Reportage : Sonne für die Siedler

Die Tür vom Golf fällt zu. Er steigt aus in dunkelblauer Trainingshose, rotem T-Shirt und schnappt sich die Tennistasche. Sie folgt ihm in sommerlich weißer Sporthose und gelbem Sport-Shirt. Vor einem Jahr sind die beiden nach der Tennisstunde zu ihrer Wohnung in den dreistöckigen 50er-Jahre Bau nicht so gerne und stolz gegangen wie heute. Putz fiel ab, die Fenster waren undicht, die Elektro-Heizung kostete im Monat 130 Euro, denn Außenwände, Fußboden und Dachgeschoß waren nicht gedämmt. Jeder Siedler der Grazer Puchwerk-Siedlung heizte auf seine Weise, entweder mit Öl, Holz oder Elektroheizung. Im Winter schwebte eine Hausbrandbrandwolke über die Siedlung. Man machte das Beste aus den Gegebenheiten und kümmerte sich um seine eigenen vier Wände. Bei den Nachbarn kroch der Schimmel ins Schlafzimmer, das Stiegenhaus war zugig, die Fenster teils extrem undicht. Seit Jänner ist ihr saniertes Haus in Betrieb und die beiden sind mehr als überrascht. „Wir waren skeptisch in einem dichten Glashaus zu wohnen, aber jetzt haben wir einen hochmodernen Komfort, den wir uns vorher nicht einmal erträumt haben “, sagt er und die beiden verschwinden hinter der gläsernen, dunkelgelben Glasfassade.

2007 kaufte die Gemeinnützige Industrie-Wohnungsaktiengesellschaft – kurz GIWOG – die Häuser der Puchwerk-Siedlung in Graz. Ausgenommen einem Hauseingang in der langen Zeile, deren alte Fassade wie ein historisches Relikt den modernen Bau abschließt. Die GIWOG ist ein Bauherr, der international bereits mit ausgezeichneten Projekten aufgefallen ist und sich dafür den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit, den Energiestar und den Energy Globe erhielt. „Wir haben in Graz fortgeführt und weiterentwicklet, was wir in Linz bei der Markartstraße und der Solarcity bereits begonnen haben: Sanieren mit maximalem ökologischen Anspruch“, sagt Alfred Willensdorfer, technischer Leiter des Bauwesens und der Hausverwaltung der GIWOG. Konkret bedeutet das, dass der Verbrauch von Energie auf ein Zehntel reduziert wird - zumindest. Dieses Sanierungskonzept ist als „Faktor-10-Sanierung“ bei Experten bekannt. Die Erfahrungswerte des Grazer Projekts werden nachher in dieses Konzept einfließen.

Im Sommer 2009 sind die gröbsten Arbeiten bereits vorbei. Auf einem Autolift justieren zwei Fassadenbauer an der gläsernen, gelben Fassade Kleinigkeiten nach. Ein Kleinbagger verschiebt Erde. Ein Kleinbus der Haustechniker bringt Lüftungskästen und montiert sie. Trotz der aufgegrabenen Erde zwischen den Siedlungshäuser ist es so ruhig und verschlafen, wie es für ein Wohnviertel an den Stadtausläufern passt. „Wir wollten die Bewohner mit Bauarbeiten so wenig wie möglich belästigen“, sagt Volker Taschil. Der Technische Leiter des oberösterreichischen Fassaden- und Gebäudetechnik-Unternehmens Gap-Solution plante einen Umbau mit möglichst wenig Beeinträchtigung der Bewohner. So viel wie möglich fertigten die Firmen in ihren Werkshallen vorv, nur wo es sich nicht vermeiden ließ musste gestemmt oder in den Wohnungen die Lüftungsanlage montiert werden.

