Interview

"Die goldenen Zeiten in China sind vorbei"

Der Präsident der europäischen Handelskammer in China, der Deutsche Jörg Wuttke, zeichnet im Interview ein Bild von China, das abseits aller Expansionseuphorie die deutlichen Schwierigkeiten anspricht, mit denen Europas Firmen heute vor Ort zu tun haben.

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Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war am vergangenen Wochenende mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation zu einem dreitägigen Besuch in China. Das Wachstum dort hat sich verlangsamt, die Geschäfte auf dem Riesenmarkt werden mühsamer. Der deutsche Präsident der europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, schildert die Probleme:

   "Die goldenen Zeiten sind vorüber" sagte die EU-Kammer jüngst über das China-Geschäft. Wie kommst es dazu?


   Wuttke: Chinas zweistelliges Wirtschaftswachstum ist vorbei. Ab jetzt können wir uns auf jährliche Zuwachsraten von sechs oder sieben Prozent einstellen. Auch die ungewöhnliche demografische Konstellation durch die Ein-Kind-Politik ist unwiederbringlich vorüber. China wird heute eine der am schnellsten alternden Gesellschaften der Welt.



   Wo kann neues Wachstum herkommen?


   Wuttke: China kann nur einmal der Welthandelsorganisation beitreten. Die Globalisierungsgewinne von zwei Prozent Weltmarktanteil im Jahr 2000 auf nun 15 Prozent sind nicht wiederholbar. Ähnlich die unglaublichen Infrastrukturmaßnahmen, die China bisher hohes Wachstum brachten. Irgendwann hat man genug Flughäfen, Bahnhöfe und Operngebäude gebaut. So muss China jetzt über den Dienstleistungssektor und Konsum wachsen. Das hat auch Präsident Xi Jinping richtig mit der "Neuen Normalität" umschrieben. Aber wachsen wird China noch auf viele Jahrzehnte hinweg, allerdings sehr viel langsamer eben.

   Wo drückt die deutschen und europäischen Unternehmen in China der Schuh?

   Wuttke: Das größte Problem sind die weiter bestehenden Hürden beim Marktzugang. Die Mitglieder der europäischen Handelskammer bezifferten das dadurch entgangene Geschäft 2013 immerhin auf etwa 20 Milliarden Euro. Das entspricht dem Bruttosozialprodukt Estlands. Vor allem im Dienstleistungsbereich gibt es Beschränkungen. Hier hat man oft das Gefühl, dass es einen Schritt vorangeht, um dann festzustellen, dass es ein Schritt zur Seite ist. Also Bewegung ist erkennbar, nur oft nicht nach vorne.

   Welche Sorgen gibt es?

   Wuttke: Die europäischen genau wie die chinesischen Firmen sind sehr besorgt über eine drohende Finanzkrise - ausgelöst durch enorme Firmenverschuldungen, einer platzenden Immobilienblase in Teilen Chinas und den gravierenden Überkapazitäten in vielen Industriesegmenten.

   Warum kommt Chinas neue Führung nicht mit ihren groß angekündigten Reformvorhaben voran?

   Wuttke: Nach zehn Jahren Reformmüdigkeit muss man der neuen Administration zugestehen, dass Sie zumindest ernsthaft über Reformen nachdenkt und auch Vorschläge macht. Im Finanzsektor gab es auch erste gute Regularien, die diesen verschlossenen Sektor ein bisschen öffneten.

Nach so langer Zeit sind die Interessengruppen, die sich an Monopolen labten und Reformen kippten, eben sehr schwer von den Honigtöpfen zu verdrängen. Aber die neue Führung weiß: Ihr Erfolg hängt davon ab, wie schnell und umfassend sie das Leben ihrer Bürger verbessert. Und das geht nur durch mehr Konkurrenz und Transparenz.

(dpa/apa/pm)