Reportage

In die Tiefe pilgern

In Mauthausen starten Tiefbauexperten mit einem österreichischen Dammgroßprojekt. Bis 2015 soll das gesamte Machland sicher vor Wasserkatastrophen sein. Nur Hochwasser kann den Bau etwas verzögern.

Nach kräftigen Regetagen schwillt Ende Juni die Donau an. Am Dienstag, den 23. Juni 2009 steigt der Pegel in Mauthausen dramatisch. Die Menschen haben mit einem Schlag die Bilder der Katastrophe vom August 2002 vor Augen. Der Hauptplatz war mit Booten befahrbar. Die Einsatzkräfte waren Tag und Nacht im Einsatz. Es dauerte lange, bis alle Schäden repariert worden sind. Ein überschwemmter Hauptplatz drohte auch heuer wieder. Am 24. Juni um 17.00 Uhr ist der Höchststand erreicht: auf 5,9 Meter stieg der Fluss. Die Bauarbeiten am Donauufer, die künftige Überschwemmungen verhindern sollen, stehen still. „Wir mussten die Arbeiten für zwei Tage einstellen, was eine Woche Arbeitsstopp für Aufräumarbeiten bedeutet“, sagt Michael Kern, Projektleiter von Bauer Spezialtiefbau.

Das laut zuständigen Politikern derzeit größte Hochwasserprojekt Österreichs kostet 144 Millionen Euro. Um diese stattliche Summe wird die Donau von Mauthausen bis in den Strudengau auf 36 Kilometer Länge einen neuen Hochwasserschutz erhalten. Betroffen sind sieben Gemeinden. In den Donau-Gemeinden Mauthausen, Grein und Sankt Nikola heißt das hauptsächlich: Abdichten in der Tiefe und Mauern draufsetzen. In den Gemeinden Naarn, Mitterkirchen, Baugartenberg und Saxen müssen dagegen Dämme errichtet werden. Eine neun Kilometer lange Abflussmulde entlang der Donau wird künftig Wasser aufnehmen. Die heimtückische Gefahr droht von den kleinen Nebenflüssen. Im August 2002 mussten die Dämme der Aist geöffnet werden. So kam zum Donauwasser das vom Hinterland dazu. In Zukunft werden Dämme und Pumpstationen diese Gefahr abfangen.

Erdiger Start

Die ersten, die auf solchen Baustellen vor Ort sind, sind die Spezialtiefbauer. Nur auf gutem Fundament lässt sich gut bauen. Das linke Donauufer muss bis in eine Tiefe von sechs Metern dicht werden, bevor die später sichtbaren Mauern draufkommen. „Die Erdarbeiten sind das Wichtigste“, sagt Bauleiterin Elpida Kalogeropoulos von der STRABAG. Als Subunternehmer hat sich der Baukonzern die Experten von Bauer Spezialtiefbau mit ins Boot geholt. Adolf Adelmann, Polier des Spezialtiefbauers ist mit Team und Geräten beim Baulos 5 in Mauthausen vor Ort, um auf zwei Kilometern Länge eine Tieffundierung für die Wand vorzubereiten. Fünf Mann und vier Großmaschinen genügen für die Arbeit. Zwei Bauplätze mit sechs Containern und zwei Zementsilos gehören noch dazu. „Noch vor Ende Juni werden wir fertig sein“, ist Adelmann sicher.

Der Bauzeitplan ist eng. „Mehr als zehn Jahre dauerte die Planung, jetzt geht es an die zügige Umsetzung“, sagt Machlanddamm-Geschäftsführer Gerhard Mysliwietz. Er ist vom Bauherren vor einem Jahr engagiert worden, um die Umsetzung bis 2015 einzuhalten. Der Abschnitt Mauthausen soll bis 2010 fertig sein. Geplant wurde das Projekt seit 1991. Das Hochwasser im Jahr 2002 war ein deutlicher Warn- und damit Startschuss. Man plante noch einmal um, man wusste jetzt, dass die Gefahr von hinten kommt. Ende November 2008 war Spatenstich.

