Christian Kühn ist Professor an der TU Wien, Studiendekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung und Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich und des Baukulturbeirats im Bundeskanzleramt.

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Heumarkt: ein drittklassiges Projekt

Christian Kühn nennt drei Gründe, die gegen die Realisierung des umstrittenen Heumarkt-Projekts in seiner jetzigen Form sprechen.

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Es gibt drei wichtige Aspekte, die gegen das Projekt am Heumarkt sprechen. Der Erste ist das nur oberflächlich transparente Verfahren. Als kooperatives Verfahren hat es nicht den Zweck erfüllt, herauszufinden, was auf diesem – für die Stadt und deren Entwicklung – doch sehr wichtigen Grundstück möglich wäre. Das Verfahren musste den vorgegebenen, nicht verhandelbaren, fixen Interessen des Investors genügen.

Man hätte 2013 nach dem kooperativen Verfahren erkennen müssen, dass eine Redimensionierung notwendig ist. Stattdessen hat die politische Ebene, nach offensichtlicher vorheriger Absprache, das Projekt aus dem kooperativen Verfahren, das vom Haus- und Hofarchitekten des Investors gemacht wurde, zu einem Leitprojekt transformiert, auf dessen Basis dann der Wettbewerb durchgeführt wurde. Das ist kein transparentes Verfahren!

Der zweite Aspekt ist das Weltkulturerbe. Es war von Anfang an klar, dass die UNESCO dem nie zustimmen kann. Das hat sie auch über ihre ICOMOS-Vertreter deklariert. ICOMOS ist kein privater Verein von interessierten Fachleuten, wie es Dietmar Steiner immer sagt, sondern die Gründungsinstitution der „Charta von Venedig“, der wichtigsten Denkmalpflegedeklaration. Diese Institutionen werden von der Stadt Wien einfach ignoriert und düpiert, obwohl sie sich immer klar geäußert haben.

Die Unesco sagt, man hat jetzt 50 Jahre mit dem Hochhaus (Hotel Intercontinental) gelebt, wenn man jetzt etwas Neues macht darf es besser werden, aber nicht schlechter. Und schlechter wird es sicher, wenn es über dieses Maß (42 Meter) hinausgeht und wichtige Silhouetten, Sichtachsen und Veduten, aus denen sich die Stadt auch zusammensetzt, zerstört.

Der dritte und letzte Punkt ist für mich die stadträumliche und architektonische Qualität des Projektes per se. Es ist ein drittklassiges Projekt an einem erstklassigen Standort. Es nicht einzusehen, dass sich die Stadt Wien damit zufrieden gibt. Es ist durch die Überarbeitung in der „Nachdenkpause“ noch schlechter und absurder geworden. Die Höhe wurde zwar reduziert, das Volumen ist aber deutlich gewachsen – ein ähnliches Schema wie damals bei „Wien Mitte“.

Es bleibt die Skurrilität, dass ich auf dem Grundstück „Tabula rasa“ mache, jede Möglichkeit hätte etwas Neues zu errichten und zu konzipieren, jedoch das Schema der 60er Jahre in verschlechterter Form fortsetze. Die 60er Jahre waren von einem Verständnis geprägt, in dem die Straße eine Stadtautobahn war und der Straßenraum ein Verkehrsträger.

Wir haben inzwischen gelernt, welche Qualität Städte mit lebendigen Straßen haben, mit gestalteten Außenräumen – eine gemischte, nicht funktionalistische Stadt. Dieses Hotel ist ein Monument der funktionalistischen Stadt, wenn ich es wegreiße, kann ich mich davon verabschieden und eine zeitgemäße Lösung bauen.

Bei Wettbewerbsbeginn hätte doch jedem Architekten, der nur irgendetwas von Hotels versteht, klar sein müssen, dass das Intercontinental mit seinen Raumhöhen in den Zimmern von ca. 2,40 Meter nie in einen zeitgemäßen Zustand gebracht zu bringen sei.

Sind da von Anfang an die Unterlagen der Ausschreibung falsch oder unkorrekt gesetzt worden?

Die Akteure waren sehr schlecht beraten. Bis auf zwei Teilnehmer sind ja alle davon ausgegangen, dass man das Hotel wegreißen muss: eine klare Botschaft. Der Grund, dass es dann anders gekommen ist, war eindeutig die Gier. Solche Geschosshöhen bekommt man heute nicht mehr bewilligt. Man wollte den Bestand erhalten und mehr Zimmer ins Volumen hineinpressen. Diese kurzfristige Gier hat sich dann bei der Überprüfung auf der Ebene der Realität als nicht machbar herausgestellt.

Man hätte vor dem Wettbewerb klare Höhenvorgaben machen müssen und sich für einen Abriss des Hotels entscheiden (das haben auch genügend Fachleute geraten). Es ist also sehr unprofessionell und schlecht gearbeitet worden und an einem schlechten Resultat hat man dann über den Sommer noch weiter gewurstelt, bis es ganz schlecht und wahrscheinlich unwirtschaftlich geworden ist.

Mittlerweile sagen sogar die Befürworter des Projektes, dass es im besten Fall zweitklassig oder drittklassig ist. Das ist jedem, der Augen im Kopf hat klar. Eine massive versalzene Suppe wird durch das Hinzuziehen weitere Köche und durch Weiterkochen auch nicht besser.