Preview SOLID 03/2021

Normen: weg vom "Stand der Wissenschaft"

Vielgescholten und gleichzeitig unerlässlich – wir warfen anlässlich einer interessanten DIN-Studie einen genaueren Blick in die Welt der Normen und erfuhren, welche Kritik an ihnen berechtigt ist und wo sie unschuldig zum Handkuss kommen.

Von
SOLID 03/2021 Normen Österreich Austrian Standards Stefan Wagmeister

Eine jüngst veröffentlichte DIN-Studie in Deutschland zeigt klare Zusammenhänge, das Bild für Österreich dürfte – nicht zuletzt nach einer von SOLID durchgeführten Blitzumfrage – ähnlich sein: Zwei Drittel der Befragten (im Fall der DIN-Studie Bausachverständige) sehen einen direkten Zusammenhang zwischen (nicht unerheblichen) Bauschäden und einer nicht korrekten Anwendung von Normen.

Aber worüber sprechen wir überhaupt, wenn wir von „den Normen“ sprechen? „Normen sind ein vielschichtiges System“, sagt Stefan Wagmeister, Deputy Director Standards Development bei Austrian Standards. „Wir verwenden in der Branche den Begriff ‚Standards‘ statt ‚Norm‘. Auch um klar zu machen, dass es sich nicht um andere Bauregeln – wie etwa Gesetze oder Richtlinien – handelt. Mittlerweile haben wir es ja mit einem globalen Standardisierungsprozess zu tun.“ In Österreich und Deutschland sind mittlerweile 80 bis 90 Prozent der Normenwerks auf internationale Dokumente bezogen und entstammen einem gesamteuropäischen Kontext und ebensolchen Zielen.

Wagmeister: „Die Ziele sind edel. Wir wollen Energie sparen, wir wollen ökologischer werden, wir wollen smarter werden – und aus den europäischen werden dann nationale Ziele, die auch in nationale Regelungen gefasst werden. Bei uns in Österreich sind das meist zielorientierte, baurechtliche Regelungen, deren Harmonisierung in den OIB-Richtlinien erfolgt. Entscheidend ist das Zusammenspiel von OIB-Richtlinien, Standards und anderen Richtlinien, damit ein konsistentes Bauregelwerk entstehen kann.“

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Wichtig wäre es dabei, so Wagmeister, zu wissen, dass der Standard eine qualitative, gesicherte Empfehlung ist für EINE mögliche Lösungsfindung für eine Aufgabenstellung – nicht für alle.. Standardisierung unterstützt auch bei der Umsetzung von regulativen Anforderungen. Beispielsweise, indem Methodennormen einen Nachweis für gesetzlich gestellte Anforderungen ermöglichen.

© ASI

Stefan Wagmeister, Deputy Director Standards Development bei Austrian Standards: "Ich denke, dass man beim Formulieren der Normen die Zielgruppe der Anwender im Fokus haben muss."

Normen als Zwischenhändler

Als wir mit DIN-Vorstandmitglied Rüdiger Marquardt über die DIN-Studie sprechen, sagt dieser: „In der Diskussion mit der Politik und am Bau Beteiligten wird Normung häufig unterstellt, die Baukosten zu erhöhen. Wir haben diese Studie ja auch gemacht, um aufzuzeigen, welchen Nutzen Normen haben und warum sie im Baubereich wichtig sind.“

Ein Rationalisierungsinstrument solle ja kein Kostentreiber sein und Normung diene ja eigentlich dazu, Baukosten zu senken – „allerdings im vorgegebenen gesetzlichen Rahmen. Und da sind die Ansprüche an Gebäude in den letzten 20 Jahren in erheblichem Maß gestiegen.“

Das betrifft vor allem Energieeinsparung, aber auch Schall- und anderen Gesundheitsschutz der Bewohner. Diese zusätzlichen Anforderungen müssen natürlich abgedeckt und operationalisiert werden. „Der am Bau Beteiligte sieht dann meistens gar nicht mehr die gesetzlichen Herausforderungen, sondern nur die Normen, die für ihn sicherstellen, dass er entsprechend dem Stand der Technik arbeitet und damit haftungsrechtlich eine gewisse Entlastung erfährt, wenn etwas passiert.“

