Der SOLID-Baustellenbericht

Das schräg geneigte Star-Bauwerk am Campus WU

Die Entwürfe von Zaha Hadid gelten als Alptraum vieler Statiker und Schrecken aller Bauherren. Ihr "Library & Learning Center" am neuen Campus der WU Wien setzen heimische Ingenieure und Bauleute als bauliches Glanzstück um. Von Peter Martens

Österreich

Es ist noch gar nicht lange her, da lag zwischen Prater, Messe und der Trabrennbahn Krieau ein geräumiger leerer Platz, den die Wiener als inoffiziellen Großparkplatz sehr zu schätzen wussten. Heute steht dem Wäldchen aus dürren Stadtbäumen am Rande des Praters ein mächtiger Wald aus Stahlbetonwänden, Bauzäunen und Baukränen gegenüber.



Es ist eines jener Großprojekte, die die Erscheinung der Hauptstadt für Jahrzehnte mitprägen werden: Der Campus WU, der künftige Sitz der Wirtschaftsuni Wien, mit Gesamtkosten von fast einer halben Milliarde Euro. Ab Herbst 2013 soll die bereits im Oktober 1898 unter dem Namen „k.k. Exportakademie“ gegründete Uni hier ihren Lehrbetrieb als größte und modernste Wirtschaftsuniversität Mitteleuropas weiterführen.

Das Areal besticht nicht nur durch seine schiere Größe – so werden auf einer Grundstücksfläche von 90.000 m2 sechs Gebäude mit einer Nettonutzfläche von 100.000 m2 errichtet –, sondern auch durch die Architektur.

Die Bauten für Lehre und Forschung am künftigen Campus tragen die unverkennbare Handschrift von weltweit renommierten Stararchitekten, und entsprechend erregen sie derzeit Aufmerksamkeit weit über Österreich hinaus. Die Erscheinung der Gebäude auf den Renderings ist tatsächlich spektakulär – und in ihren Formen und Anordnungen bisweilen mehr als irritierend.

Der spektakulärste Bau am Areal

Umso größer sind die Anforderungen an die beteiligten Planer, Konstrukteure und Baufirmen vor Ort. Das kann man bei keinem Bau so gut sehen wie bei dem „Library & Learning Center“ (LLC), also der künftigen Uni-Bibliothek. Dieses Gebäude ist das Herzstück der ganzen Anlage, es bündelt rund ein Drittel der gesamten Bauleistung des Großprojekts, und es ist wohl der spektakulärste Bau von allen.

Der Baukörper wird durch zwei Canyons durchschnitten und so in vier Teile gegliedert. Die Architektur eines der beiden Canyons bildet einen stützenfreien Raum, welcher durch die Konstruktion eines 400 Tonnen schweren Stahlfachwerks ermöglicht wird. Die Wände erreichen Schrägen von bis zu 35 Grad zur Senkrechten. Ein eigenes Team aus Betontechnologen sorgt dafür, dass die besonderen Anforderungen beim Sichtbeton erfüllt werden können.

Das Erdreich unter dem LLC – nur wenige hundert Meter neben der Donau - besteht zum großen Teil aus Schotter. Damit das Gebäude darauf nicht umkippt, wird es über Pfähle und eine mächtige Betonplatte im Grund verankert, deren Dimension an einen Kraftwerksbau erinnert.

Allein diese Aspekte verdeutlichen, dass dies für die Ingenieure und Bauleute mehr ist als nur ein weiteres Prestigeprojekt. Das LLC ist aus bautechnologischer Sicht ein echtes Glanzstück. Die Umsetzung beim Tiefbau übernahm Bauer Spezialtiefbau, die Generalplanung Vasko + Partner Ingenieure aus Wien, die Baumeisterarbeiten Granit Bau aus Graz und den Stahlbau die Unger Steel Group. Bauherr ist die Projektgesellschaft WU Wien neu GmbH, eine gemeinsame Gesellschaft der Bundesimmobiliengesellschaft BIG und der Wirtschaftsuni Wien.