Großzügige Baustelleneinrichtung

Im Jänner dieses Jahres richtete Bauer Spezialtiefbau seine Baustelle ein. Die zwei Containerplätze hinter dem Schloss Pragstein und am Parkplatz des öffentlichen Bads stellte die Gemeinde „unkompliziert und rasch“ zur Verfügung, freut sich Bauer-Bauleiter Michael Kern. Beim Badparkplatz sind zwei Zementsilos und die Maschinencontainer untergebracht. Das Polierbüro, der Mannschaftsraum und Werkzeug lagern beim Schloss. „Da die Baustelleneinrichtungen so nahe an der Donau sind, können wir sehr effektiv und mit kurzen Wegen arbeiten.“ Die Aufgabe von Bauer Spezialtiefbau ist, das Donauufer in der Tiefe wasserdicht zu machen. Bis in acht Meter Tiefe wird der Boden mit dem MIP-Verfahren verdichtet. MIP ist das Mixed in Place Verfahren, ein Spezialverfahren, mit dem der Boden an Ort und Stelle verfestigt wird. Dazu braucht es ein Großgerät, das Bauer Spezialtiefbau selbst herstellt: den RG 16 T. RG steht für Rammgerät und ist in Mauthausen 75 Tonnen schwer. Holger Morell, Fahrer des Monsters, sagt, die Maschine ist zuverlässig und unempfindlich.

Vom Niveau der Raupen und des Führerstands ragt 20 Meter der Arm in die Höhe. An ihm hängt das Bohrwerkzeug, oberschenkeldicke Hydraulikschläuche führen hinauf. Am Bohrwerkzeug drehen sich drei Schnecken. Die drei Stahl-Schnecken kann Morell einzeln in der Drehrichtung steuern und gemeinsam abbohren und ziehen. Die Dreiheit bohrt sich bis zu acht Meter in die Tiefe, lockert das Erdreich auf. Im langsamen Gang drehen sich die Schnecken mit 27 Umdrehungen in der Minute, im schnellen Gang 35 Mal. In die entstehenden Luftporen wird an der mittleren Schnecke die Suspension in die Tiefe gepumpt und weiter gerührt. 

Zwei vor, zwei zurück, eins vor

Im Pilgerschritt arbeitet sich Morell mit dem Rammgerät vorwärts. Pilgerschritt wohl genannt, weil es langsam und gründlich vorwärts geht. Neun Schneckenlöcher sind ein Schritt. Morell bohrt zuerst die ersten drei, dann die letzten drei, dann die mittleren. Damit ist der erste Gang erledigt - jedoch für die Tiefbauexperten noch lange nicht genug. Die Lamellen, wie die Dreierbohrung genannt wird, werden noch überlappt. An den beiden Schnittstellen zum mittleren Drittel wird nochmals mit drei Schnecken drübergebohrt. Für das Vorankommen von drei Bohreinheiten werden fünf gemacht und so weiter. „Für das Großgerät musste im Vorfeld der Boden zum Teil verdichtet werden“, sagt Michael Kern.

Das Pilgern ist in Mauthausen schwieriger als vermutet. Der Boden ist nicht einheitlich beschaffen am Uferrand, sondern „anspruchsvoll“, wie Kern es vorsichtig formuliert. In der Tiefe wechseln Donauplatten mit Anschüttungen und Schluff, also Weiches mit Hartem. Auch wenn Mauthausen für seinen Granit bekannt ist und die Voruntersuchungen solches nicht vermuten ließen, treffen die Bauer-Leute auf Hindernisse. „Sind große Brocken in der Tiefe, müssen wir stoppen“, Kern. Das MIP-Verfahren ist nämlich nicht geeignet bei Fels, großen Steinen und Blöcken. Stößt man darauf, werden die Experten der Firma Hasenöhrl aus dem sechs Kilometer entfernten Sankt Pantaleon angefordert, die das Hindernis beseitigen. Erst dann geht das Abbohren weiter.

Wartung angesagt

Die RG 16 stoppt nicht nur bei Hindernissen. Nach 500 Betriebsstunden muss sie gewartet werden. „Beim Service wird das Motoröl getauscht, Motorfilter und Dieselfilter erneuert; Das dauert drei Stunden“, erklärt Fahrer Morell. Nach weiteren 500 Betriebsstunden ist ein großes Service angesagt. Dabei werden alle Filter getauscht, alle Öle erneuert. Allein 600 Liter Hydrauliköl benötigt das Gerät für den Betrieb. In Mauthausen fährt es mit Bioöl.

