Russland, Vater Hans Peter und die Frage nach dem Vorstandsvorsitz

Von
Strabag SOLID 02/2020 Österreich Interview Klemens Haselsteiner

Sie sind 2011 im Konzern eingestiegen und waren da in Russland, wo die Geschäfte der Strabag so schwierig wurden, dass wir bei SOLID 2014 nach dem Wechsel des Vorstandsvorsitzes von Ihrem Vater Hans-Peter Haselsteiner zu Thomas Birtel - zugegeben etwas zugespitzt - getitelt haben: Leben nach der Russlandblase (SOLID 06/2014, Anm.). Was haben Sie aus Russland mitgenommen, was haben Sie danach in Deutschland dazu gelernt und was bringen Sie daran hierher mit?

Haselsteiner: Das eine, wofür ich sehr dankbar bin, das aber nur sehr bedingt mit Russland zu tun hat, ist, dass ich dort ein großes Schlüsselfertigprojekt gemeinsam mit einem technischen Kollegen als Projektleiter abgewickelt habe. Das war eine operative Baustelle, die ich vom Anfang bis zum Ende begleitet habe und ich hoffe, diese Erfahrung werde ich so schnell nicht vergessen. Es ist enorm wichtig, dass man weiß, unter welchem Umständen wir teilweise unsere Bauwerke errichten. Das konkrete Projekt war ein Projekt für einen deutschen Kunden mit hohen Qualitätsanforderungen in Uljanowsk, einer Stadt ca. 950 km östlich von Moskau an der Wolga und außerdem Geburtsstadt von Lenin. Die Baubedingungen im Winter in Russland sind nicht die Besten…

… haben Sie sich das ausgesucht oder hat Ihr Vater gesagt: den stellen wir jetzt einmal richtig auf die Probe?

Haselsteiner: So etwas hat mein Vater nie gesagt! Die Möglichkeit hat sich ergeben und ich habe die Herausforderung angenommen und das war schon sehr interessant. Das hat zwei Jahre gedauert.

Und es dürfte ganz gut gegangen sein, höre ich - …

Haselsteiner: … der Kunde war zufrieden und ein bisschen Geld haben wir auch noch verdient, viel zu wenig natürlich! (lacht)

Das war das eine. Und wofür ich die Russen bewundere und sage: diesen Geist sollte man sich bewahren oder ihn erarbeiten, wenn man ihn nicht hat, ist, dass sie sich de facto durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Wenn man böse sein will, kann man jetzt sagen, dass sie nicht so stramm durchorganisiert sind wie unsere deutschen Freunde. Das mag auch so sein, aber das Improvisationstalent, die Freude daran und die Fähigkeit, aus der schlechtesten Situation noch das Beste machen zu wollen, finde ich sehr faszinierend. Das ist ein Charakterzug, der niemandem schaden würde.

Dennoch hat der Konzern sein Russland-Engagement sehr zurück genommen, ja nehmen müssen.

Haselsteiner: Wir sind ja noch dort und ich würde gern wieder mehr Geschäft in Russland machen. Russland ist ja meine einzige operative Aufgabe. Es ist noch immer sehr schwierig und von viel Abwarten der internationalen Investoren gekennzeichnet, aber es hat sich etwas gebessert.

Wie passt BIM mit Russland zusammen, wenn Sie von der Stärke in der Improvisation gesprochen haben – was ja mit dem planungsgetriebenen BIM nach Konflikt klingt?

Haselsteiner: Wir haben eines unserer stärksten BIM-Teams in Moskau. Erstens sind die Russen, wie sie immer wieder beweisen, hervorragende Techniker. Die BIM-Truppe in Russland ist sehr, sehr weit und das Improvisieren ist ja nicht von vornherein das Ziel. Und es ist vielleicht auch ein Vorteil, dass es in Russland gerade nicht so viel eigene Arbeit gibt und man daher andere Teile und Regionen im Konzern unterstützen kann.

Der russische Bauherr ist ja außerdem auch nicht anders als der österreichische. Er möchte ein stabiles Projekt, das in der Zeit, im Budget und in guter Qualität hergestellt wird.

Umgekehrt wird vielleicht ein Schuh draus, wenn man weiß, dass man in Österreich und Deutschland aufgrund der zahlreichen exzellenten Handwerksbetriebe vielleicht noch sagen kann: ich mach das auch ohne BIM. Aber der Mehrwert von BIM in Ländern, in denen ich nicht auf so einen starken Mittelstand zurückgreifen kann wie hier, ist sicher noch größer.

Wollten Sie eigentlich immer Karriere in der Strabag machen?

Haselsteiner: Das ist schwierig zu sagen. Fix ist: das Baugeschäft hat mich schon immer fasziniert. Dass ich dann einmal in der Firma meines Vaters anfange und nicht zur Konkurrenz gehe, ist wahrscheinlich naheliegend.

