Architektur

Ist Tokio auf das große nächste Erdbeben vorbereitet?

Ob das größte Erdbeben in der Geschichte Tokios kommt, ist nicht mehr die Frage – bloß noch, wann genau. Bis 2050 soll die bevölkerungsreichste Stadt der Welt von einem Megabeben heimgesucht werden. Architektur und Infrastruktur werden entsprechend vorbereitet. Doch wo liegen die Schwachstellen?

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Es hat sich viel verändert in Tokio seit 1923. Doch diese Veränderungen haben viel mit dem zu tun, was damals passierte. Denn es war 1923, als mit einer Stärke von 7,9 ein Megaerdbeben die japanische Hauptstadt heimsuchte. Die Zahl an Verletzten und Toten soll bei mindestens 105.000 gelegen haben, tausende Gebäude stürzten ein oder wurden von Feuern zerstört.

Japan im Allgemeinen und Tokio im Besonderen sind auch seither regelmäßige Erdbeben gewöhnt. Viele werden aufgrund ihrer Schwäche von der Bevölkerung gar nicht registriert und über sieben kam kein Beben seit den Zwanzigern. 

Seismologen sind sich aber seit einigen Jahren sicher, dass eine solche Stärke wieder erreicht werden wird – und das noch vor 2050. Viele Erdbeben, die auf der Richterskala über sieben liegen, haben ihren Ursprung im Absinken der Philippinischen Platte und der Pazifischen Platte. Ein sehr starkes Beben wird so im Schnitt alle 27 Jahre ausgelöst. Nach dieser Rechnung ist das nächste große Unglück sogar schon fünf Jahre überfällig. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten 30 Jahren eintrifft, soll bei 70 Prozent liegen.

Planen bis morgen oder bis 2050

Tokio – heute mit 37 Millionen Menschen die bevölkerungsreichste Stadt der Welt – hat aus vergangenen Unglücken gelernt. Die Stadtregierung bereitet ihre Notdienste und die Bevölkerung so gut wie möglich vor, von jährlichen Notfalltrainings in Schulen bis zu einem speziellen Straßensystem für Einsatzwägen. Ein besonderes Augenmerk wird natürlich auf die Gebäudesicherheit gelegt. Und doch könnte all das im Falle des Falles nicht genug sein.

„Japan ist weltberühmt für seine stabile Infrastruktur und seismischen Technologien. Wenn man sich die Wolkenkratzer Tokyos ansieht, scheint es unglaublich, wie weit die Technologie zu großen Teilen ist“, sagt Robin Takashi Lewis, ein in Tokio ansässiger Spezialist für Katastrophenvorsorge. „Doch meine Sorge gilt der Vorbereitung in der Bevölkerung.“

Denn nicht nur besuchen mehrere Millionen Touristen jährlich die Megastadt; dieses Jahr werden noch ein paar Millionen mehr erwartet, wenn hier zwischen September und November die Rugby-WM abgehalten wird. Und nächstes Jahr finden in Tokio die Olympischen Sommerspiele statt. Masa Takaya, Sprecher für die Spiele, erklärt, dass alle Stadien den strengen japanischen Gebäudestandards unterliegen. 

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Die Warnanlagen stehen und werden regelmäßig getestet. Über diese wird die Bevölkerung im Falles eines Jahrhunderterdbebens informiert.

Die hohen Standards gelten seit 1981. Laut einer Studie der Universität Tokio entsprechen neun von zehn Gebäuden in der Hauptstadt bereits den aktuellen anti-seismischen Standards. Bauten über 60 Meter Höhe werden besonderen Analysen unterzogen. Wird heute ein Hochhaus in Tokio gebaut, beinhaltet es bereits mehrere anti-seismischen Applikationen, wie etwa ein Pendel, das den Schwingungen eines Bebens entgegenwirken soll. 2011 verschob an der Nordostküste Japans ein Erdbeben der Stärke neun die Erdachse um 25 Zentimeter; der darauffolgende Tsunami tötete 20.000 Menschen und führte zu einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima. 370 Kilometer vom Epizentrum entfernt erschütterte das schlimmste Erdbeben, das Japan seit Aufzeichnungsbeginn je heimgesucht hat, auch Tokio. Die modernen Wolkenkratzer schwangen hin und her, was bedrohlich aussah, doch genau ihrem Design entsprach. Sie sollten sich wie schlanke Bäume biegen, nicht brechen. Gummipolster oder mit Flüssigkeit gefüllte Sockel helfen ihnen dabei.

