SOLID 03/2021

Die Pandemie als DigiBoost

Wie sich die Digitalisierung an Corona ein Beispiel genommen hat und wie sie sich davon unterscheidet.

Von
Porr Digitalisierung SOLID 03/2021

Pandemie und Digitalisierung: beide Phänomene leben von der Verbreitung  und zumindest eines haben wir gelernt: Vernetzung und Geschwindigkeit sind zwei Einflussfaktoren für deren Erfolg.

Stellte man noch vor gut einem Jahr die Frage, wer die Digitalisierungsmaßnahmen in Unternehmen steuert und vorgibt, so sahen die meisten diese Verantwortung bei CIO, CTO oder CDO. Schaut man sich jedoch den heutigen Status an, so ist der Boost der Digitalisierung in Relation mit der Ausbreitung von Covid 19 zu sehen.

Die explosionsartig gestiegene Notwendigkeit zur Digitalisierung als Folge der aktuellen Covid19 Pandemie hat die Baubranche zwar wie viele andere Branchen letztes Jahr „kalt erwischt“. Die Korrelation zwischen den beiden Themen sollte damit aber beendet sein. Denn das Thema Digitalisierung ist langfristig als Priorität für die Zukunftsfähigkeit der Branche zu sehen und wird mit einer Abschwächung der Pandemie nicht an Wichtigkeit und Dringlichkeit verlieren.

White Paper zum Thema

Kein Blick in die Kristallkugel nötig

In den letzten Jahren wurden bereits viele Maßnahmen in unserem Unternehmen, der Porr, umgesetzt, um die Digitalisierung in der Bauindustrie voranzutreiben. Diese haben uns einen Vorgeschmack darauf gegeben, was noch alles auf uns zukommen wird. Building Information Modeling (BIM), Datenplattformen, Virtual Reality (VR), 3D Laserscanning oder IoT (Internet of Things) beschreiben einige der Technologien, die in der Bauwelt von heute fast nicht mehr wegzudenken sind. Natürlich noch nicht durchgängig, aber in immer mehr Bereichen. In der Porr Gruppe werden viele Trends zuerst in der Planungstochter, der Porr Design & Engineering, kurz PDE, eingesetzt und für den Rollout im Konzern vorbereitet.

Dann kam der Corona-Boost: Virtualisierte Arbeitsplätze, Planen am digitalen Gebäudemodell und die Nutzung von digitalen Kommunikationsplattformen haben innerhalb kürzester Zeit in den Homeoffices der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Einzug gehalten. Überall dort, wo am digitalen Gebäudemodell geplant oder in anderer Form der Baustelle zugearbeitet wird, konnte zu Beginn der Pandemie fast nahtlos weitergearbeitet werden. Sogar die VR Technologie hat sich während der Lockdowns weg von den örtlichen VR Räumen auf Baustellen hin zu dezentralen, aber vernetzten, Punkten verlagert. Somit wurde es möglich, sich in virtuellen VR Räumen mit allen Projektbeteiligten zu treffen und durch den digitalen Zwilling zu spazieren, um Anmerkungen, Kollisionen oder Änderungsvorhaben direkt am Modell zu markieren, ohne den eigenen Arbeitsplatz verlassen zu müssen. Natürlich sind dies erste Maßnahmen bei ausgewählten Projekten, aber in speziellen Situationen müssen eben schnell praktikable Alternativen gefunden werden. Diejenigen Firmen, die sich mit der Digitalisierung schon auseinandergesetzt haben, können in Zeiten wie diesen schnell reagieren. Andere müssen hier erst für die Schaffung der geeigneten Rahmenbedingungen sorgen und haben somit einiges aufzuholen.

Von Building Information zu Business Intelligence

Was sind nun die nächsten Schritte mit den neuen Technologien? Mit BIM hat der erste und wichtigste Schritt in eine digitale Bauwelt bereits vor einigen Jahren stattgefunden. Lange schon wird auch darüber diskutiert und beraten, wie mit der Fülle an generierten Daten umzugehen ist und wie in den unterschiedlichen Gewerken Vorteile daraus gezogen werden könnten. Auch diese Überlegungen und daraus resultierende Entscheidungen können mit Technologien unterstützt werden, die bereits zur Verfügung stehen. Hier sprechen wir beispielsweise von Business Intelligence, kurz BI. Damit gemeint sind Verfahren für systematische Analysemethoden von Geschäfts-, aber auch Projektdaten. Denkt man an die Herausforderung, dass wir immer mehr mit Datenstrukturen aus digitalen Gebäudemodellen in der Planung und Ausführung zu tun haben, kommt man ja bekanntlich mit traditionellen Softwareboardmitteln oft an die Grenzen des Möglichen. Abhilfe schaffen BI-Systeme, um diese Daten zu visualisieren und für eigene Prozesse nutzbar zu machen. Die Intelligenz, um „fremde“ Daten mit eigenen Geschäftsprozessen zu verbinden, liegt in diesem Fall jedoch noch beim Anwender. Für den nachhaltigen Einsatz dieser Intelligenz wird es immer wichtiger, ein Regelwerk dafür zu schaffen.