Das Großrammgerät allein könnte die Arbeit nicht leisten. Als „Zulieferer“ ist ein 3-Tonnen-Minibagger dabei - und die Ramme ZR 13. Sie wird für die Montage der I-Träger verwendet, die jetzt einen Meter aus dem Boden ragen. Die 1500 I-Träger rammt das kleine Gerät in die Tiefe. Darauf werden die Sockel und Steher für die mobilen Wände der STRABAG gesetzt. Diese Partie arbeitet hinter dem Bauer-Spezialtiefbau-Trupp nach.

Welches Zementgemisch in die Tiefe gepumpt wird, wird vor Ort entschieden. Morell kann die Mischanlage von seiner Fahrerkabine aus steuern. Im Container am Badparkplatz steht die notwendige elektronische Anlage in einem eigenen Container. Sie holt sich von den zwei Silos Zement. Den Start am Arbeitsbeginn macht Mischmeister Gerhard Neubauer mit Knopfdruck. Er stellt die Daten ein. Alles andere macht Morell von seiner Führerkabine aus. Neubauer zieht jedoch Proben, die er in kupferne Dosen abfüllt. „Wir senden täglich zur Qualitätskontrolle vier Proben ins Labor und parallel dazu in unsere eigene Prüfstelle“, sagt der Mischmeister.

Lange Geschichte

Das Bauer-Team ist ein Expertenteam. Polier Adolf Adelmann und Fahrer Holger Morell sind seit mehr als 20 Jahren im Unternehmen. Die Firma hat eine Erfolgsgeschichte über Jahrhunderte hinter sich. 1790 kaufte Sebastian Bauer eine Kupferschmiede. Das war der Beginn im deutschen Schrobenhausen. Ab 1928 änderte sich alles: Bauer erhielt den Auftrag, die Wasserversorgung für die Stadt zu errichten. Ab diesem Schlüsselprojekt ging es in die Tiefe - und Bauer spezialisierte sich.

In Österreich wurde die erste Außenstelle eröffnet. Heute ist die Bauer-Gruppe auf allen fünf Kontinenten vertreten. Seit den späten 60er-Jahren konstruiert und fertigt Bauer die dazugehörigen Maschinen. Das Unternehmen ist seit 2006 an der deutschen Börse gelistet. Mehr als 8.000 Mitarbeiter machten im Jahr 2008 mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Die Zentrale befindet sich heute noch in Schrobenhausen. Trotz Größe behält Bauer junior die Familienstruktur bei und bindet Mitarbeiter langfristig ans Unternehmen.

Wetterfest im Stundentakt

Das Hochwasser vom Juni ist das erste, das das Bauer-Team auf dieser Baustelle trifft. Die Großgeräte mussten ins Trockene gebracht werden - hinter die Bundesstraße. Sonst arbeitet das Team fast bei jedem Wetter. „Außer bei extremem Regen oder Gewittern muss kein Gerät still stehen“, erklärt Polier Adelmann. Das Bauer-Team arbeitet seit Jänner fast kontinuierlich durch. Das Projekt kommt mit normalen Arbeitszeiten aus. Adelmann und sein Team starten Montag um 6.30 Uhr und schließen Freitag um 17.00 Uhr die Container ab. Dann fahren alle übers Wochenende zu ihren Familien nach Deutschland oder Österreich.

Die Großbaumaschinen beeindrucken die Mauthausener. „Oft bleiben Leute stehen und schauen. Manchmal kommen Großväter mit ihren Enkelkindern und sehen bei der Arbeit zu“, freut sich Projektleiter Kern. Die Akzeptanz für den Lärm ist nach dem bisher letzten Katastrophenhochwasser außergewöhnlich hoch. Keine Beschwerde trudelte bisher ein. Zusätzlich richtete die Errichtungsgesellschaft Machlanddamm mit Sitz in Perg eine Informationsmöglichkeit ein. „Jede Anfrage ist uns willkommen“, kommunizieren die Errichter auf Plakaten und in der Bezirkszeitung. Bürgermeister Thomas Punkenhofer wirbt mit dem Slogan „So dämmen wir die Sorgen ein“ für ein positives Gefühl in der Bevölkerung.

