SOLID 09/2020

"Letztlich ist das Ökologische für uns immer auch getrieben vom Ökonomischen."

Von

„Ein Großteil dieser Themen sind ja nicht wirklich ganz neu, vor allem bei der Energieversorgung“, merkte Kirchdorfer-Fertigteil-Chef Michael Wardian an. In der Folge war es ihm wichtig, vom reinen Hochbau wegzukommen und sich aus der größeren Perspektive mit der Frage zu beschäftigen, was der Kunde bereit ist zu zahlen. „Aus unserer Sicht ist der öffentliche Auftraggeber viel eher bereit als der Private, für Nachhaltigkeit auch zu bezahlen.“ Ein Beispiel dafür wäre etwa die öffentliche Hand und deren Bereitschaft, für wartungsarme Betonfertigteile auch Geld in die Hand zu nehmen. Hier stehen in der Zwischenzeit die Life Cycle Costs im Vordergrund. Ziel ist es natürlich die LCC und das Produkt günstiger zu gestalten. Im privaten Bereich ist das schon noch ein bisschen anders. Da werden auch Recyclingprodukte oftmals nicht so gut angenommen, da heißt es immer noch oft: ich will das eigentlich ganz neu haben.“

© www.thomastopf.com

Michael Wardian, CEO Kirchdorfer Fertigteilholding: „Intuitiv haben wir viele Dinge ja schon lange gewusst und vielfach auch gemacht – jetzt haben wir einen Zettel, auf dem es draufsteht. Und die Produkte werden durch die Digitalisierung mit einem Modewort benannt smarter und damit nachhaltiger.“

Im Spannungsfeld Policies versus Regulatorien bricht Wardian eine Lanze für die Policies und sieht da vor allem die öffentliche Meinung und Kampagnen im Internet, speziell den Sozialen Medien, als bedeutend an. In Summe gehe es bei Nachhaltigkeitsthemen vor allem im Umweltbereich aber oft um Hausverstand: „Intuitiv haben wir viele Dinge ja schon lange gewusst und vielfach auch gemacht – jetzt haben wir eben einen Zettel, auf dem es draufsteht.“

White Paper zum Thema

Haben sich mehr die Policies geändert oder die Produkte? „Im wesentlich machen wir heute in stark abgewandelter Form wie schon 1930 Betonfertigteile“, sagt Wardian. „Einige Produkte haben sich abgesehen von der Produktionsmethode nur gering verändert, da die Gebrauchstauglichkeit bei mineralischen Baustoffen eben sehr lang ist – die Investitionsschübe kommen da jetzt gerade mit der Digitalisierung und der digitalen Verortung von Betonfertigteilen. Die Produkte werden mit einem Modewort benannt smarter.“ Bei Kirchdorfer ist man davon überzeugt, dass das Mineralische – auch im Dämmstoffbereich – der richtige Baustoff ist.

© www.thomastopf.com

Stefan Bergsmann, Geschäftsführer Horvath & Partners Österreich: „Digitalisierung ist ein ganz starkes Nachhaltigkeitsthema. Sie wird in Befragungen wie unserer Studie zwar als eigener Punkt ausgewiesen, zahlt aber auf Nachhaltigkeit ein - so wie ein Teil von Kostensenkungen durch besseren Umgang mit Material oder das Thema Regionalisierung von Lieferketten.“

Horvath & Partners-Österreich-Geschäftsführer Stefan Bergsmann stimmte einigen der Vorredner zu, was die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit bei der Mitarbeiterrekrutierung und -bindung betrifft. „Von dort kommt auch bei uns als Beratern der meiste Druck beim Thema – und so gut wie nicht von Kunden aus der Bauwirtschaft oder aus anderen Branchen. Was uns besonders beschäftigt daran ist etwa das Thema Reisen. Kunden wollen Mitarbeiter in der Regel persönlich sehen, Mitarbeiter hinterfragen oft die Notwendigkeit von Flugreisen massiv.“ Für ihn ist auch Digitalisierung ein ganz starkes Nachhaltigkeitsthema und würde „in Befragungen wie in unserer Studie zwar als eigener Punkt ausgewiesen, zahlen aber auf Nachhaltigkeit ein - so wie ein Teil von Kostensenkungen durch besseren Umgang mit Material oder das Thema Regionalisierung von Lieferketten.“ Eine offene Frage ist auch für den Top-Berater die nach der tatsächlichen Berechenbarkeit von Nachhaltigkeit, das sähe man etwa schon bei der Debatte um Elektroautos.

