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Die Rolle des Wohnbaus beim Erreichen der Klimaziele

„Wir sind es gewohnt, Problemen mit kreativen Lösungen entgegenzutreten", sagt Christian Struber, Bundesobmann der ARGE Eigenheim und Aufsichtsrat des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen. Herausforderungen gebe es momentan auch mehr als genug. Aber auch Lösungsansätze. Welche das sind, erfahren Sie hier.

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Beim Pressegespräch der ARGE Eigenheim in Salzburg v.l.: Michael Pech (GBV-Aufsichtsratsvorsitzender), Michaela Steinacker (GBV-Vorstandsmitglied), Herwig Pernsteiner (GBV-Obmann-Stv. und Obmann ARGE Eigenheim OÖ) und Christian Struber (Bundesobmann der ARGE Eigenheim und GBV-Aufsichtsrat).

Die aktuelle Entwicklung der Baukosten und der Grundstückspreise stellt die gemeinnützigen Wohnbauträger vor Herausforderungen. Zusätzlich sorgen Themen wie die Auswirkungen der Pandemie und der Beitrag des Gebäudesektors zum dringend notwendigen Klimawandel aktuell für Diskussionen in der Branche. Dabei geht es auch um den dramatischen Verbrauch von Grund und Boden sowie Grünland, die Notwendigkeit einer CO2-Reduktion und den Mobilitätswandel. „Wir sind es gewohnt, Problemen mit kreativen Lösungen entgegenzutreten. Allerdings werden wir mit Herausforderungen derzeit geradezu bombardiert. Doch wir lassen uns davon sicher nicht entmutigen“, sagt Christian Struber, Bundesobmann der ARGE Eigenheim und Aufsichtsrat des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV), beim Auftakt-Pressegespräch zu den „26. St. Wolfganger Tagen“ im neuen Salzburger Presseclub im Greentower. 

Wohnbauförderung neu überdenken

Für Struber ist es jetzt notwendiger denn je, den Einsatz der Mittel aus der Wohnbauförderung neu zu überdenken. „So könnte die Wohnbauförderung für die Modernisierung von bestehenden Wohnanlagen großzügiger ausfallen, während für Neubauten, die auf Grünland entstehen, eine wesentlich geringere bis gar keine Summe ausbezahlt werden sollte“, erläutert Struber, für den damit drei Vorteile einhergehen. Nämlich: kein zusätzlicher Verbrauch von Grünland, eine CO2-Reduktion durch klimaschonende Energiesysteme im Rahmen umfassender energetischer Wohnanlagensanierungen bei gleichzeitiger Modernisierung der Bestandsbauten. Im Zuge dessen könnten mittels Photovoltaikanlagen Eigenstrom erzeugt werden, E-Ladestationen in den Garagen und bei Abstellplätzen im Freien installiert, ein Breitbandanschluss für Smart Homes und Homeoffices hergestellt und die Wohnanlagen familien- und altengerecht barrierefrei gestaltet werden.

Baukosten rasant gestiegen

Die Baukosten steigen derzeit extrem schnell. Der Index für Wohnhaus- und Siedlungsbau der Statistik Austria, der die Preissteigerungen ausdrückt, weist in den letzten Monaten einen noch nie dagewesenen exorbitant angewachsenen Wert aus. „Stieg der Index in den vergangenen Jahren immer zwischen ein bis zwei Prozent, so erwarten wir für heuer einen Anstieg auf horrende 20 Prozent. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung mit unerwünschten Folgen“, warnt Herwig Pernsteiner, Obmann-Stv. des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen. Diese Preissteigerungen, die den Entwicklungen auf den Rohstoffmärkten geschuldet sind, werden sich laut Pernsteiner in ein bis zwei Jahren auf die Verkaufs- und Mietpreise am Wohnungssektor in derselben Höhe auswirken. „Muss teuer gebaut werden, beeinflusst das in der Folge natürlich auch die Verwertungspreise. Keine rosigen Aussichten also“, erklärt Pernsteiner, der sich eine Preisabfederung durch die gewünschte Vorsteuerberichtigung bei Mietkaufobjekten auf 10 Jahre erwartet. 

