Ökologie

Wie viel Öko trägt der Markt?

Das Bauforschungsinstitut B+L hat eine Studie über die Marktchancen für ökologische Baustoffe in Europa erarbeitet.

SOLID 05/2020 Nachhaltigkeit Baustoffe

Bei den Themen Energie- und Rohstoffeinsatz bei der Herstellung von Baustoffen, Schadstoffe und Emissionen, Energieeffizienz der Gebäude und Rückbau bzw. Abfälle (gleichermaßen beim Bauen als auch beim Rückbau) werden die einzelnen Aspekte in den europäischen Märkten höchst unterschiedlich priorisiert und umgesetzt. Die Gebäudeeffizienz und Grenzwerte für Schadstoffe sind dabei die Aspekte, die vielfach am stärksten reguliert sind. Wie eine Befragung von mehr als 3.500 Hausbauern und Sanierern in 14 europäischen Ländern durch das Bauforschungsinstituts B+L zeigt, sind diese beiden Aspekte auch aus Sicht der Endverbraucher am wichtigsten. Dazu B+L Projektleiter und 

Studien-Autor Marcel Dresse:

 „Hausbauer und Sanierer legen am meisten Wert auf fassbare Aspekte wie geringe Energiekosten oder ein gesundes Wohnklima. Abstrakte Themen wie beispielsweise die CO2-Reduktion bei der Produktion und beim Transport der Baustoffe oder die Unternehmensverantwortung der Hersteller sind den Endverbrauchern deutlich weniger wichtig.“ 

Während die Bauwirtschaft aufgrund des Ressourcenverbrauchs und Abfällen häufig hinsichtlich der Umweltauswirkungen kritisiert wird, stellt die Nachfrage nach ökologisch nachhaltigen Produkten in der Bauwirtschaft eine Chance dar. Der Anteil an Endverbrauchern, die auf ökologische Baustoffe bzw. Bauprodukte zurückgreifen, liegt in den europäischen Ländern derzeit zwischen 5 % und 15 %. Die Bandbreite ist groß, zeigt jedoch, welche Potenziale insbesondere in solchen Märkten existieren, die bisher eine eher geringe Nachfrage zeigen. Viele Faktoren deuten darauf hin, dass das Bewusstsein der Endverbraucher für Ökologie auch in der Bauwirtschaft weiter steigen wird. Dabei sind viele Endverbraucher durchaus bereit, höhere Kosten für ökologische Baustoffe zu tragen. Im Durchschnitt sind diese Produkte den Hausbauern und Sanierern zwischen 5 % und 8 % höhere Preise wert. Dabei gibt es jedoch auch Märkte wie die Schweiz, in denen mehr als ein Drittel der Befragten über 10 % höhere Preise für ökologische Produkte im Innenbereich zahlen würde. Grundsätzlich gilt jedoch auch bei der Mehrkostenbereitschaft, dass insbesondere für solche Aspekte mehr Geld ausgegeben wird, die die Endverbraucher konkret betreffen wie Heizkosten oder Schadstoffe in Bodenbelägen, Putzen oder Farben. 

Norwegen und Schweiz vorn, Österreich und Bulgarien hinten

Die Wahrnehmung von ökologischen Baustoffen unterscheidet sich in Europa stark. Ein eigens für die Studie konzipierter B+L Nachhaltigkeitsindex bildet die Offenheit bzw. die Nachfrage nach ökologischen Baustoffen und -produkten ab. Die höchsten Werte erreicht der Index in Norwegen, der Schweiz, Frankreich und Polen. In Dänemark, Belgien, Tschechien, Österreich und Bulgarien hingegen ist der Wert am niedrigsten. 

Doch auch in Märkten mit einer aktuell noch geringen Offenheit bzw. Nachfrage existieren teilweise höchst relevante Sub-Zielgruppen, wie Detailbetrachtungen hinsichtlich der Altersgruppen zeigen. Dazu noch einmal Studienautor Marcel Dresse: „Je nach Zielmarkt unterscheiden sich die relevanten Zielgruppen für ökologische Baustoffe. In einigen Märkten sind es die älteren Zielgruppen aus der Baby-Boomer-Generation, die überdurchschnittlich häufig ökologische Produkte nachfragen. In anderen Märkten wird die Nachfrage von der Zielgruppe der Familiengründer oder Early Starter getragen.“ 

Stark verkürzt handelt es sich im Entscheidungsprozess für ökologische Baustoffe um drei Aspekte, die die eigentliche Kaufentscheidung maßgeblich beeinflussen. Zuerst stellt sich die Frage, ob die verschiedenen Ökologie-Aspekte für die Hausbauer und Sanierer überhaupt von Relevanz sind: Ist dem Bauherrn die Zertifizierung der Rohstoffe wichtig oder legt er mehr Wert auf Design oder Funktionalität? Die Wichtigkeit alleine gibt jedoch keinen Aufschluss über den Einfluss auf die Produktentscheidung bzw. das Mitwirken der Endverbraucher an dieser. Vielfach können Hausbauer über die Materialien im Innenbereich (mit)entscheiden, die Auswahl einer bestimmten Marke (beispielweise mit einer Zertifizierung oder einer besonderen unternehmerischen Verantwortung) obliegt jedoch häufig dem ausführenden Unternehmen. Im Bereich der Gebäudehülle wirken Bauherrn deutlich seltener an detaillierten Markenentscheidungen mit. Dieser Aspekt erklärt teilweise, warum die Endverbraucher eher Wert auf fassbare Aspekte legen, denn im Innenbereich (Stichwort: Schadstoffe) oder bei der Auswahl einer effizienten Heizung (Stichwort: Energiekosten) können die Endverbraucher mehr Einfluss auf die Produkt- und Markenentscheidungen nehmen und die ökologischen Eigenschaften sind leichter nachvollziehbar als zum Beispiel eine ökologische Produktion oder Logistik bei Rohbaustoffen. 

Verarbeiter an der Nahtstelle

Als dritten Aspekt hat B+L in ihrer Nachhaltigkeitsstudie das Thema Preissensibilität sowie das generelle Vertrauen in Zertifizierungen, Label, etc. definiert. Baukosten und Budget müssen Mehrkosten hergeben und das Vertrauen in den Mehrwert der Produkte muss hoch genug sein, um diese Mehrkosten in Kauf zu nehmen. 

Die Nachfrage nach ökologischen Baustoffen geht aktuell meist von Bauherren und Sanierern aus. Bei den Verarbeitern stehen primär Aspekte wie die Haltbarkeit und Langlebigkeit oder die Qualität der Produkte im Vordergrund. Ökologie ist bei vielen Profis von untergeordneter Bedeutung. Die Verarbeiter wollen gute Qualität liefern und sind zudem an Gewährleistungspflichten gebunden. Entsprechend wird meist auf bewährte und bekannte Produkte bzw. Marken zurückgegriffen. Doch mit der steigenden Nachfrage nach ökologischen Baustoffen werden sich auch die Verarbeiter zunehmend mit dem Thema Ökologie konfrontiert sehen und der Bedarf an entsprechenden Produkten wird steigen. 

Zur Studie

Für die Studie „Ökologie in der Bauwirtschaft“ hat die B+L 3.528 Sanierer und Hausbauer (standardisierte Online-Interviews) sowie 854 Verarbeiter, Architekten und Bauunternehmen (standardisierte Telefoninterviews) in 14 Ländern befragt. Mehr Informationen zur Studie „Ökologische Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft“ finden Sie unter 

https://www.bl2020.com/DE/shop/sustainability