SOLID 09/2020

“Man kann viel mehr tun, ohne sich aus dem Markt zu drängen”

Topmanager der Bau- und Immobilienbranche trafen sich auf Einladung von Solid und Horvath & Partners zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch zum Thema Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft. Dabei gab es durchaus überraschende Erkenntnisse.

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Die Runde mit immer wieder wechselnden Größen der Bauwirtschaft hat mittlerweile Tradition, trotzdem war heuer aus Virus-Gründen einiges anders. Zum einen hätte sie eigentlich schon Teil unseres Nachhaltigkeitscoverthemas in SOLID 05/2020 sein sollen, zum anderen mussten wir unseren Talk örtlich verlegen, um genug Abstand zwischen den Teilnehmern gewährleisten zu können. So bildete anstelle der Räumlichkeiten der Unternehmensberatung Horvath & Partners das Sofitel am Anfang der Wiener Praterstraße den Rahmen.

Im Vorfeld stellten wir uns auch die Frage, wie weit Nachhaltigkeit in undurchsichtigen Krisenzeiten wie diesen coronageprägten Monaten als Thema überhaupt präsent und für führende Manager interessant sein würde. Das große Interesse und die lebhafte Diskussion sprachen jedoch bald eine eindeutige Sprache.

Teilnehmer des Executive Talks waren (in alphabetischer Reihenfolge) Klemens Haselsteiner (Strabag-Vorstand für Digitalisierung und Unternehmensentwicklung), Andreas Holler (Geschäftsführer Buwog), Hubert Rhomberg (CEO Rhomberg-Gruppe), Heimo Scheuch (CEO Wienerberger AG), Robert Schmid (CEO Schmid Industrieholding), Ludwig Steinbauer (GF Porr Beteiligungen und Management GmbH), Michael Wardian (CEO Kirchdorfer Fertigteilholding) und Karl Weidlinger (CEO Swietelsky AG), ergänzt durch Stefan Bergsmann und Christoph Weber (Geschäftsführer und Principal Horvath & Partners).

Die Diskussion wurde durch Christoph Weber eröffnet, der von einer Umfrage berichtete, in der Horvath & Partners die Auswirkungen von Covid 19 auf Geschäftsgang und Themen untersucht hat. „Wir hatten erwartet, dass das Thema Nachhaltigkeit auch unter dem Corona-Gesichtspunkt ein starkes sein wird. Das war in vielen Branchen nicht der Fall, da waren Kosten etc. mehr im Fokus. In der Baubranche ist das Thema aber durchaus weit oben auf der Agenda.“

© www.thomastopf.com

Heimo Scheuch, CEO Wienerberger AG: „Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit etwa bei Investitionen ein riesiges Thema ist und durch entsprechende Entwicklungen auf dem Finanzmarkt in der Zukunft noch wesentlich wichtiger werden wird. Wir brauchen außerdem ein paar einfache Regeln wie eine Verfassungsbestimmung, dass Nachhaltigkeit im Sinn des volkswirtschaftlichen Nutzens bei Infrastrukturprojekten eine Rolle spielt.“

Wienerberger-CEO Heimo Scheuch betonte in seinem Eröffnungsstatement die Langfristigkeit und Unausweichlichkeit des Themas Nachhaltigkeit: „Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit etwa bei Investitionen ein riesiges Thema ist und durch entsprechende Entwicklungen auf dem Finanzmarkt in der Zukunft noch wesentlich wichtiger werden wird. Natürlich spielt das Thema Kosten dabei eine große Rolle – nicht nur die aus den Produkten und deren Verarbeitung, sondern die aus den ganzen Formalismen, mit denen wir konfrontiert sind. Wer diese Kosten zu tragen hat, ist ein wichtiges Thema. In dieser Diskussion sind wir noch am Anfang einer langen Reise.“ Die zunehmenden Green Bonds auf dem Finanzmarkt würden etwa ihre Finanzierungskriterien an Nachhaltigkeitsziele knüpfen. „Gäbe es das nicht, hätten wir die große Gefahr von nicht nachvollziehbaren Lippenbekenntnissen. Transparenz wird immer entscheidender.“

