SOLID 10/2020

"Im internationalen Vergleich keine Sorgen"

Der neue Wienerberger-Österreich-Geschäftsführer Johann Marchner im Gespräch über seinen Post-Corona-Optimismus und bahnbrechende Pilotprojekte in der Produktion für Österreich.

Von
Wienerberger Österreich Johann Marchner Ziegel

SOLID: Was hat die Corona-Situation bei Ihnen angerichtet oder auch bewirkt? Welche Konsequenzen gab und gibt es für Produktion, Reisen und Vertrieb?

Johann Marchner: Das Erstaunliche für mich war, dass wir die Tragweite der Entwicklung in China lange nicht mitbekommen haben.

Als wir dann Mitte März hier in Österreich den Lockdown gehabt haben, sind wir alle brutal aufgewacht. Ich glaube, wir haben gut und schnell reagiert, indem wir gesagt haben: wir fahren auf Sicht. Wir haben daher relativ schnell auch im Fahrwasser der Bauindustrie und des Baugewerbes mit der Kurzarbeit begonnen, könnten aber während dieser Zeit die Baustellen wie gewohnt beliefern. Ohne dass es verordnet gewesen wäre, kam es zum Stopp diverser Bauvorhaben – aber da haben sich dann Gott sei Dank die Sozialpartner relativ schnell gefunden und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen beschlossen, so dass wir da quasi mit einem blauen Auge davongekommen sind.

Dieses Interview stammt aus dem Massivbau-Schwerpunkt in SOLID 10/2020 - HIER geht's zum ePaper!

Wie stellt man sich konkret das blaue Auge vor?

Marchner: Die Werke waren trotzdem etwa vier Wochen im Stillstand. Wir hätten zwar auch einfach weiterfahren können mit dem Risiko, dass wir gezwungen abstellen müssen, weil alle Lager voll sind. Wir haben uns aber für den Weg des schnellen Herunterfahrens entschieden, um dann beim Hochfahren wieder mehr Flexibilität zu haben. Das hat sich als goldrichtig herausgestellt und wir konnten die Baustellen die ganze Zeit über trotzdem voll beliefern.

Ich bin eigentlich sehr stolz auf die Organisation. Wir haben auch sehr aktiv mit unseren Mitarbeitern kommuniziert und alle haben mitgezogen.

Was waren ihre persönlichen Learnings?

Marchner: Arbeiten über Videokonferenz war früher ja auch schon so, vor allem international. Aber diese Kasernierung im Home Office war schon eine Zeit eine Challenge. Der Einfluss aufs Miteinander war schon groß – wir sind ja Menschen und ohne soziale Kontakte geht das auf Dauer einfach nicht.

Wie haben Sie die Zeit der Baustellenstopps empfunden?

Marchner: Für mich war eigentlich die große Frage, wie man das rechtlich gestalten will. Es gab ja aufrechte Verträge mit Leister und Leistungsempfänger – und für eine Baustelleinstellung gab es eigentlich keine rechtliche Grundlage. Da musste und muss man sich schnell einigen, um nicht danach nur mehr im Streit zu liegen. Das haben die Sozialpartner meiner Einschätzung nach gut gemacht, zumindest habe ich bisher von keinen großen Streitigkeiten gehört.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Materialbedarfs auf den Baustellen für die nächsten Monate?

Marchner: Ehrlicherweise wird die Unsicherheit größer, je weiter das Jahr fortschreitet. Das Bild ist bis heute sehr heterogen und man weiß nicht, wie es wirklich weitergeht. Von Baufirma zu Baufirma, von Region zu Region gibt es massive Unterschiede. Für mich ist aber seit Jahren entscheidend, ob ich nachhaltig eine natürliche Nachfrage sehe – und die sehe ich nach wie vor. Österreich hat viel Substanz und ist ein begehrtes Land, um hier zu leben und hier zu arbeiten. Der Zuzug ist nach wie vor gesund aus meiner Sicht und damit wird es nach wie vor den Bedarf an Wohnraum geben.

Gerade in Zeiten wie diesen suchen Menschen immer mehr nach Stabilität – und die findet man in Österreich. Und als Deutscher muss ich sagen: Österreich hat sich international auch als Industriestandort und als Exporteur wirklich einen Top-Ruf erarbeitet und wir haben viele Champions und auch Hidden Champions hier. Im internationalen Vergleich müssen wir uns um Österreich sicher keine Sorgen machen und das wird auch den Bau befeuern.

Österreich ist also entgegen einem Diktum des ehemaligen Wirtschaftskammerpräsidenten Leitl vor ein paar Jahren nicht abgesandelt?

Marchner: Das könnte ich nicht nachvollziehen. Wo er Recht hatte ist natürlich, dass man das Thema Kosten auch immer in Betracht ziehen muss. In einem Sozialstaat muss man noch mehr in Effizienz und Innovation denken als dort, wo man Billiglohn vorfindet. Aber Österreich zeigt seit vielen Jahren, dass das geht und dass das bei guter Wertschöpfung geht.

Auch Wienerberger investiert ja massiv in Österreich und tut das vor allem in Zukunftstechnologien. In Uttendorf in Oberösterreich beispielsweise investieren wir in eine neue Fertigungstechnologie. Das macht mich stolz, dass wir das Vertrauen von Seiten der AG dafür bekommen, dass wir so etwas in Österreich machen.

