Österreich

GBV: Rekordhoch und schwierige Preissituation

Alles in allem bietet sich bei den Gemeinnützigen eine sehr volatile Situation.

GBV Österreich Gemeinnützige

Die gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV) haben voriges Jahr jede vierte Neubauwohnung in Österreich fertiggestellt - insgesamt 19.100 Einheiten, so viele wie zuletzt in den 1990er Jahren. Bei Mehrgeschoßhäusern beträgt der Anteil sogar 40 Prozent. Mehr denn je machen aber auch den Gemeinnützigen die stark gestiegenen Kosten für Baumaterialien zu schaffen, einzelne Komponenten hätten sich binnen Jahresfrist um die Hälfte verteuert, berichtete die Verbandsspitze am Dienstag.

Man bekomme als Bauträger praktisch täglich Briefe von bauausführenden Betrieben, dass sie mit den Kostenvorgaben nicht mehr mithalten könnten und zurücktreten müssten, berichtete Vize-Verbandsobmann Herwig Pernsteiner: "Die Baupreise sind ein sehr limitierender Faktor." So habe sich Polystyrol um 47 Prozent verteuert, Kiestragkörper um 43 Prozent, Ziegelmauerwerk um 30 Prozent und Maschinengipsputz um 39 Prozent, von einer Phase zur nächsten.

Es werde "gekauft und gehortet auf Teufel komm raus", auch Zement. Bauholz sei so knapp, dass etwa bei einem kleinen Sägewerk in Oberösterreich aus dem Saarland angefragt worden sei, ob man einen Sattelzug mit Dachlatten liefern könne. Ein Planer habe berichtet, dass den Elektrikern die Kunststoff-Isolierschläuche ausgingen. In Salzburg würden geförderte Bauten wegen des Kosten-Turbos nun stärker bezuschusst, in OÖ spreche man diesbezüglich mit der Politik.

Bei den 2020/21 fertiggestellten Wohnhäusern habe man den Vorteil, dass sie noch von günstigeren Grundstücks- und Baupreisen von 2018 profitieren könnten, sagte GBV-Obmann Bernd Rießland im Online-Bilanzpressegespräch. Bei den Mieten liege man daher im Schnitt 3 Euro pro m2 und Monat unter anderen Anbietern, das sehe man auch als sozialpolitischen Beitrag. Durch die günstigeren Wohnungen biete der GBV-Sektor den privaten Haushalten jährlich 300 bis 400 Mio. Euro mehr Konsummöglichkeit, auch seien die Wohnungen im Schnitt 10 m2 größer. Die im Vorjahr fertig gewordenen 19.100 Einheiten entsprachen 3,4 Mrd. Euro Invest-Volumen. Auch heuer werde es Fertigstellungsergebnisse auf sehr hohem Niveau geben, sagte Rießland. Anfang 2021 waren im Sektor 34.900 Wohnungen in Bau.

Der Anstieg der gesamten heimischen Wohnungsproduktion von 37.000 auf 42.000 Einheiten habe sich im wesentlichen bei den Mehrgeschoßwohnbauten abgespielt, sagte Rießland - bei denen der GBV-Sektor im Jahr 2010 noch 40 Prozent Marktanteil hatte, ehe der gewerbliche Bauboom begann, der sich voriges Jahr jedoch wieder abflachte. Mittlerweile sei bei den Gewerblichen eine gewisse Vorsicht eingekehrt, was die Einschätzung der Absatzchancen im Hochpreissegment betreffe. Das Preisniveau im privaten Wohnbau habe ein Niveau erreicht, das die Leistbarkeit auf die oberen 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung eingeschränkt habe - bei den GBV seien es 70 Prozent, aber von unten her gerechnet.

Auch im abgelaufenen Jahrzehnt war die Bautätigkeit der GBV höher als in den meisten vergangenen Dekaden. Von 2011 bis 2020 haben sie im Schnitt 16.200 neue Wohnungen pro Jahr fertiggestellt. Die im vorigen Jahrzehnt 162.000 fertig gewordenen Einheiten entsprechen rund 17 Prozent des gesamten jetzigen GBV-Verwaltungsbestandes an Wohnungen.

Im Geschoßwohnbau liegt der GBV-Anteil aktuell wieder bei 40 Prozent, mit wieder steigender Tendenz. Den höchsten Anteil haben die Gemeinnützigen in Niederösterreich, wo drei Viertel der Geschoßwohnungen (72 Prozent) von GBV erstellt werden. Danach folgen Oberösterreich (43 Prozent), Salzburg (39 Prozent), Kärnten (39 Prozent), Tirol (37 Prozent) und Wien (34 Prozent). In der Steiermark (25 Prozent) und Vorarlberg (19) Prozent sind die Anteile am geringsten. Für das Burgenland hält man einen Vergleich wegen der höheren Zahl an GBV-Reihenhäusern für nicht sinnvoll.

Die Mietquote in Österreich ist im letzten Jahrzehnt leicht gestiegen. Lebte 2009 noch gut die Hälfte aller Haushalte (51 Prozent) im selbst genutzten Eigentum und zu 40 Prozent in Miete, hat sich das bis 2019 auf 49 Prozent Eigentum zu 42 Prozent Miete verschoben; der Rest waren unentgeltliche Wohnverhältnisse oder Untermieten. Der Anteil der GBV-Mieterhaushalte ist dabei von 15,5 Prozent auf 17 Prozent gestiegen.

Parallel dazu gab es auch einen Anstieg der privaten Mietverhältnisse von 16,3 auf 18,5 Prozent. Regional variiert der Anteil der GBV-Mieterhaushalte zwischen 21 Prozent in Wien und in OÖ sowie 11 Prozent in Tirol und Vorarlberg. Auffallend für den Verband ist auch der Rückgang des Anteils der Haushalte mit Hauptwohnsitz im Einfamilienhaus: Dieser sank zwischen 2009 und 2019 von 40,3 auf 37,4 Prozent. Diese Veränderung betreffe vor allem den kleinstädtischen und suburbanen Raum, wo statt des Einfamilienhauses viele Haushalte eine GBV- (oder private) Mietwohnung beziehen.

Rießland, seit Frühjahr 2019 GBV-Obman, will sich künftig stärker auf die Verbandstätigkeit konzentrieren und per Ende September sein Dienstverhältnis als Sozialbau-Vorstand auflösen, kündigte der 66-Jährige an. Vor der Sozialbau, bei der er 2010 in den Vorstand einzog, war Rießland in den 1990ern zehn Jahre in der Erste Bank tätig (zu Immo-Finanzierungen, aber auch als Mitglied von s Wohnbaubank und s Bausparkasse), dann war er ebenfalls ein Jahrzehnt lang Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, unter anderem befasst mit dem Stadtentwicklungsprojekt Seestadt. Rießland hatte an der TU Wien Bauingenieurwesen studiert und promovierte 1984 zum Doktor der Technischen Wissenschaften. (APA)