Allianzverträge

"Mehrere Projektansätze in Deutschland"

SOLID fragt im Vorfeld zum Online-Event www.allianzvertrag.at bei Top-Speaker Markus Lentzler nach, welche Erfahrungen es in Deutschland bei Projekten mit integrierter Projektabwicklung gibt.

ÖBV Allianzverträge Baurecht

DI Markus Lentzler ist Geschäftsführer von ECE-Projektmanagement in Hamburg

SOLID: Gibt es zu partnerschaftlichen Vertragsmodellen in Deutschland schon mehrere Pilotprojekte?

Lentzler: Für das partnerschaftlichen Modell „Mehrparteienvertrag mit Integrierter Projektabwicklung“ gibt es derzeit mehrere Projektansätze in Deutschland. Es existieren etwas mehr als ein halbes Dutzend geschlossener vertraglicher Vereinbarungen. Das Feld der Projekte ist sehr divers und reicht von privaten Investitionsprojekten bis hin zu ersten Ansätzen öffentlicher Auftraggeber. Die meisten Projekte befinden sich noch in sehr frühen Projektphasen. Daher ist meines Wissens bisher keines der Projekte in diesem für Deutschland neuen Konstrukt in die Realisierung gegangen.

Allerdings gibt es eine lange Erfahrung mit „Mehrparteienverträgen mit integrierter Projektabwicklung“ im internationalen Bereich, auch in Europa, besonders in Finnland, aber auch in UK.

SOLID: Haben Sie mit partnerschaftlichen Vertragsmodellen bereits Projekte durchgeführt?

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Lentzler: Die ECE hat in den letzten 10 Jahren fast ausschließlich ihre Großprojekte in partnerschaftlichen Vertragsmodellen abgewickelt. Diese Vertragsmodelle wie z.B. das Strabag Teamkonzept und andere vergleichbare Konzepte ermöglichten durch die frühe Einbindung des Marktes eine deutlich zielgerichtetere Planung als alle anderen herkömmlichen Modelle. Allerdings handelt es sich dabei bisher ausschließlich um bilaterale Vertragsmodelle. Die Chancen, durch ein multilaterales Vertragsmodell wie dem „Mehrparteienvertrag“ weitaus mehr Perspektiven und Notwendigkeiten in allen Phasen des Planen und Bauens berücksichtigen zu können, ergeben insbesondere auch im Zusammenhang mit BIM und Lean Management Methoden eine neue Chance für unsere Branche.

SOLID: Gab es doch kleinere oder größere Probleme mit Planern und Ausführenden dabei und was ist der Benefit, den Sie daraus ziehen konnten?

Lentzler: Vergleicht man die eigenen Erfahrungen eines partnerschaftlichen bilateralen Vertrages mit den bisherigen Erfahrungen des „Mehrparteienvertrages mit integrierter Projektabwicklung“ fällt auf, dass durch die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel im Sinne „Best for Project“ erfolgskritische Parameter noch besser gemanagt werden. Dadurch, dass -ähnlich wie beim Mannschaftssport- alle zusammen gewinnen oder verlieren, werden Werte wir offene Kommunikation, Transparenz, Wertschätzung und kontinuierliche Verbesserung zu erfolgskritischen Faktoren.
Die Erfahrung bei unserem Pilotprojekt „Kongresshotel Hafen City Hamburg“ sind durchwegs sehr positiv: die Führung wird durch eine starke Selbstregulierung der Projektbeteiligten deutlich optimiert und Kreativität ermöglicht „Denken in Alternativen und über den eigenen Wirkungsbereich“ hinaus. Das schafft neue Horizonte und Möglichkeiten.

Projekte, die mit einem Mehrparteienvertrag abgewickelt werden, benötigen allerdings insbesondere wegen ihrer heutigen Pilotbedeutungen aus meiner Sicht eine neutrale Moderation und bestenfalls ein Monitoring der Projektkultur.  So lassen sich übliche „Anfängerfehler“ vermeiden und ein Bewusstsein für die Veränderung der Projektkultur schaffen.  Schließlich haben wir in Deutschland und Österreich noch keine hinlänglichen Erfahrungen mit diesen Modellen.

SOLID: Würden Sie solch ein Vertragsmodell genauso wiedereinsetzen oder etwas ändern?

Lentzler: Aus meinen bisherigen Erfahrungen halte ich das Modell „Mehrparteienvertrag mit integrierter Projektabwicklung“ für sehr geeignet, große und komplexe Bauvorhaben auszuführen. Wir haben als ECE außer dem Projekt „Kongresshotel in der Hafen City Hamburg“ bereits bei verschiedenen neuen Projekten den Ansatz eines Mehrparteienvertrages geprüft.
Komplexität der Projekte, aber auch das bekannte Nutzerprogramm sind dabei auf der Bauherrenseite als besonders erfolgskritisch zu bewerten. Wir werden voraussichtlich im kommenden Jahr ein weiteres Projekt in diesem Modell beginnen.
Aus meiner Sicht fordern die Digitalisierung, BIM und Lean Management Methoden bereits heute neue Arbeitsweisen. Die Kultur des gemeinsamen Planen und Bauens wird ein neues Kapitel aufschlagen können und müssen. Aus meinen Gesprächen sowohl der Auftraggeber als auch der Auftragnehmer ist die Zeit für kollaborative Modelle reif. Unsere gelernte Kultur wird sich entsprechend anpassen. Denn nicht nur die Marktteilnehmer, insbesondere auch die jungen Menschen möchten, dass Bauen wieder Spaß bringt. Lassen sie uns an diesen Chancen arbeiten!

Mehr zum gesamten Programm des Online-Events am 19.-20.11.2020, PARTNERSCHAFT MIT BAUPRAXIS unter  www.allianzvertrag.at