© www.thomastopf.com

Karl Weidlinger, CEO Swietelsky AG: „In Summe gibt es  nach wie vor einen großen Unterschied zwischen den Interessen reiner Investoren, die ein Bauprojekt am Markt platzieren wollen, und Organisationen, die auch selbst als Betreiber agieren. Zweitere achten viel mehr auch auf die Betriebsphase und somit auf die gesamten Lebenszykluskosten.“

„Nachhaltigkeit heißt nicht nur Umweltnachhaltigkeit, sondern es geht auch um soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit“, knüpfte Swietelsky-AG-CEO Karl Weidlinger an. „Einen Nachhaltigkeitsreport zu machen, damit ich auf der Börse eine Anleihe auflegen kann, ist ein reines Placebo.“ Auch wirtschaftliche Nachhaltigkeit beginne bei den Mitarbeitern, sagte der Chef des drittgrößten heimischen Baukonzerns nach Strabag und Porr. „Nur gut ausgebildete und zufriedene Mitarbeiter wechseln nicht auf Zuruf – man muss also schauen, dass das ganze Paket in einer Firma passt, um gute Kräfte nachhaltig ans Unternehmen zu binden.“ 

Bei den Materialien sieht Weidlinger umwelttechnisch neben Hybridbauweisen großes Potenzial im Asphaltrecycling sowohl wirtschaftlich bei den Firmen als auch volkswirtschaftlich durch geringerem Bedarf an zu importierenden Erdölprodukten. Hier wird Ausbauasphalt viel zu oft nur mehr minderwertig wiederverwendet oder sogar deponiert. In Summe aber gibt es auch nach wie vor einen großen Unterschied zwischen den Interessen reiner Investoren, die ein Bauprojekt am Markt platzieren wollen, und Organisationen, die auch selbst als Betreiber agieren. Zweitere achten viel mehr auch auf die Betriebsphase und somit auf die gesamten Lebenszykluskosten.

„Für einen reinen Investor darf ich dann nicht bauen“, warf Hubert Rhomberg an dieser Stelle ein und: „Ich möchte als Unternehmen wachsen, ich möchte aber nur mehr mit Dingen wachsen, die nachhaltig sind. Ich muss mein Kerngeschäft natürlich weiter machen, sonst bin ich tot – aber alles, was ich zusätzlich mache, ist meine Entscheidung.“

In diesem Zusammenhang kritisierte der Vorarlberger auch die gängigen Ausschreibungsprozesse. „Die lassen keine Kommunikation zu – und letztlich führt nur Kommunikation zu nachhaltigen Lösungen.“

„Die öffentliche Hand und der Staat müssen da ganz klar eine Entscheidung treffen, was die Nachhaltigkeit betrifft“, ergänzte Heimo Scheuch. „Das passiert bei uns aber aufgrund der Parteipolitik und des reinen Denkens in Legislaturperioden nicht. In Finnland etwa hat man aufgrund der zunehmenden Stürme eine unmissverständliche Entscheidung getroffen, die elektrische Versorgung unter die Erde zu verlegen. Das ist natürlich zunächst kostspielig, löst aber das Problem. Käme eine ähnliche Vorbildwirkung auch bei uns, würden wir uns alle viel leichter tun.“

© www.thomastopf.com

Ludwig Steinbauer, Geschäftsführer Porr Beteiligungen und Management GmbH: „Wir setzen sehr stark auf Messbarkeit und punkten damit auch beim Thema der jungen Mitarbeiter. Letztlich ist das Ökologische immer auch getrieben vom Ökonomischen. Wenn wir günstige Finanzierungen bekommen, weil wir das Thema Nachhaltigkeit nachweislich verfolgen, wird es auch funktionieren. Wenn nicht, bleibt es ein Papiertiger.“

Auch für die Porr als börsennotiertes Unternehmen ist „Nachhaltigkeit natürlich ein großes Thema“, meldete sich Ludwig Steinbauer (Vorstand der Porr Beteiligungen und Management GmbH) zu Wort. „Ich denke, dass vieles mittlerweile auch wirklich messbar geworden ist. Wir setzen sehr stark auf das Thema der Messbarkeit und punkten damit auch beim schon öfters angesprochenen Thema der jungen Mitarbeiter. Letztlich ist das Ökologische für uns immer auch getrieben vom Ökonomischen. Wenn wir günstige Finanzierungen bekommen, weil wir das Thema Nachhaltigkeit nachweislich verfolgen, wird es auch funktionieren. Wenn das nicht Hand in Hand geht, bleibt es ein Papiertiger. Ich bin aber überzeugt davon, dass es funktionieren wird.“

Was die am Bau verwendeten Produkte betrifft, sieht Steinbauer Änderungen etwa bei mittlerweile als giftig oder anderweitig gefährlich erkannten Zuschlagstoffen oder bei der vorgeschriebenen Recyclingquote.

