BIM ist aber mit Sicherheit nicht das einzige Thema, oder?

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Strabag SOLID 02/2020 Österreich Interview Klemens Haselsteiner

Haselsteiner: Beim Thema Innovation ist das Bild ähnlich, wenn auch anders gelagert. Wir sind ja ein Anbieter von Baudienstleistungen, ein klassisches Generalunternehmen. Wir produzieren nur teilweise selbst – überwiegend im Verkehrswegebau. Im Schlüsselfertigbereich setzen wir im Wesentlichen auf Nachunternehmen und haben die Aufgabe, die Baustelle zu organisieren und zu steuern, was genug Arbeit und Risiko mit sich bringt.

Aber wir haben im Bereich Innovation sehr viele tolle Forschungsprojekte, unter anderem zum Thema Nachhaltigkeit. Wir haben etwa einen Asphalt entwickelt, der Luft von Stickstoffdioxid reinigt. Da haben wir eine sehr erfolgreiche Pilotphase hinter uns gebracht und eine Teststrecke am Neckartor in Stuttgart gebaut, bei der eine Reduktion des Stickstoffdioxids um 7 Prozent gelungen ist.

Dann forschen wir etwa auch mit einer Universität an begrünten Fassadenelementen, die CO2 abbauen – und bei allen diesen Dingen möchte ich über die Forschungsstadien hinauskommen.

Strabag, Clean, Air © Thomas L. Fischer Photographie für Strabag AG

„Diese Produkte auch zu vertreiben war bis jetzt nicht unsere Aufgabe. Das wird sich ein bisschen ändern müssen. Es stellt sich aber natürlich auch die Frage, inwieweit wir selber Produktionskapazitäten dafür haben wollen. Wir sollten da auf Kooperationen setzen.“

Was ist das Problem dabei?

Haselsteiner: Das ist insofern schwierig, weil es ja Kunden benötigt, die das einbauen wollen und bestellen. Diese Produkte auch zu vertreiben war bis jetzt nicht unsere Aufgabe. Das wird sich ein bisschen ändern müssen. Ich finde es einfach schade, wenn wir solche tollen Produkte haben und sie nicht in den Markt bringen. Es stellt sich aber natürlich auch die Frage, inwieweit wir selber Produktionskapazitäten haben wollen, um solche Sachen dann am Ende auch zu produzieren. Wir sollten da meiner Meinung nach auf Kooperationen mit Partnern setzen, die etwa Fassadenpaneele bauen oder eben Adäquates je nach Forschungsprojekt.

Es geht aber auf jeden Fall darum, diese Themen mehr zu forcieren. Sie liegen mir ja auch persönlich am Herzen – schließlich habe ich drei Kinder und will auch dazu beitragen, dass wir einen schöneren Planeten hinterlassen. Aber ich mache das nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern ich bin überzeugt, dass das sehr stark kommen wird, vor allem in Europa.

Es geht ja wohl auch um die Generierung von Mehrwert und die Unterscheidungsmöglichkeit gegenüber den, wie man heute sagt: Marktbegleitern...

Haselsteiner: … ich habe gegen das Wort Konkurrenz nichts einzuwenden!

Um noch einmal auf BIM zurück zu kommen: da galt ja lange die Autoindustrie als Vorbild, vor allem was Produktivität und Standardisierung betraf. Jetzt geht es dieser im Moment gar nicht so gut – VW-Chef Herbert Diess hat etwa kürzlich von der Notwendigkeit eines kompletten Konzernumbaus gesprochen. An welcher anderen Industrie orientiert sich die Baubranche jetzt beim Thema BIM?

Haselsteiner: Wir haben beim Thema BIM in den letzten Jahren sehr viele Fortschritte gemacht – aber es ist natürlich eine sehr komplexe Sache. Sie haben richtig gesagt, dass sehr viel von einer Standardisierung unserer Arbeitsweise abhängt – und das steht quasi automatisch gegen unser anfangs erwähntes Prinzip der lokalen Verantwortung und der lokalen Einheiten und Freiräume. Es ist auf jeden Fall noch ein weiter Weg, bis wir dorthin kommen, wo wir gerne wären.

Ein großes Problem unserer Industrie ist aber auf jeden Fall, dass der Planungsvorlauf immer kürzer wird. Jeder Bauherr möchte dann auch noch kurze Entscheidungswege und quasi eine Woche vor Eröffnung noch einmal die Teppichfarbe ändern. Wenn man ehrlich ist, würde man sich das bei einem Auto nicht trauen. Da kommt keiner ernsthaft auf die Idee, zwei Wochen vor der Lieferung bei Daimler oder BMW anzurufen und zu sagen: Ich hab’s mir anders überlegt, tauscht’s mir doch bitte noch einmal die Sitze.

Witzigerweise ist das in der Bauindustrie aber quasi Standard. Und BIM zwingt einen dazu, die Planung früher zu machen. Damit können wir dem Bauherrn klar vor Augen führen, was späte Entscheidungen auch kostenseitig bedeuten. Da stößt man schon oft auf Sätze wie: „Ist doch fast fertig, das kann ja nicht so schwer sein.“

Wir müssen uns sicher als Konzern auf ein gewisses Mindestmaß an Standardisierung festlegen und da wird man auch das Lokalrecht ein bisschen beschneiden müssen.

Es ist auf jeden Fall ein sehr dynamisches Thema, in dem sich ständig was verändert. Und wenn wir ein Jahr oder mehr über genau dieselben Dinge reden, haben wir irgend etwas falsch gemacht.