Heißes Eisen Dominanz der Industrie

Rüdiger Marquardt spricht sodann ein heißes Eisen an: „Manche Sachverständige haben insofern Kritik an der Normung geübt, als sie eine Dominanz der Industrienormung beklagten. Das ist in Deutschland sehr stark ein Gefühl jener, die sich selber nicht am Prozess der Normung beteiligen – und da gehört die Gruppe der Sachverständigen leider insofern dazu, als sie einen freien Beruf ausüben und ihre Arbeitsstunde ihnen woanders fehlt, wo sie direkt Erlöse erzielen können. Die Rolle der Verbände ist dann auch unterschiedlich ausgeprägt.“

Die Teilnahme am Normungsprozess ist in Deutschland wie in Österreich freiwillig - und wer nicht mitarbeitet, dessen Meinung ist nicht dabei.

„Ein Ergebnis der Studie war auch, dass den Sachverständigen oft nicht bekannt ist, dass sie zu den Entwürfen der Normung einen kostenfreien Zugang haben und auch ohne Teilnahme an den Gremien ihre Interessen einbringen können. Darum werden wir uns in Zukunft verstärkt kümmern“, sagt der DIN-Experte.

Die meisten der in der DIN-Studie erfassten Bauschäden (durchschnittliche Schadenssumme bei 70.000 Euro – also nicht ganz unerheblich) sind im Bereich Wärmedämmsysteme und Abdichtungsarbeiten entstanden und in vielen Fällen waren Normen nach Aussagen der Befragten gar nicht bekannt, sondern es wurde nach tradierten Verfahrensweisen gearbeitet. Dazu kämen dann noch je nach Ort komplexe Gegebenheiten und die schwierige Balance zwischen technisch Möglichem und kostenmäßig Erreichbarem.

Dazu käme das Spannungsfeld zwischen Sachverständigen und Ausführenden, sagt Marquardt: „Die Kritik von Sachverständigen ist oft, dass Normen veraltet und unzureichend seien, während von den Bauausführenden genau der entgegengesetzte Vorwurf kommt: die Normungsarbeit würde viel zu schnell und in zu kurzen Rhythmen vollzogen.“

„Bauen ist Beherrschen von Fugen“

Worum geht es also bei der Entwicklung einer guten und praktikablen Norm? Stefan Wagmeister: „Ich habe bereits an der HTL gelernt, dass Bauen das Beherrschen von Fugen ist. Die Fläche ist selten eine Herausforderung, meist sind es die Übergänge und Anschlüsse. Wir müssen die Planer und die Ausführenden dazu bringen, gemeinsam gesicherte Lösungen für diese Schnittstellen zu entwickeln. Natürlich können die nicht die ganze Palette an möglichen Lösungen aufzeigen, sondern nur das, was man aufgrund der Erfahrungen und technischen Entwicklungen auch wirklich standardisieren kann und will.“

In diesem Zug ginge es natürlich auch darum, Produkte verfügbar zu machen, die geeignet sind, uch im Zusammenspiel als Bauteil die verschiedenen Anforderungen zu erfüllen. „In der Normung Durch Standards kann dann festgestellt werden: diese Produktgruppe mit diesen Eigenschaften ist geeignet für den Einsatz bei genau diesem Anwendungsfall.“

© Christian Kruppa

Rüdiger Marquardt, Vorstandsmitglied DIN: „Plötzlich waren die Wissenschaftler diejenigen, die den Inhalt der Normen bestimmt haben. Das steuert man gerade wieder um, nachdem man gemerkt hat, dass sich das nicht bewährt hat. Man war da teilweise deutlich vor der technischen Entwicklung – und Normen sollen eigentlich den Stand der Technik beschreiben und nicht den Stand der Wissenschaft. Der Stand der Technik ist nämlich das, was sich in der Praxis bewährt hat und aus der Erfahrung heraus gut ist.“