Ruck-Zuck-Klimawand

Das Herzstück auf der Baustelle ist die Solar-Glas-Fassade. Solar-Panele mit Zellulosewaben wurden auf ein Holzuntergrüst montiert und umhüllen letztendlich die Häuser rundum. Das Prinzip des Fassadenaufbaus auf Holz ist neu und brauchte nicht nur das Know-How von Gap-Solution. Kulmer Holzbau vom steirischen Ort Pischelsdorf hat die Herausforderung angenommen. „Der Planungsaufwand war eineinhalb mal so groß wie wir angenommen haben“ sagt Stefan Leitner Der Bauleiter von Kulmer. erhielt von Architekturobo Hohensinn die Pläne und konstruierte gemeinsam mit Bauphysikern und Statikern ein durchführbares Konzept. „Wir haben jedes statische Detail durchdiskutiert und überlegt und mussten dabei noch die alte Hausstruktur mit unterschiedlich großen Fenstern und unregelmäßigen Stößen einbinden.“ Über 20 Ordner stehen in Leitners Büro, die Kalkulationen, Schriftverkehr sowie Detailpläne über Detailpläne fein säuberlich sammeln. Die 3-D-Aufmessung am Computer bleibt dem gelernten Zimmermann Leitner noch lange in Erinnerung.

Die größte Herausforderung liegt nicht am Bauplatz sondern in der Planungsarbeit. „Innerhalb von drei Wochen haben wir Paneele und Fenster montiert“, sagt Kulmer-Mann Leitner. Kulmer Holzbau fertigte die Holz-Glas-Wandteile. Gap-Solution lieferte die Teile für die äußere Haut die aus Glas, Luftschicht und Solarwabe besteht. Die Wabe ist das Kern-Know-How von Gap-Solution. „In den 90er-Jahren machten wir die ersten Versuche, heute statten wir zumeist Siedlungen aus“, sagt Taschil zufrieden. Die Grazer Siedlung am Dieselweg ist jedoch das bisher größte Projekt des Unternehmens. Doch zurück zur Wabe: Das Material ist Karton. Ein Karton, der genauso als Füllmaterial für Türen verwendet wird oder hinter Autoarmaturenbrettern Hohlräume füllt, und auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich wirkt. Seine Wirkungsweise an der Fassade ist jedoch das Besondere. Die Wabe reguliert die Temperatur. Im Winter erwärmt sich die Luft in der Wabe durch die Einstrahlung der Sonne. Im Sommer dagegen ist ebendiese Luft kühler, da sie schattig ist und Jalousien oder sonstige Beschattungen unnötig macht. Zugleich reguliert die Wabenkonstruktion auch die Feuchtigkeit. Das Gebäude kann atmen und Feuchtigkeit nach außen abgeben.

Sondertransporte

Kulmer Holzbau machte aus der Waben-Schicht dann die riesigen Paneele. Die größte Platte war 2,9 Tonnen schwer und über 13 Meter lang. „Jedes Paneel war eine Einzelfertigung, da die Gebäude unterschiedliche Fenstergrößen und Anordnungen besitzen, die erhalten bleiben sollten.“ unterstreicht Leitner. Mit Sondertransporten sind die großen Teile auf die Grazer Baustelle gebracht worden, sonst genügte Kulmer für die 45 Minuten Fahrzeit zwischen Werk und Baustelle ein gewöhnlicher Lieferlastwagen. Zwei Fuhren pro Tag reichten in der Montagezeit aus um acht Arbeiter mit Material zu versorgen.

Wenn auch das Prinzip der Wand andere bautechnischen Details überstrahlt, steckt sehr viel Energie in Details. „Die Balkone, die als Loggien in die Hülle integriert wurden, sind statisch der schwierigste Teil“, sagt Kulmer-Mann Leitner. Die Seitenwände ruhen auf Leimholzträgern. Der Übergang von Fassade zu Balkon musste sauber gelöst werden und mit Dampf, Schall und Wärme auf der richtigen Seite bleiben.

Am Dieselweg fallen diese technischen Innovationen auf guten Boden. Die Siedlung ist die alte Puch-Werk-Siedlung, die keine zwei Kilometer Luftlinie vom Werk an der Grazer Autobahn entfernt liegt. Die ersten Bauten für die Arbeiter enstanden in den 50er-Jahren, zwanzig Jahre später folgten noch weitere. Alle Wohnungen zusammengezählt sind es in den Ausläufern der steirischen Landeshauptstadt 204 Wohnungen, die 45 Quadratmeter und mehr groß sind.