Rundum Verkehr

Trotz großzügiger Baustelleneinrichtungen sind die Arbeitsverhältnisse beengt. Auf der einen Seite fließt die Donau, auf der anderen rollt der tägliche Verkehr über die Straße. Knapp am Bauplatz führt die Bundesstraße 3 vorbei. Sie ist die zweitwichtigste Verbindung von Wien nach Linz. Damit das Arbeiten möglich ist, wurde die Fahrbahnbreite auf 6,5 Meter verengt. Mit einer 50-km/h-Beschränkung ist das Fahren in beiden Richtungen möglich. Der Verkehr fließt reichlich. „Oft ist es schwierig, von der Baustelle zur Mischanlage zu kommen“, sagt Kern. Der junge Bauleiter ist seit zwei Jahren bei Bauer Spezialtiefbau. Zwei- bis dreimal pro Woche fährt er von Wien hierher auf die Baustelle. Eine ähnliche in der Wachau betreut er ebenfalls.

Die Donau ist eine Multiverkehrsader. Dem Strom entlang führt nicht nur die Bundesstraße. Der Treppelweg ist von Passau bis Bratislava der Highway Nummer eins für Radler. Wer jemals sonntags hier gemütlich ausfahren wollte, weiß, das Ausweichen beansprucht volle Konzentration. Sportler, Familien, Kinder in schlingernden Linien sind unterwegs. Hier ist der Treppelweg Teil der Baustelle. Es wird umgegraben, Material wird angeschüttet. Die Radler weichen auf den Gehsteig aus. In Mauthausen führt eine Fähre nach Bedarf Radler vom rechten zum linken Donauufer. Am anderen Ufer liegt der Ennshafen, an dem die Enns in die Donau fließt.

Als sei der Verkehr nicht genug, kommt noch eine Kleinigkeit dazu: Zentral in Mauthausen liegt eine Schiffsanlagestelle. Der Steg und der Weg dorthin sind freizuhalten. Das war die Vorgabe. „Der Betrieb der Schiffsanlegestelle war leicht aufrecht zu erhalten“, sagt Projektleiter Kern. Hier kommt täglich ein Schiff. Das Arbeiten mit dem 75-Tonner wurde zeitlich auf den Fahrplan abgestimmt.

Drauf die Wand

Was das Großrammgerät macht, ist der erste Teil der Hochwassersicherung für Mauthausen. Es ist der Kern für die Dichtwand, die später auch die statische Funktion übernimmt. Alle eineinhalb Meter rammen die Bauer-Experten die stählernen I-Träger fünf Meter in die Tiefe. Die Wand ist letztendlich 40 Zentimeter dick und trägt den Oberteil. Was später von der Bundesstraße aus wie eine Lärmschutzwand aussehen wird, ist eine Hochwasserschutzwand. Jedoch nur bei Hochwasser: Um das malerische Zentrum von Mauthausen nicht hinter der Wand zu verstecken sind mobile Wandteile im Einsatz.

Im Normalfall stehen nur die Steher entlang der Donau Spalier. Droht ein Hochwasser, werden die Wandelemente aus dem Lager geholt und aufgebaut. Im Juli verlässt das Tiefbauteam von Bauer den Bauplatz in Mauthausen. Danach sind die anderen Firmen gefragt. Läuft alles nach Plan und tritt die Donau nicht allzu oft aus den Ufern, ist die 4.800-Seelen-Marktgemeinde ab Sommer 2010 für ein hundertjähriges Hochwasser gerüstet. (PK)

Kasten Machlanddamm

36,4 km Schutzbauwerke
32,95 km gegen hundertjähriges Hochwasser
3,45 km gegen 30jähriges Hochwasser
29,18 km Erddämme
7,22 km Hochwasserschutzmauern
8,7 km Mulde
78 Pumpwerke
14 Gerinnedurchlässe
3 Brücken

Beteiligte Unternehmen: Baulos 5 Mauthausen

Kosten: 15 Millionen Euro
Finanzierung: 50 % Republik 30 % Oberösterreich 20 % Mauthausen
Baubeginn: Jänner 2009
Bauende: April 2010
Bauende Tiefbau: Juni 2009
Bauherr: Machlanddamm GmbH, Perg
Generalunternehmer: STRABAG AG, Linz
Planung und Aufsicht: Geoconsult ZT, Wien
Tiefbau: Bauer Spezialtiefbau, Wien
Erdarbeiten: Hasenöhrl, St. Pantaleon


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