Zurück zu mehr Praxis

Und schon sind wir wieder bei der Industrie und ihrem Einfluss. Rüdiger Marquardt: „Ich glaube nicht, dass die Anzahl der Regelungen zu hoch geworden ist. Wir haben allerdings im Normungssystem in vielen Bereichen in den letzten 20 Jahren eine Umstellung gehabt von sehr praxisbezogenen und konkreten Normen hin zu Anforderungsnormen. Das war ein Wunsch, der hauptsächlich von der industriellen Wirtschaft gekommen ist, um mehr Spielraum für die Ausführung von Konstruktionen zu bekommen, ohne dabei gegen Normen zu verstoßen. Solche Anforderungen sind aber natürlich eher abstrakt.“ Das habe im Bauwesen aber nicht gut funktioniert und die Bauwirtschaft habe in Deutschland Normung nicht immer mit Priorität behandelt – mit dem Ergebnis, dass sich die Normungsarbeit häufig auf wissenschaftliche Institute verlagert habe. „Damit waren plötzlich eher die Wissenschaftler diejenigen, die den Inhalt der Normen bestimmt haben. Das steuert man gerade wieder um, nachdem man gemerkt hat, dass sich das nicht bewährt hat. Man war da teilweise deutlich vor der technischen Entwicklung – und Normen sollen eigentlich den Stand der Technik beschreiben und nicht den Stand der Wissenschaft. Der Stand der Technik ist nämlich das, was sich in der Praxis bewährt hat und aus der Erfahrung heraus gut ist.“

Dazu kommt eine gewisse Unverständlichkeit für Bauausführende bei zu wissenschaftlich formulierten Normen. „Man hat darauf gebaut, dass es Aufgabe der Verbände ist, das dann zu erklären. Aber das ist aus meiner Sicht auch etwas, das reduzierbar ist, so dass wir wieder zu Normen kommen, die von Bauausführenden auch gelesen und interpretiert werden können, weil sie Lösungen vorgeben und nicht nur Anforderungen definieren. Da haben wir einiges zu tun.“

Was tun angesichts der Komplexität?

Wie aber kann man sich angesichts der gestiegenen Anforderungen und der ebenfalls gewachsenen Anzahl der Normen (die Experten schätzen den Anstieg in den letzten 30 Jahren auf 15 bis 20 Prozent) verhalten, um darin nicht zu ersticken? Stefan Wagmeister: „Wir haben im mitteleuropäischen Bereich immer noch relativ wenig Vorfertigung im Bauwesen. Das wäre vielleicht ein Ansatz, da mehr hinein zu gehen und auf bewährte und oftmals geprüfte und kombinierbare Bauteile zu setzen. Das würde auch Bauzeiten reduzieren.“ Im asiatischen Bereich sei man da viel weiter, auch im Wohnbau und in der Sanierung.

„Serielles Bauen ist ein Thema, aber das ist zumindest in Deutschland in der Bauwirtschaft durch das Selbstverständnis der Protagonisten schwierig“, sagt dazu Rüdiger Marquardt. In der Industrie wäre das einfacher, weil sowieso Serienprodukte erstellt werden. Am Bau hingegen geht man immer von Einzelanfertigungen aus, obwohl das nicht so sein muss.

Schmaler Grat zwischen Bewährtem und Innovation - Klassen und Bauteillösungen als Weg?

Die Kritik an schwerer Verständlichkeit mancher Normen war ja in Österreich Anlass für die Einberufung des „Dialogforum Bau Österreich“ Anfang 2016. Dieses steht, sagt Stefan Wagmeister, genau für das Zurückrudern von sehr technisch und wissenschaftlich beschriebenen Inhalten von Normen. „Das ist ein Punkt, bei dem man ansetzen kann, soll und muss. Und ich denke, dass man beim Formulieren der Normen die Zielgruppe der Anwender im Fokus haben muss.“ Dabei seien oft auch Zeichnungen gute Mittel.

Gefragt ist aber in Summe der Einsatz von Bewährtem und gleichzeitige Offenheit für neue und innovative Konstruktionen. „Das ist natürlich ein schmaler Grat und auch wir müssen dabei den Hebel ansetzen, nicht zu wissenschaftlich zu werden. Das ist uns allen bewusst.“

Ein Weg geht dabei möglicherweise zum Anbieten von Klassen und auch zu Bauteillösungen. „Da hat man im Holzbau schon mehr Wissen und Tradition, im Massiv- und Mischbau hat man sicher noch einiges an Weg vor sich. Aber wenn die Vorfertigung hilft, Kosten zu sparen und Bauschäden zu reduzieren, dann wird es auch schaffbar sein, dafür und damit normative Lösungen oder Datenbanken anzubieten, auf die Planer und Ausführende zugreifen können.“