Worum handelt es sich bei dieser neuen Technologie?

Marchner: Es geht darum, den Baustoff Ziegel angesichts der Klimathematik auch weiterhin positiv besetzt zu halten. Das Thema sind die Emissionen und vor allem das Kohlendioxid. Im Werk Uttendorf starten wir als weltweit erstes Land einen Pilotversuch, um mit diesem den Footprint drastisch zu verringern. Das zeigt auch, wie wichtig der Standort Österreich für Wienerberger ist. Dieser Pilot soll dann weltweit ausgerollt werden. Das Ziel muss Zero Emission sein.

Können Sie noch etwas Genaueres zur Technologie sagen?

Marchner: Beim Thema Nachhaltigkeit gibt es zwei Komponenten. Die eine ist Rohstoff, die andere Prozess. In diesem Fall geht es um die Reduktion im Prozess. Aber auch im Rohstoff gibt es schon Ideen. Und dann spielt natürlich die Nähe zum Markt eine Rolle.

Wie ist der Zeitplan?

Marchner: Die Investition ist im Grunde durch.

Über wie viel Geld sprechen wir da?

Marchner: Es geht dabei fast in den zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Es ist natürlich auch jetzt gerade ein sehr wichtiger Moment, diesen Piloten zum Laufen zu bringen. Wir müssen zeigen, dass wir nachhaltig sind und das auch wirklich ernst meinen, weil es für die Kunden und die Gesellschaft generell wichtig ist. Viele wollen den Vollwärmeschutz einfach nicht mehr.

Der zweite große Flügel des Massivbaus, die Betonbranche, legt sehr großen Fokus auf das Thema Bauteilaktivierung. Was ist die Antwort des Ziegels außer so extrem massiv zu bauen wie Dietmar Eberle im berühmten Bürogebäude 2226 mit den dicken Wänden und ohne Haustechnik?

Marchner: Ich komme ja eigentlich aus der Zement- und Betonbranche und war auch lange in der Haustechnik. Bauteilaktivierung kennen wir in der Haustechnik schon lange. Ich glaube, dass es intelligent ist, nachhaltig zu planen, bevor ich nicht nachhaltig baue und dann mit viel Aufwand versuche, das Gebäude klimatechnisch zu beherrschen.

Smart Tech versus High Tech?

Marchner: Genau. Eines muss man ganz klar sagen: man sollte nicht mehr Haustechnik brauchen als nötig. Wenn ich große Glasflächen baue und dann entsprechende Temperaturen habe, brauche ich natürlich massive Haustechnik. Das Eberle-Projekt ist ein sehr gutes Beispiel zur Besinnung auf klassische Bauphysik. Mit Leichtbauweise schafft man das nicht.

Wie dick ist der Ziegel, den man vernünftigerweise braucht? Bei Eberle waren es ja 76 Zentimeter, das ist schon sehr sehr dick und wenig baualltagstauglich.

Marchner: Das ist natürlich extrem. Wenn ich monolithisch mit 50er-Ziegel und außen und innen verputzt baue, habe ich eine gute Basis. Ganz ohne Haustechnik komme ich da aber natürlich ehrlicherweise nicht aus. Ich selber würde mit dem mit Mineralwolle verfüllten Wi-Ziegel bauen, vielleicht einen 38er, damit gewinnt man gegenüber dem 50er ein kleines Zimmer an Fläche. Und Wohngesundheit ist auch ein wichtiges Argument für den Ziegel.

Ein großes Zukunftsthema in der Bauwirtschaft ist die Vorfertigung. Wie adressieren Sie das?

Marchner: Wir verfolgen dazu mehrere Ansätze. Zum einen ist das der Roboter auf der Baustelle, dazu gibt es einige Piloten. Und zum anderen ist es die Produktion von Ziegelfertigteilen. Das ist heute technisch möglich. Das Thema dabei ist ehrlicherweise nicht so sehr die Fertigung, sondern die Lagerhaltung und die Anzahl der zu beliefernden Baustellen. Damit sind wir dann beim großen Thema Logistik.

Wie weit ist der Ziegelroboter?

Marchner: Wienerberger hat sich ja vor zwei Jahren an der Firma Fast Brick Robotics beteiligt und der Ziegelroboter namens Hadrian X hat vor einigen Wochen unter großem Publikumsinteresse sein erstes Haus in Australien gebaut. Er hat dafür nur einen Tag gebraucht und es hat alles gut geklappt.

Wann wird Hadrian in Europa antreten?

Marchner: Das ist noch nicht entschieden. Wir arbeiten aber intensiv daran.

Wo stehen Sie bei den Fertigteilen?

Marchner: Wir haben mit der niederösterreichischen Firma Walzer einen Kunden, der Ziegelfertigteile produziert. Für mich persönlich ist wichtig, dass wir uns all diese Themen genau und ergebnisoffen anschauen. Mein Gefühl ist, dass es ein Nebeneinander der verschiedenen Zugänge geben wird. Es wird das klassische Mauerwerk geben – auch aufgrund der Platzverhältnisse -, es wird den Roboter geben und es wird Fertigteile geben.

Das sehen wir bei anderen Werkstoffen ja genau so – etwa vom Transportbeton bis zum Fertigteil. Es wird sich für alles ein Platz auftun, aber es wird auch weiter das klassische Handwerk geben.