Sie haben vorhin gesagt, manche gute Dinge kommen über das Pilotstadium nicht hinaus. Gib es im Bereich Digitalisierung und BIM konkrete Dinge, von denen man im Nachhinein sagt: da hätten wir dranbleiben sollen, da waren wir nicht konsequent genug?

Haselsteiner: Das würde ich nicht sagen. Wir geben die Projekte ja nicht auf, aber sie dauern deutlich länger, als irgendwann als Ziel festgelegt worden ist. Wenn wir beim Thema BIM schauen, was die Ziele waren, dann haben wir  die Durchdringung noch nicht erreicht, die wir wollten. Aber es ist nicht so, dass wir deshalb gesagt hätten: jetzt interessiert uns BIM nicht mehr.

Da geht es um besseren Wissenstransfer, Kommunikation und – so ausgelutscht es auch klingen mag – Change Management.

Wie ist Ihr Zugang zum Thema Change Management? Die Baubranche gilt ja in der Öffentlichkeit als relativ behäbig.

Haselsteiner: Die Menschen in der Baubranche sind sicherlich ein besonderer Schlag. Einen betagten und erfahrenen Polier muss man schon gut von etwas überzeugen, wenn er seine Arbeitsweise ändern soll. Und speziell in dieser Situation ist es schädlich, wenn man jemanden dauernd eine Karotte vorhält, was da Tolles im Anmarsch ist – und dann dauert es zu lange, bis es auf der Baustelle ankommt. Dann verliert man relativ schnell das Interesse und macht es weiter so wie bisher, denn anscheinend kommt ja eh nichts. Da geht es um viel Überzeugungsarbeit, aber eben auch um das schnelle Zurverfügungstellen von funktionierenden Werkzeugen – und das möglichst konzernweit.

Dann sind auch gestandene Poliere die ersten, die das auf der Baustelle pushen – auch dafür gibt es Beispiele. Aber nur dafür, dass sie mit einem Tablet herumlaufen anstelle eines Blocks – dafür sind die meisten zu pragmatisch. Die Mitarbeiter im Büro sind da meistens etwas kulanter und sagen: kann ich zwar im Moment nicht brauchen, ist aber eine tolle Sache.

Ist es bei den Polieren nicht eher so, dass man sagt: um Gottes Willen, da geht uns jetzt eine ganze Generation in Pension und wir haben weder Nachwuchs noch können wir ihr Wissen gut weiter nutzen?

Haselsteiner: Das ist lokal sehr unterschiedlich, stimmt aber prinzipiell. Zum Teil gibt es da große Lücken, aber es gibt auch sehr viele junge Poliere. Generell ist aber auch hier der Wissenstransfer von Alt zu Jung ein großes Thema – nicht nur für Poliere.

Was am Megathema Digitalisierung ist außer BIM für Sie noch besonders wichtig?

Haselsteiner: Ein großes Projekt ist sicher auch ein zentraler digitaler Einkauf. Ein anderes ist ein digital gesteuerter Einbauprozess im Verkehrswegebau. Da könnte es uns sehr große Vorteile bringen, wenn wir es schaffen, dass unsere Fertiger kontinuierlich durchlaufen – und dafür muss man sie mit den Lieferanten und anderen wichtigen Teilnehmern des Prozesses vernetzen.

Das Wesentliche bei all dem ist: jede Einsparung, und seien es auch nur zehn Minuten, bringt uns weiter. Es sind eher viele kleine Werkzeuge als ein großes Ganzes. Beim Thema BIM wissen wir ja zum Beispiel gar nicht, ob wir jemals sagen werden können, dass wir fertig sind. Wir werden aber an den Quick Wins gemessen, die uns kurzfristig viel bringen können.

Um ein Beispiel aus der großen Themenfülle zu nennen: wir haben eine kleine App entwickelt und können sie jetzt konzernweit an den Start bringen, mit der wir digital Beton abrufen können. Das klingt vielleicht banal, aber früher war das einzige Digitale daran die Verwendung von e-Mails oder Smartphone! Es war auf jeden Fall ein relativ einfacher Prozess, der sich aber auf allen Baustellen anders dargestellt hat. Diesen Bestellprozess haben wir mittels dieser App deutliche reduzieren können.

Um diese scheinbar kleinen Verbesserungen geht es – und wenn wir genug von diesen haben, bringt uns das in Summe sehr viel und verstärkt noch dazu bei unseren Mitarbeitern den Hunger auf diese Werkzeuge, was wiederum zu einer besseren Akzeptanz führt usw.

Wie viele Personen haben Sie direkt in Ihrer Abteilung?

Haselsteiner: Ich habe in Summe 1.500 Leute unter mir. Der Hauptteil davon befindet sich jetzt in unserer Einheit Zentrale Technik und wir sind gerade am Umbau der Abteilungen. Digitalisiert wurde ja bisher auch. Das Wichtigste ist aber, bei den Projekten kleine, interdisziplinäre Teams mit einem klaren Ziel zur Zusammenarbeit zu bringen und ihnen entsprechende Autorität einzuräumen, Entscheidungen zu treffen. Da gibt es schon erfolgreiche Beispiele und diese möchte ich hundertfach kopieren und das nicht wie bisher stark dem Zufall oder der Hierarchiestufe der einzelnen Beteiligten zu überlassen.  

Das Um und Auf ist Entscheidungsfreudigkeit – und wenn ich sonst nichts anderes bin: entscheidungsfreudig bin ich! Bei diesen Themen, bei denen man doch oft genug im Nebel unterwegs ist, darauf zu setzen, dass jede Entscheidung immer die Richtige ist, wird nicht funktionieren. Aber wenn man nichts entscheidet, ist es auf jeden Fall die falsche Entscheidung.