SOLID 10/2020

"Vorfertigen, was man vorfertigen kann"

In die Vorfertigung ist viel Bewegung gekommen. Warum und wie genau, das sahen wir uns im Mischek-Werk an und sprachen mit den dafür Verantwortlichen über laufende und zukünftige Entwicklungen.

Von
Mischek Strabag SOLID 10/2020 Massivbau Österreich

Eine Industriezone ein Stück nördlich von Wien. Hier steht das Werk der Strabag-Tochter Mischek. Mischek ist seit Jahrzehnten bekannt als Bauträger, der mit Systembau arbeitet, insofern eine ideale Adresse, um einer Frage nachzugehen, die die Baubranche zunehmend beschäftigt: wie bekommen wir das hin, dass mehr in der Vorfertigung passiert und wir gleichzeitig unterschiedlichen Anforderungen entsprechend flexibel bleiben?

„Was in den letzten Jahren passiert ist, ist vor allem ein Riesenschritt in der Industrialisierung und Konfektionierung“, sagt Werksleiter Anton Glasmaier bei unserem Besuch. Früher hätte es nur wenige Teile gegeben, die dann entweder passten oder nicht. Mittlerweile hat sich das geändert: „Es geht vom Standardprodukt in Richtung individuelles Produkt, aber mit standardisierten Randparametern, also Anschlussdetails. Wir produzieren standardisierte Wand-Wand- und Wand-Decke-Verbindungen. Wir haben die Schalungen an diese Standards angepasst und damit den Hebel frei, das maschinell mit einem Schalungsroboter zu manipulieren. Um auch die Bewehrung individuell gestalten zu können, wurde eine Mattenschweißanlage gekauft. Wir können jetzt den Quadratzentimeter Eisen so bewehren, wie es der Statiker vorgibt. Es gibt keine Mattensprünge mehr und wir reduzieren damit natürlich auch den Verschnitt, weil wir ja Tür- und Fensteröffnungen nicht mehr herausschneiden, sondern gar nicht mehr produzieren.“

Mischek, Glasmaier © Strabag/Rudi Froese

Werksleiter Anton Glasmaier (Mitte) überwacht den effizienten und korrekten Ablauf der Produktion

White Paper zum Thema

Sanitärwand, Standardloggia & Co.

Durch auf den Zeitplan der Baustelle getaktete Produktion und Lieferung werden Lagerflächen, Baumaterialien und damit Zeit und Geld und personelle Ressourcen auf der Baustelle eingespart. Standardisierte Teile sorgen aber auch für Raumgewinn und damit einen Zusatznutzen. Ein Aufzugsschacht oder aber auch die sogenannte SaniWand mit eingebauter standardisierter Sanitärinstallation (die im Sommer die Zulassung von der MA39 erhalten hat) generieren zusätzliche Nutzflächen.

Die nach außen vielleicht spektakulärste Neuerung ist die Standardloggia, bei der die vordefinierten Eigenschaften und Abmessungen flexibel sind und nach Bedarf nach Rastermaßen abgeändert werden können. So kann die Standardloggia auf Wunsch zum Beispiel bis auf eine Länge von 7m produziert werden, ohne dass auf die Vorteile eines standardisierten Bauteils verzichtet werden muss.

In Arbeit sind auch Deckenkühlungs- und Heizungselemente sowie vorbereitete Fensteröffnungen. Das nächste Thema soll dann eine Reduktion der Unterstellungen bei aktivierten Decken durch Rechenmodelle sein. Glasmaier über den zugrunde liegenden Rentabilitätsansatz: „Es sind ja keine Tausend Euro auf einmal, die man einsparen kann, aber ein paar Cent, die dafür aber ein paar Tausend mal.“

Mischek, Vorfertigung © Strabag/Rudi Froese

Die geölte Stahlschalung ist eines der wichtigen Assets.

Anton Glasmaier (der aus dem Maschinenbau kommt, aber immer in Fertigteilwerken auch anderer Firmen gearbeitet hat) ist seit 2012 im Unternehmen und hat die Leitung des Mischek-Werks 2016 übernommen, 2017 wurde dann mit den großen Veränderungen begonnen. Vor allem zeigt er sich bei unserem Lokalaugenschein stolz über das gelungene Zusammenspiel von Schalungsroboter und Mattenschweissanlage. Jetzt, sagt er, geht die Vorproduktion bis hin zu Aussparungen für Elektrodosen durch einen automatischen Betonverteiler. „Wir können jetzt alles in der Qualitätssicherung überprüfen Die früheren Holzschalungen musste man herunterbrechen und da gab es dann oft Kanten, die beschädigt wurden und saniert werden mussten. Jetzt habe ich eine eingeölte Stahlschalung und die hebt der Roboter weg.“