Außerdem wies Scheuch auf wesentliche Unterschiede zwischen Europa und dem angloamerikanischen Teil der Welt hin. „Wir Europäer kommen eher über die Gesetzgebung, die Angloamerikaner kommen mehr über ihre Policies. Das ist für uns auf dem Weltmarkt eine riesige Herausforderung, weil wir über unsere eigenen gesetzlichen Kriterien hinaus auch noch die Policies erfüllen müssen.“ Es sei da leider zu einer Umkehr gekommen, so Scheuch: „Wir Europäer sind zwar die Erfinder der Nachhaltigkeit und haben gedacht, wir könnten uns so gegenüber dem Rest der Welt besser positionieren, aber heute haben uns die Angloamerikaner da lange überholt. Wir hätten da eine Riesenchance gehabt, wenn wir ganz klar Kriterien für nachhaltiges Bauen definiert hätten – aber das haben wir nicht. Wir denken da immer zu klein.“

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Hubert Rhomberg, CEO Rhomberg Gruppe: „Man kann viel mehr tun, als man heute tut, ohne sich damit aus dem Markt zu drängen, das muss man ganz klar sagen. Die Antwort: der Kunde zahlt es nicht, ist ja ein Klassiker. Aber von 100 Möglichkeiten, die man dazu in einem Projekt hat, gibt es vielleicht 80, die der Kunde nicht zahlt, aber 20 kosten gar nichts.“

Die Frage nach der fehlenden Definition von Nachhaltigkeitskriterien griff der vor allem für seine Holzbau-Innovationen und als Querdenker bekannte Hubert Rhomberg auf. „Für uns ist das Thema nicht mehr verhandelbar. Und man kann viel mehr tun, als man heute tut, ohne sich damit aus dem Markt zu drängen, das muss man ganz klar sagen. Die Antwort: der Kunde zahlt es nicht, ist ja ein Klassiker. Aber von 100 Möglichkeiten, die man dazu in einem Projekt hat, gibt es vielleicht 80, die der Kunde nicht zahlt, aber 20 kosten gar nichts. Und wichtig ist, dass man dem Kunden die anderen Sachen zumindest anbietet. Ob er das dann macht oder nicht, ist etwas anderes. Das ist vielleicht ökonomisch legitim, aber ich habe es zumindest transportiert.“ Rhomberg sieht dazu eine CO2-Steuer fix im Kommen und sieht dabei den richtigen Preis pro Tonne bei 200 bis 300 Euro. Ein weiteres regulatorisches Thema sei die Recyclingquote. In Berlin etwa dürfe man keinen Beton mehr verwenden, der nicht zu 80 Prozent aus Recyclingmaterial kommt: „Dadurch ist es mittlerweile so, dass Abbrüche gekauft werden, damit man überhaupt produzieren kann.“ Die Situation sieht er am Umschlagen: „So schnell, wie jetzt nach grünen Gebäuden gefragt wird, können wir ja gar nicht produzieren.“

Einen weiteren Treiber in der Nachhaltigkeitsentwicklung sieht der Vorarlberger im Digitalen Zwilling von Gebäuden, durch den man genau wisse, was und in welcher Menge wo verbaut wurde. „Ich würde als Investor keine Millionen mehr in die Hand nehmen, wenn ich nicht genau weiß, was in einem Gebäude drin ist und wie ich es wieder rückbaue.“ Das würde sich über kurz oder lang auch in die Genehmigungsprozesse fortsetzen, meint Rhomberg. Dazu käme auch die Berücksichtigung der im Bauprozess verwendeten und im Gebäude steckenden grauen Energie. Im Endeffekt könnte man dann sogar bei Geschäftsmodellen wie der Vermietung von Baustoffen und Bauteilen landen. „In dem Moment, wo ich den Dingen einen finanziellen Wert beimesse, können sie nicht mehr untergehen.“

Als wichtigsten Aspekt beim Thema Nachhaltigkeit bezeichnet Rhomberg ein wenig überraschend (aber in Folge nicht als einziger) das Thema Mitarbeiter. „Die jungen topmotivierten Mitarbeiter gehen dorthin, wo sie einen Sinn sehen und wo die Zusammenhänge klar sind. Sie gehen nicht zu einer Firma, der das völlig egal ist und wo man genau weiß, dass das im Prospekt Geschriebene eigentlich ein Witz ist. Auf Social Media gibt es dazu mittlerweile mehr Wissen als in den Vorstandsetagen.“