„Unglaublich, wie weit die Technologie ist“

Laut der Stadtregierung soll bei einem mittleren Beben Gebäuden nach den nationalen Baustandards nur wenig Schaden zukommen und auch ein großes Beben würde sie nicht zum Einsturz bringen. Doch ältere Häuser und Panik unter den Menschen – viele davon Besucher und nicht wie die Bevölkerung trainiert – könnten umso mehr Schaden anrichten. „Wir haben immer noch rund 13.000 Hektar an konzentrierten Holzhäusern, was etwa sieben Prozent der Verwaltungszone von Tokio ausmacht“, sagt Nobutada Tominaga vom Amt für Stadtentwicklung. So entsprachen die meisten der 400.000 Häuser, die bei einem starken Beben 1995 einstürzten, noch älteren Standards. 

https://youtu.be/ROz_ghunhVE

Offiziellen Schätzungen zufolge würde ein Erdbeben der Stärke 7,3 heute samt den nachfolgenden Feuern 9.700 Menschen töten, 150.000 verletzen, über 300.000 Gebäude zerstören und für Evakuierungen und Obdachlose im Millionenbereich sorgen. Nach einer Woche würde es wohl wieder Strom geben, fließendes Wasser erst nach einem Monat und Gas nach zwei Monaten. 

Laut dem Japanischen Erdbebenforschungskomitee wären die Folgen wohl die verheerendsten, würde das nächste große Beben direkt im Süden von Tokio und im Winter eintreffen. In diesem Fall wird sogar von 23.000 Toten und 610.000 zerstörten oder verbrannten Gebäuden gesprochen.  

Sieben Prozent von Tokyo könnten die ganze Stadt zerstören

Die Stadtentwicklung geht daher Möglichkeiten nach, die Infrastruktur für den Notfall zu verbessern. Kürzlich wurde ein Projekt abgeschlossen, durch das die Fußgängerzonen im Vorort Nakanobu erweitert wurden. So sollen Feuer leichter aufgehalten werden können. Denn gerade durch die eng stehenden Holzhäuser können sich Brände leicht ausbreiten. 

Auch die U-Bahn von Tokio wurde nach seismologischen Standards verstärkt. Und in öffentlichen Parks wurde auch vorgesorgt: Wenn durch eine Katastrophe plötzlich tausende Menschen ihr Obdach verlieren, können die Parkbänke blitzschnell in Kochstellen umfunktioniert und bis dahin versteckte Notfalltoiletten geschaffen werden. 

https://youtu.be/7Zw-BvKo0pI

Ein besonders großes Infrastrukturprojekt wurde 2009 nach 17 Jahren fertiggestellt und kostete fast zwei Milliarden Euro: die fünf sogenannten G-Cans. Diese 65 Meter hohen Silos nehmen im Fall einer Überflutung Wasser auf und speisen durch einen 6,5 Kilometer langen Tunnel einen riesigen unterirdischen Tank. 

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Das verheerende Erdbeben 2011 hatte sein Epizentrum an der Küste. Trotzdem war es in Tokio stark zu spüren.

Am beeindruckendsten bleiben aber die Errungenschaften in der Architektur. Das japanische Technologieunternehmen Air Danshin entwickelte 2011 sein Airbag-System für Gebäude. Die Luftpölster können Häuser drei Zentimeter vom Boden abheben, nachdem eingebaute Sensoren Erschütterungen wahrnehmen. Auch das Ablassen der Luft nach der Gefahr funktioniert automatisch. Laut den Herstellern ist die Methode im Vergleich zu anderen Erdbebensicherungen leicht zu warten und um etwa zwei Drittel kostengünstiger. Die Technik wird bereits bei ein paar hundert Häusern in Japan angewendet. 

Schlechte Schwingungen

Nicht nur in Japan, sondern etwa auch in Taipeh, Sydney und Boston kommt die erwähnte Pendelkonstruktion vor. Hier wird eine viele Tonnen schwere Stahlkugel im Inneren eines Wolkenkratzers angebracht und schwingt bei Erschütterungen in die entgegengesetzte Richtung des Baus. Während in Tokio viele neue Türme schon von Beginn an mit diesen Schwingungstilgern gebaut werden, wurden 2013 sechs Pendel in das Dach des bereits lange bestehenden Shinjuku Mitsui Towers eingebaut. Denn der Wolkenkratzer bewegte sich im Erdbeben von 2011 um fast zwei Meter – etwas, das nie wieder passieren sollte. Jedes der Pendel wiegt 300 Tonnen und das Vorhaben kostete über 40 Millionen Euro. 

https://youtu.be/tXxnl4_HN7Q

Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt aber bei aller modernen Architektur und Technologie der menschliche. Und solange nicht jedes Gebäude einsturzsicher ist, bleibt nur zu hoffen, dass Japan seine Bevölkerung und Notfallteams weiterhin gut auf den Ernstfall vorbereitet. 

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