Konsequenzen für die Planung

„Das alles braucht allerdings eine höhere Planqualität im Elementplan und das waren die Aufgaben, die wir in den letzten drei Jahren bewerkstelligt haben“, erklärt der Werksleiter die Konsequenzen. Man muss die einzelnen Arbeitsschritte anschauen und analysieren, Rechenformeln hinterlegen und Arbeitsanweisungen eingeben nach dem Schema: wenn Fall x eintritt, ist der mit y abzuarbeiten. „Die Maschinen diskutieren nicht. Sie brauchen diese Informationen und wenn sie sie nicht haben, machen sie nichts und es gibt im besten Fall eine Fehlermeldung. Das hat unsere ganze Organisation umgedreht in Richtung viel engerer Zusammenarbeit zwischen Elementierung, Planung und Produktion.“

Freilich befinde man sich bei Mischek in einer Sondersituation. Denn mit der Strabag ist der Kunde zugleich der Eigentümer. „Das ist ein großer Vorteil, weil er das Potenzial sieht und mit unseren Anforderungen auch die eigene Organisation eben beim Plan verbessert.“

Der nächste Schritt ist laut Glasmaier das Zusammenarbeiten auf der Terminschiene – „BIM und Lean zusammenführen und im Rohbau standardmäßig umzusetzen. Man muss den Bauzeitplan mit den Mengen aus der Ausschreibung vernetzen. Wenn wir das schaffen, wird das ein weiterer großer Sprung sein.“ Es sollen dann auch die Teile getrackt werden in Richtung Statusänderung beim Teil selber, so dass Lieferscheine und eine komplette Dokumentation automatisch entstehen.

Vorausdenken ist der wesentliche Schritt zur Industrialisierung.

Mischek, Vorfertigung © Strabag/Rudi Froese

Wechsel in die ein paar Kilometer entfernte Strabag-Zentrale. Dort sitzen wir dem technischen Unternehmensbereichsleiter und Vorstandsmitglied der Strabag AG Markus Engerth gegenüber, der seit 2014 auch operativer Mischek-Geschäftsführer ist.

Zum damaligen Zeitpunkt, erzählt er, hätte es „klassisch Elementdecke, Doppelwand und Vollwand gegeben, die Auslastung war höchst volatil und auch die Qualität nicht immer zufriedenstellend.“

Man hätte dann begonnen, innovativ zu denken in die Richtung: was kann das Produkt noch mehr? Engerth: „Und da haben wir einiges auf den Weg gebracht. Wir haben seither den Umsatz verdoppelt und die Produktpalette wesentlich vergrößert. Die Vision – die vollständige Systemintegration – liegt noch vor uns: im Idealfall starten wir schon beim Vertragsabschluss mit der richtigen Basis, also mit einem kooperativen Vertragsmodell. Die externen Planer arbeiten dann mit definierten Komponenten, die wir wiederum direkt in das BIM-Modell übernehmen können. Und auf der Baustelle verfolgt der Polier die Lieferung der Komponente mittels Tracking.

Vorausdenken, sagt Engerth, ist der wesentliche Schritt zur Industrialisierung. Wir müssen dabei die großen Trendthemen unserer Branche – BIM, Lean und kooperative Vertragsmodelle – zusammenführen, um den knapper werdenden Ressourcen zu begegnen.

Facharbeiterverlust kompensieren

Dazu kommt das Thema Mensch. Denn man werde in den nächsten zehn Jahren zehn bis zwanzig Prozent der Facharbeiter am Markt verlieren, obwohl man mehr zahlen wird. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten, das zu kompensieren: einerseits effizienter zu werden und andererseits den Arbeitskräften Produkte an die Hand zu geben, die sie gut verarbeiten können.“

Auch für die Jugend müsse es attraktiver werden, auf den Baustellen oder eben künftig in Fertigteilwerken zu arbeiten.

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Engerth betont wie Glasmaier die Bedeutung der Planer und setzt sogar noch etwas drauf:

„Es ist sehr wichtig, dass wir da die Planer ins Boot holen, damit sie die Produkte auch so einsetzen, wie sie funktionieren.“ Die Architekten hätten aber auch darunter gelitten, dass die Ausführung oft nicht so war wie gedacht und daher auch gar nicht so genau geplant. „Wenn man den Prozess umdreht, wird das sicher besser funktionieren. Langsam entsteht da ein Umdenken, weil auch die Scheu genommen wird.“

Auch die Auftraggeberlandschaft habe sich verändert. Es gibt viel mehr frei finanzierten Wohnbau als früher und das dadurch entstandene vermehrte Denken in Renditen habe sich auch auf Architekten ausgewirkt.

Wie stark ist Flexibilität in der Fertigteilproduktion gewachsen, fragen wir Engerth zum Abschluss? „Wir haben es auf der einen Seite durch Automatisierung geschafft, dass wir weniger Hand anlegen müssen. Durch das elektronische Ansteuern und den Einsatz von Robotern können wir auch flexibel auf die Pläne reagieren. Aber man muss auch sagen: Individualität ist gut – nur muss es einen Zeitpunkt geben, zu dem die Planung dann abgeschlossen ist.“

Und die Vision? „Man kann das Thema eigentlich gar nicht zu Ende denken. Die aktivierte Betondecke, an der wir gerade arbeiten, zeigt sicher die Richtung, in die es geht. Das Potenzial ist sehr sehr groß. Im Endeffekt muss es so sein, dass alle Dinge, die vorproduzierbar sind, auch vorproduziert werden.“