen auch im Gesamtjahr einen neuen Höchststand erreicht. "Die Märkte sind derzeit nicht die stärksten", so Scheuch mit einem Verweis auf die wachsenden internationalen Risiken, "aber wir entwickeln uns trotzdem besser als der Branchentrend - und als viele unserer Wettbewerber."

Die aktuellen Zahlen

Die konkreten Zahlen der Rekordbilanz des ersten Halbjahres: Der Umsatz ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 1,736 Milliarden Euro gestiegen. Der operative Gewinn (Ebitda) legte um 33 Prozent auf 286,6 Millionen Euro zu. Und der Nettogewinn ist mit einem Anstieg von 53,2 Millionen Euro auf 126,9 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Auch bei der Prognose für das Gesamtjahr zeigt sich Scheuch bei der Vorstellung der jüngsten Ergebnisse in Wien überaus optimistisch: "Es ist selten geworden in unserer Branche, dass ein Unternehmen klare Ziele für das Gesamtjahr formuliert. Wir tun das - und erwarten für heuer beim operativen Gewinn einen Anstieg auf 570 bis 580 Millionen Euro."

Vom lokalen Produzenten des Kaiserreichs zum Weltmarktführer

Damit steht der Konzern im 200. Jahr seines Bestehens hervorragend da. Wienerberger hat sich seit der Gründung 1819 als lokaler Ziegelproduzent des Kaiserreichs zu einem international aufgestellten Hersteller von Baustoffen entwickelt. Dazu: Wienerberger feiert 200-jähriges Firmenjubiläum >>

Als Ziegelproduzent ist Wienerberger Weltmarktführer und bei Tondachziegeln, Fassadensystemen und Rohren auf den vorderen Plätzen. Heute betreibt Wienerberger 195 Produktionsstandorte in 30 Ländern. Die Zahl der Mitarbeiter ist zuletzt um zwei Prozent auf knapp 17.000 gestiegen.

Zahlreiche Übernahmen

Zum starken Ergebnisanstieg beigetragen hat auch eine ganze Reihe von großen Zukäufen. So hat Wienerberger im Vorjahr zwei Ziegelhersteller in den Niederlanden und den USA sowie einen Rohrhersteller in Norwegen übernommen. Heuer folgte die Übernahme eines Baustoffherstellers in Großbritannien und eines Herstellers von Elektrozubehör in Belgien. Auch in Zukunft werde man das Geschehen genau beobachten und durch Zukäufe wachsen, so Konzernchef Scheuch - "der Schwerpunkt der Übernahmen wird aber künftig vor allem im Rohrbereich sein."

Gute Entwicklung in den einzelnen Sparten - trotz steigender Volatilität

Das Unternehmen teilt sein Geschäft in drei Sparten auf: Bauprodukte für Wand, Fassade und Dach (Building Solutions); Rohre aus Steinzeug und Kunststoff (Piping Solutions) sowie Nordamerika. Die Sparte für Bauprodukte liefert traditionell den größten Anteil am Umsatz und verzeichnet auch im Halbjahr den stärksten Zuwachs mit einem Umsatzplus von zehn Prozent "in nahezu allen Märkten", so Wienerberger. Treiber ist hier vor allem der aktuelle Boom am Bau, der trotz der aufkommenden Konjunkturflaute weiter anhält. So ist die Nachfrage in Österreich und den Ländern Westeuropas weiterhin auf hohem Niveau stabil und in mehreren osteuropäischen Ländern, wie etwa in Polen und Tschechien, überdurchschnittlich hoch. Bemerkenswert ist auch die gute Entwicklung in Großbritannien - und zwar trotz des Brexit. Frankreich sei der einzige europäische Markt, in dem die Nachfrage sinke, so der Hersteller.

Auch in der Sparte für Rohre legte der Umsatz um vier Prozent zu, allerdings verzeichnet Wienerberger hier "eine gestiegene Volatilität in einzelnen Regionen", etwa im früher sehr stark wachsenden Markt Türkei, der gegenwärtig vom politischen Kurs der Regierung Erdogan und einer darauf folgenden massiven Abwertung der türkischen Lira erschüttert wird. Trotzdem erwartet Wienerberger in dieser Sparte für heuer leichte Zuwächse.

In der Sparte Nordamerika schließlich legte der Umsatz im Halbjahr ebenfalls um zehn Prozent zu, nicht zuletzt wegen der Übernahme eines Ziegelwerks in Pennsylvania. Weil die Regierung Kanadas jedoch zuletzt neue Gesetze gegen die Spekulationen mit Immobilien erlassen hat, sinkt in diesem Land die Nachfrage, so dass Wienerberger für das Gesamtjahr mit einem Ergebnisrückgang rechnet.

Brexit: "Alle Szenarien durchgespielt und abgearbeitet"

Auch eine andere politische Entwicklung ist ein großes Thema bei Wienerberger: Der Austritt Großbritanniens aus der EU. Der Wiener Hersteller betreibt 15 Werke im Vereinigten Königreich und profitiert gerade besonders stark vom Boom der englischen Bauwirtschaft. "In Großbritannien wurde mehrere Jahrzehnte nicht genug gebaut, und es wird auch heute weniger gebaut als vor der Finanzkrise. Der Bedarf bleibt also hoch", sagt Konzernchef Scheuch. Was die Risiken eines Brexit für Wienerberger bedeutet, meint er: "Glauben Sie mir, wir haben alle Szenarien eines geordneten und ungeordneten Brexit allein heuer mehrmals durchgespielt und unsere Logistik optimiert, genau so wie die Wiener Feuerwehr, die auch alle möglichen Krisenszenarien trainiert. Wir sind also gut vorbereitet und haben das Thema im Griff."