Tests für den Mauerzustand

Das Haus aus den 50er-Jahren – eine lange Häuserzeile mit neun Hauseingängen – stellt an Bautechnik, Ausführung und Energieeffizienz die höchsten Anforderungen. Vor der Sanierung war es vom Energieverbaruch her das Beste der Häuser und verbrauchte 142 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, was auf 13,6 abgesenkt werden kann. Die Energieschleudern Haus 12 und 14 jedoch reduzieren ihren Anfangsverbrauch von 225 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr auf 9,6. Die Zeile profitiert beim Energieverbrauch am wenigsten von der Sanierung, bei den Mängeln jedoch am meisten. Feuchtigkeit, Schimmel und undichte Fenster werden eingedämmt. Der schlechte Zustand des Ziegelmauerwerks verbessert sich mit der Klimafassade von Grund auf. Kulmer-Mann Leitner weiß genau, womit er es zu tun hat.

„Wir haben für die Unterkonstruktion zuerst die Mauern getestet. Bei Versuchen wo Dübel und Anker in die Wand gesetzt werden und dann herausgezogen, beobachteten wir, dass die Häuserzeile aus den 50er-Jahren am meisten Ausbruch und somit den schlechtesten Wandzustand hatte.“ Für die Unterkonstruktion der Fassade – Holzlatten, die an der Wand montiert werden, um später die Paneele draufzuhängen – hieß dies größere Dübel verwenden und mehr ausgleichen. Die gesamte Hauszeilenwand war dazu auch noch extrem uneben und gebogen. Vor der Montage der Super-Fassade musste dies ausgeglichen werden.

Bedienungsanleitung zum Wohnen

Von der Akzeptanz und den Umständen auf der Baustelle können andere Baustellen nur träumen. Zwischen den Häusern ist genug Lagerplatz und Rangierplatz. Alles verläuft im Zeitplan. Die Bewohner wurden gut informiert und akzeptierten Staub und Baulärm nach Jahren des Verfalls. Die niedrigeren Energiekosten, die höhere Lebensqualität und der Wohnraumgewinn durch die neuen Loggien entschädigt sie für alle Unpässlichkeiten.

Nochdazu ist dieses Wohnen eng mit der Technik verknüpft. Nicht nur die Lüftungsanlagen oder die Tausend-Liter-Speicher in den Kellern sind Teil eines Kontrollsystems. „Wir können an die 250 Faktoren über das Monitoring abrufen“, freut sich GIWOG-Mann Willensdorfer. Wärmepumpen, Außentemperatur oder Kollektortemperatur sind dabei Selbstverständlichkeiten. Jederzeit kann der Bauherr oder der Installateur die Drehzahl an den Pumpen erhöhen oder verringern. Den Bewohnern bleibt ein zuviel an Technik erspart. Der Installateur muss aber auf jeden Fall den Laptop dabeihaben, wenn er in der Siedlung auf Wartungs- oder Reparatureinsatz ist.

Die GIWOG liefert für die neue Wohnform eine Gebrauchsanleitung für das Wohnen im Passivhaus: Wärme, die einmal drinnen ist, kann durch die Wabentechnolgie nicht mehr hinaus. Ständiges Kippen der Fenster führt zu Wärmeverlust. Das Lüftungsgerät soll verwendet werden, damit überschüssige Feuchtigkeit entsorgt und somit Schimmelbildung eingedämmt wird. Stoßlüften ist für fünf Minuten erlaubt. Die alten Balkone, die nun Loggien sind, können und dürfen unter die Behaglichkeitsgrenze fallen. Auch wenn die Bewohner jetzt ein Haus mit Betriebsanleitung haben, wohnen die Puchwerksiedler mit dieser Solartechnolgie jetzt schon in der Zukunft. (PK)

FACTS:

Bauträger: GIWOG Gemeinnützige Industrie-Wohnungs-AG, Linz

Architekt: Architekturbüro Hohensinn, Graz

Generalunternehmer: gapsolution GmbH, Leonding Subunternehmern

Holzbau: Kulmer Holz-Leimbau GmbH, Pischelsdorf

Haustechnik: FUTUS Energietechnik GmbH, Perg

Energieplanung: Aschauer, TB für technische Physik

Baubeginn: 2008

Bauende: 2010 Kosten: 8,8 Millionen Euro

Umfang: 204 Wohnungen

10.000 Quadratmeter Fassade