So ein Name ist ja Vorteil und Bürde gleichzeitig. Wie erleben Sie das? Jetzt heißt es ja, dass sie als Vorstandsvorsitzender fix vorgesehen sind und nur 2012 noch zu jung waren, als Ihr Vater sein Ausscheiden aus der Funktion mit 2014 avisiert hat.

Haselsteiner: Reißerische Aufhänger gehören in Ihr Geschäft! Aber ich kann Ihnen so viel sagen, dass es 2012 keine ernsthaften Überlegungen gab, dass ich auch nur irgendwo in die Nähe des Vorstands komme.

Was sagt Ihr Vater als Hauptaktionär zu den aktuellen Entwicklungen und zu Ihrem Vorstandseinstieg?

Haselsteiner: Wir sehen uns regelmäßig und der Rat meines Vaters mit all seiner Erfahrung und seinem Wissensschatz ist mir durchaus wichtig. Da wäre man dumm, wenn man das ignoriert. Aber andererseits hat mein Vater immer gesagt, dass ich meine Sachen selber machen muss – und das rechne ich ihm hoch an. Er steht zur Verfügung, wenn ich ihn benötige, aber er drängt sich nicht auf. Und ich möchte vielleicht auch manche Sachen etwas anders machen, das ist mir schon wichtig.

Zum Beispiel welche?

Haselsteiner: Schauen wir einmal.

Wollen Sie Vorstandsvorsitzender der Strabag werden?

Haselsteiner: Die Frage muss sein! (lacht) Ich kann es mir durchaus vorstellen, aber mit Stand heute mache ich mir darüber wirklich relativ wenig Gedanken. Was ich hier jetzt zu tun habe, halte ich für extrem entscheidend dafür, wie die Strabag in fünf bis zehn Jahren positioniert sein wird, und davor habe ich auch noch viel Respekt. – Noch etwas kommt dazu: Über einen Umweg bin ich ja auch Miteigentümer der Strabag – also selbst wenn sich die Frage einmal stellen sollte, möchte ich den Besten für den Job. Sollte ich das selber sein, werde ich mich nicht verweigern. Aber sollte es einen Besseren geben, werde ich hoffentlich die Größe und auch die Intelligenz haben zu sagen: dann soll der das machen!

Welches Unternehmen und welche Unternehmer beeindrucken Sie – jetzt unabhängig von der Baubranche?

Haselsteiner: Es gibt ja viele, die Erfolg haben. Aber weil es relativ in der Nähe meines Aufgabenbereichs ist: ein Elon Musk, der es schafft, in so vielen unterschiedlichen Themenbereichen unterwegs zu sein und dabei auch noch Erfolg zu haben, beeindruckt mich schon - selbst wenn es daran auch Aspekte gibt, die ich nicht verstehe.

Welche Aspekte sind das?

Haselsteiner: Dass Tesla bei aller Innovationsfreude mehr Wert sein soll als General Motors und Ford zusammen, kann ich zum Beispiel in der Größenordnung nicht nachvollziehen.

Kann ein Baukonzern da etwas lernen?

Haselsteiner: Mit Sicherheit – die Frage ist nur was? Wenn Sie wissen, was es ist, sagen Sie mir bitte Bescheid! Da können Sie viel Geld verdienen.

Und was meinen Sie dazu, wenn der VW-Chef etwas zugespitzt sagt: VW muss ein digitaler Dienstleister werden, der auch Autos baut?

Haselsteiner: Ich bilde mir ein, nicht ganz phantasielos zu sein, aber wenn alle versuchen wollen, diese digitalen Geschäftsmodelle nachzubauen – ich weiß es nicht! Am Ende des Tages muss trotzdem irgend jemand die Autos oder die Wohnungen produzieren.

Wie schaut die Baubranche in einer perfekten Welt der Zukunft aus?

Haselsteiner: Über die Frage nach der perfekten Welt streitet sich die Menschheit seit ihrem Bestehen. Aber die Bauindustrie wird darin auf jeden Fall eine sehr entscheidende Rolle spielen müssen. Wir werden immer wohnen, unter Dach arbeiten und von A nach B wollen. 30 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes stammen aus dem Betrieb von Gebäuden und das gleiche gilt für die Bauwirtschaft noch einmal. Der Fußabdruck von dem, was wir mit Bauen und dem Betrieb von Gebäuden tun, ist enorm – da gibt es einen großen Hebel, um zu einer Verbesserung beizutragen. Die Kunden müssen natürlich auch zuhören und mitspielen, ebenso die Politik. Aber wir können schon aus eigenem auch genug machen, ohne jemanden zu fragen – wenn wir es uns wirtschaftlich leisten können.