© www.thomastopf.com

Robert Schmid, CEO Schmid Industrieholding: „Als es in meiner Beobachtung so war, dass die größten Dreckschweindeln die schönsten Nachhaltigkeitsberichte produziert haben, habe ich für eine Zeit aufgehört, mich mit der Definition von Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Seit wenigen Jahren ist es wieder hochinteressant geworden, weil zwei Komponenten Bedeutung gewonnen haben: die Dinge sollen lang halten und am Ende möglichst upcyclebar sein. Upcycling ist eine riesige Chance für uns.“

„Ich finde das bisher Gesagte hochinteressant“, replizierte Schmid Industrieholding (zB Wopfinger, Baumit)-Chef und Präsident des Fachverbands der Stein- und keramischen Industrie Robert Schmid und berichtete von Beobachtungen im eigenen Unternehmen: „Von den Mitarbeitern kommt einerseits Druck in Richtung Nachhaltigkeit, auf der anderen Seite soll man ihnen die Mineralwasserflasche aus Plastik nicht wegnehmen. Auch die Nachhaltigkeitsberechenbarkeit schwirrt mir persönlich seit über 30 Jahren im Kopf herum – früher hieß es einfach ökologisch. Ich erlebe da auf jeden Fall eine Evolution und Veränderung der Begriffsdefinition. Je länger wir uns mit dem Thema beschäftigen, desto unmöglicher wird es aus meiner Sicht, das zu berechnen. Wir haben dazu jede Menge Workshops gemacht und herausgefunden, dass wir schon lange nachhaltig sind und nur mehr darüber reden müssten. In der Zwischenzeit hatten uns andere beim Reden überholt. Als es dann in meiner Beobachtung so war, dass die größten Dreckschweindeln die schönsten Nachhaltigkeitsberichte produziert haben, habe ich für eine Zeit aufgehört, mich mit der Definition von Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Seit wenigen Jahren ist es aber für mich wieder hochinteressant geworden, weil zwei Komponenten Bedeutung gewonnen haben: die Dinge sollen lang halten und am Ende möglichst upcyclebar sein. Wir haben viel zu lange downgecyclet und das Upcycling ist eine riesige Chance für uns.“

Als problematisch für die Durchsetzung nachhaltigen Bauens sieht Schmid die Entwicklung bei der Haustechnik an, die die Bauprodukte in ihrer Bedeutung immer mehr überholen würde. „Haustechnik wird einfach schneller kaputt und technisch überholt als das Haus selbst. Sie bekommen die Ersatzteile nicht einmal mehr.“

Schmid brach außerdem eine Lanze für mehr Nachhaltigkeitsdenken auch beim Thema Sanierung: „Es gäbe da außer dem Neubau so viele Möglichkeiten, unser gesamtes Verhalten nachhaltiger werden zu lassen.“

Liegt in nachhaltigem Bauen nicht auch eine gewisse Gefahr für Teile der Baubranche? Wenn Qualität und Langlebigkeit von Bauwerken sich steigern wie bei Ludwig-Reiter-Schuhen im Vergleich zum Diskonterprodukt und das Thema Flächenversieglung und deren Folgen immer größer wird, geht einer Branche da nicht langfristig die Arbeit aus? Die einhellige Antwort aus der Runde war ein klares Nein.

„Der 2. Weltkrieg ist schon lange her“, sagte beispielhaft Wienerberger-Chef Heimo Scheuch, „und die Infrastruktur wird und ist alt. Die Stadt Hamburg etwa verliert 40 Prozent ihres wertvollen Wassers durch schadhafte Leitungen, in London ist das noch mehr. Bei den derzeitigen Finanzierungsbedingungen könnte man in Europa Tausende Arbeitsplätze schaffen, die allen zugute kämen. Auch Stadtplanung der Zukunft ist ein riesiges Thema. Man könnte enorm viel tun. Es braucht dazu aber ein paar Leute, die wirklich langfristig denken. Wir brauchen Bereitschaft zum Tun und nicht nur zum Reden. So wie wir hier am Tisch sitzen, sind wir ja schon einen Schritt weiter. Aber vielerorts ist das nicht so. Wir brauchen ein paar einfache Regeln wie eine Verfassungsbestimmung, dass Nachhaltigkeit im Sinn des volkswirtschaftlichen Nutzens bei Infrastrukturprojekten eine Rolle spielt.“