Zugute kommt dem Hersteller, dass Wienerberger wie die gesamte Baustoffindustrie vorwiegend lokal produziert. Damit sei das Zollrisiko minimiert und die Einfuhrzölle auf Baumaterialien unter WTO-Abkommen vernachlässigbar, heißt es in der Ergebnisbilanz. Bei der Logistik hat der Hersteller die lokalen Lagerbestände von Importen erhöht und die Warenströme durch Beladung von Schiffen über Kaianlagen optimiert. Künftig sollen verstärkt kleinere Häfen in Großbritannien angesteuert werden. Die Endladung in konzerneigene Lagerräume soll eine einmalige Zollabfertigung für das gesamte Frachtgut möglich machen.

"Briten können gar nicht so austreten, wie sie wollen"

Zur Gefahr eines ungeordneten Austritts Großbritanniens mein Scheuch: "Erlauben Sie mir ein klares Wort, was die Diskussion um einen Hard Brexit oder einen Soft Brexit angeht: Die Briten können gar nicht so austreten, wie sie es vielleicht wollen, weil es Verträge und Verpflichtungen gibt. Es sind also alle Seiten gut beraten, eine konstruktive Lösung zu finden. Und sie werden auch eine finden."

Apps, Webshops, Sensoren: "Der gesamte Prozess wird digitalisiert"

Während der Megatrend Digitalisierung gerade auch die Bauwirtschaft erobert, muss auch ein so gegenständliches Geschäft wie die Herstellung von Baustoffen darauf reagieren. "In drei bis fünf Jahren wird Wienerberger bei der Digitalisierung eines der führenden Unternehmen im Baubereich sein", meint Scheuch dazu. Im Gespräch mit SOLIDbau.at erläutert der Konzernchef, was heute schon in diese Richtung passiert: "Wir arbeiten an neuen Angeboten in allen Geschäftsbereichen zwischen der Produktion und der Bauindustrie, aber auch für die Planer, Statiker und Bauleute auf der Baustelle. Der gesamte Prozess in der Produktionsplanung und im Verkauf wird digitalisiert. Wir haben eine Vielzahl von Webshops gestartet, etwa in Österreich, Deutschland und Skandinavien. Und ein Dachdecker kann heute den ganzen Prozess des Verkauf und der Beratung für den Bauherrn mit Hilfe einer App am Smartphone abwickeln." Außerdem arbeite Wienerberger an einer Reihe von neuen digitalen Komponenten, die in Bauprodukten integriert seien - etwa Sensoren in Wasserrohren, die die Menge und Qualität des Wassers messen können. "Dieses Produkt befindet sich bereits in der Testphase", so Scheuch. 

Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen - jetzt macht auch Wienerberger mit

Etwas ganz Neues probiert Wienerberger auch in einem anderen Bereich aus: Seit März läuft in Österreich ein Pilotprogramm, das den eigenen Mitarbeitern eine Beteiligung über den Kauf von Aktien bietet. Obwohl eine Kultur des Aktienhandels hierzulande kaum ausgeprägt sei, so Scheuch, hätten bisher 28 Prozent der Mitarbeiter in Österreich Anteilsscheine ihres Arbeitgebers gekauft - wie der Konzernchef selbst übrigens auch.

Hier profitiert Wienerberger sicher auch von mehreren Gesetzesänderungen der früheren ÖVP-FPÖ-Regierung, die im Vorjahr mehrere Gesetze so abgeändert hat, dass die Vergabe von Anteilen an eigene Beschäftigte einfacher geworden ist. Ein Beispiel ist das neue sogenannte "MitarbeiterBetStG". Doch an sich ist Mitarbeiterbeteiligung hierzulande alles andere als neu - etwa seit vielen Jahren vorgelebt vom Aluminiumhersteller Amag oder dem Stahlriesen Voestalpine. "Die Voestalpine war auch für uns das Vorbild. Auf die bin ich schon etwas neidisch", sagt Wienerberger-Chef Scheuch.

Auch die Baustoffindustrie redet jetzt über den Klimawandel

Das Firmenjubiläum bietet Konzernchef Scheuch auch die Gelegenheit, auf die Nachhaltigkeit von Wienerberger hinzuweisen - also eines der weltweit größten Konzerne einer Branche, die zu den stärksten CO2-Emittenten der gesamten Wirtschaft gehört. Doch angesichts des sich rasend schnell beschleunigenden Klimawandels kommt auch die Ergebnispräsentation von Wienerberger nicht ohne Verweise auf die Rekordhitze in österreichischen Großstädten, auf Dürren, Starkregen und Überschwemmungen in vielen Teilen Europas aus - während die Bauwirtschaft in Österreich gerade für die höchste Versiegelung fruchtbarer Böden in ganz Europa sorgt.

Wienerberger jedenfalls habe bereits auf den Klimawandel reagiert und eigene Produkte dafür entwickelt, so Heimo Scheuch. Etwa ein eigenes System gegen Überschwemmungen, das in den verbauten Boden eingebettet werden soll. Außerdem sei der Ziegel in Zeiten des Klimawandels das perfekte Bauelement - weil er ein Gebäude ganz automatisch im Sommer kühl und im Winter warm halte. "Wir müssen immer unterscheiden zwischen behaupteter und gelebter Nachhaltigkeit", so Scheuch. "Der Ziegel, den Wienerberger vor 200 Jahren produziert hat, können Sie heute noch verwenden."