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WEG-Novelle hoch an der Zeit

Für eine Optimierung des Miete-Kauf-Modells zum Erwerb von Wohnungseigentum setzt sich seit Jahren auch NR Michaela Steinacker, Vorstandsmitglied des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen, ein. „Das Miete-Kauf-Modell ist vor allem für junge Menschen der optimale Start in eine gesicherte Zukunft. Denn Eigentum beugt Altersarmut vor. Wie die aktuellen Entwicklungen zeigen, ist es zudem hoch an der Zeit, dass die Wohnungseigentumsgesetz-Novelle in Kraft tritt. Vergangenes Jahr habe ich sie bereits angekündigt. Über den Sommer haben wir sie in die Begutachtung geschickt und mit einem Parlamentsbeschluss rechne ich bis Ende des Jahres“, so Steinacker. Die Gesetzesnovelle beinhaltet vor allem die Erleichterung bei den Beschlussfassungen in Mehrparteienhäusern u.a. für den Einbau von Elektro-Ladestationen, barrierefreie Zugänge, einbruchsichere Türen, Beschattungseinrichtungen und Photovoltaikanlagen. Auch geht es dabei um eine Mindestrücklage bei Wohnungseigentumsobjekten, die die Sanierungs- und Ökologisierungsmaßnahmen bei den Gebäuden unterstützen soll. Ferner liege Steinacker die Ausbildung der Spitzenfunktionäre am Wohnbausektor am Herzen. So wurde 2018 ein Lehrgang für Aufsichtsratsmitglieder in Wohnbauunternehmen gestartet, der bereits von 73 Teilnehmern absolviert wurde.

Individueller Wohnraum gewinnt an Bedeutung

„Die Pandemie zeigt, wie wichtig unser Wohnraum ist. Da wird das Zuhause auch zum Homeoffice und Unterrichtsort. Wer eine Grünoase in Form von Garten, Balkon oder Terrasse hat, kann sich glücklich schätzen“, sagt Michael Pech, Aufsichtsratsvorsitzender des Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen. Über private Freiräume verfügen immerhin 96 Prozent der geförderten Wohnungen, die in den vergangenen 10 Jahren in Wien errichtet wurden. Allerdings wurde der Anteil der kompakten und kostengünstigen Smart-Wohnungen von einem Drittel auf 50 Prozent erhöht. „Ob das jetzt noch zeitgemäß ist, gilt es zu überdenken, denn auch im freifinanzierten Bereich werden die Wohnungen mittlerweile wieder größer und wir müssen nachhaltiger denken“, ist Pech überzeugt.

Antwort auf Grundstücksknappheit

Um Bodenversiegelung und Landschaftsverbrauch zu reduzieren sind Ansätze für Siedlungsentwicklung ohne zusätzlichen Bodenverbrauch erforderlich. Laut Bundesumweltamt liegt die versiegelte Fläche in Österreich bei durchschnittlich 268 m2 pro Einwohner (58 m2 in Wien bis 510 m2 im Burgenland). Flächensparendes Bauen und eine Verdichtung im existierenden Siedlungsbereich sind notwendig, um die bestehende Infrastruktur besser zu nutzen und unverbautes Land zu schützen. Wien ist die am stärksten wachsende Stadt Mittel- und Osteuropas. Nach aktuellen Prognosen werden bis 2027 zwei Millionen Menschen in der Stadt leben. Die demographische Entwicklung zeigt eine rasche Zunahme an Singlehaushalten, deren Anteil aktuell bei 45 Prozent liegt. Dieses Bevölkerungswachstum, die Veränderung der Haushaltsgrößen und die geänderten Arbeitsmarktstrukturen benötigen ein entsprechendes Wohnungsangebot.

Wohnen im Wohnhochhaus

„Das Wohnhochhaus ist eine von mehreren Antworten auf die Liegenschaftsknappheit in den Ballungszentren und ist als vertikales Stadtquartier zu verstehen. Durch den Bau von Hochhäusern kann ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität einer Stadt sowie der gerade in der Pandemie wichtige Grün- und Freiraum erhalten werden“, erklärt Pech. Als Zielgruppe für diese Wohnform ortet er vor allem junge Paare, Singles und ältere Personen. Hochhäuser würdem eine gute Chance für Mehrfachprogrammierungen (flexible Nutzungen auf Zeit) bieten und dadurch auch das Umfeld bereichern.

Expertentreffen bei „26. St. Wolfganger Tagen“ 

Die „26. St. Wolfganger Tage“ finden heuer wieder vom 8. bis 10. September am Wolfgangsee statt. Dabei treffen sich mehr als 200 Vertreter gemeinnütziger Bauträger aus ganz Österreich, um sich aus erster Hand über brandaktuelle Themen im sozialen Wohnbau zu informieren und mit hochkarätigen Experten zu diskutieren.