Schlägt man die Brücke zu BIM, sind Strukturen, die beispielsweise IFC vorgeben, schon ein Schritt in die richtige Richtung. Die Einhaltung dieser Regeln hinkt leider nach, weil deren Wichtigkeit vielen Beteiligten in der Planungs- und Bauwelt noch nicht bewusst ist. Aber ist dieser Schritt einmal gemacht, steht der Nutzung des digitalen Gebäudezwillings in, aber auch nach der Bauphase nichts mehr im Wege. Lernen, trainieren und die richtige Konstellation in Projektteams schaffen sind wichtige Erfolgskriterien. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit langjähriger Projekterfahrung auf der einen und Digital Natives mit einem Selbstverständnis für IT-Systeme auf der anderen Seite müssen zukünftig auf Augenhöhe zusammenarbeiten können und gut vernetzt sein. Silodenken passt nicht zur digitalen Welt.

In die Offensive gehen mit der Zusammenarbeit

Wissen zu vermitteln und dieses auch vermittelt zu bekommen ist im heutigen Verständnis oft noch verknüpft mit Face-to-Face Kontakt mit Trainern, vielen Stunden an Reisezeit und noch mehr Stunden für die Erstellung von Schulungsunterlagen in Papierform - auch bei uns. Durch die neue Situation des letzten Jahres waren auch wir gezwungen, uns rasch mit neuen Methoden zu beschäftigen, die das Wissen trotz Lockdowns bestmöglich vermitteln. Der Einsatz von Videos und Lernplattformen hat Einzug gehalten. Basiswissen zu Technologien und Prozessen können unkompliziert, jederzeit und immer wieder abgerufen werden. Schulungszeiten können somit individuell angepasst werden. Eine weitere Offensive betrifft den Einsatz von Augmented Reality (AR) auf unseren Baustellen. Durch die Möglichkeiten, die AR in Kombination mit Verortungsmethoden und zugehörigen BIM-Modellen bietet, können Prozesse wie die Kommunikation und Dokumentation noch effizienter und zielgerichteter gestaltet werden. Neben den Anwendungen ist aber auch ein weiterer Aspekt in den Vordergrund gerückt: die projektsoziale Komponente rund um die Frage “Wie arbeiten wir zukünftig in Projekten optimal zusammen?“. Hierfür ist die LEAN-Strategie der PORR als optimale Ergänzung zu sehen. Mit LEAN wird deutlich vermittelt, dass mit den technologischen Änderungen und Entwicklungen auch ein Kulturwandel einhergehen muss.

Ausblick zum nächsten Technologiesprung KI

Künstliche Intelligenz (KI) wird uns in der Bauwelt zukünftig auch immer mehr als Standardtechnologie begleiten. Welche Möglichkeiten damit einhergehen, haben uns im Privatbereich Alexa, Siri und sonstige digitale Avatare schon gezeigt. Auch hier gilt es, diese für unsere Anwendungsfälle in der Baubranche zu trainieren. Die Fülle an Daten, die wir derzeit schon tagtäglich produzieren, wird die Grundlage für viele Automatisierungen bilden. Die Datenmodelle, die bereits aus unterschiedlichen Gebäudemodellen erzeugt werden, sind hierfür bespielgebend. Praktische Anwendungen wie Gefahrenerkennung über Bilder oder Scans auf der Baustelle werden ebenso Einzug halten wie die Unterstützung in der Überprüfung von Planungen in BIM-Modellen sowie die Früherkennung von Fehlern und Wartungsanforderungen im Betrieb von Gebäuden. Die Nutzung von Bildmaterial, dass über Kameras an Kränen geliefert werden kann, ist ein weiterer Use-Case, der derzeit in der Porr erforscht wird, wobei es um die automatisierte Hebeguterkennung und die damit einhergehende mögliche Optimierung des Baustellenbetriebs geht.

In der PDE nutzen wir bereits seit längerem die hausintern entwickelte BIM Datenplattform für Studien über mögliche Szenarien, wie mit der Fülle an Daten sinnvolle Automatisierungen entstehen könnten. Im ersten Schritt standen dabei Datenstrukturen und Werkzeuge für die standardisierte Generierung von Bauteilinformationen im Fokus. Die unterschiedlichen Datenstrukturen aus abgeschlossenen und laufenden Projekten werden nun genutzt, um BI Systeme mit der Analyse von Daten zu bespielen. Daraus könnten in einem nächsten Schritt KI-Systeme trainiert werden, die „fremde“ Modelldaten schneller und effizienter auswerten. Damit könnte einer der größten Zeitfresser beim Einsatz von BIM in Angriff genommen werden.

Es bleibt also zu hoffen, dass dieser Boost und der damit verbundene Veränderungsdruck in der Digitalisierung anhält und bewusst macht, dass wir schneller als gedacht mit neuen Technologien und einhergehenden Regeländerungen in der Abwicklung von Projekten zu tun haben werden.