Immobilien

Das bedeutet Boris Johnson für den Immobilienmarkt

Heute wird Boris Johnson zum neuen britischen Premierminister angelobt. Er verspricht den Brexit im Oktober – ob mit oder ohne Deal. Beide Szenarien ziehen zig weitere für den Immobilienmarkt mit sich. In Großbritannien selbst – und auch in Österreich.

Von
Großbritannien Brexit Wohnungen Investment Immobilienwirtschaft

Heute Nachmittag wird also Boris Johnson zum neuen Premierminister angelobt. Der 55-jährige ehemalige Außenminister Großbritanniens wurde von der Tory-Partei mit einer Zweidrittelmehrheit zum Parteivorsitzenden gewählt. Dass er seinen Widersacher Jeremy Hunt, nunmehr sein Nachfolger im Außenministerium, besiegen wird, das wusste eigentlich schon so ziemlich jeder.

Wie es mit dem Brexit weitergeht, weiß hingegen nach wie vor niemand. Oder hat Johnson einen Plan? Einen, der über sein Wahlversprechen hinausgeht, den EU-Austritt am 31. Oktober 2019 zu bewerkstelligen, „komme, was da wolle“?

Ist „no deal“ das, was Johnson will?

Eine solche Ansage bezieht natürlich auch die Möglichkeit eines harten Brexits mit ein, also eines ohne vertragliche Übereinkünfte mit der verbleibenden Union. Die Folgen für den Warenaustausch, Einreisebestimmungen, Aufenthaltsgenehmigungen und vieles mehr werden seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 in den schauerlichsten Farben skizziert. Was wirklich passieren wird, kann aber mangels bisheriger Erfahrungen nicht gesagt werden – weder im Falle einer Übereinkunft, noch im Falle des gefürchteten „no deal“.

Die Furcht vor diesem, sowie die Unsicherheit, wie es mit Großbritannien im Allgemeinen und seinen Beziehungen zur EU im Besonderen weitergehen wird, hat bereits seit 2016 zu einer Abkühlung am Immobilienmarkt geführt.

© YouTube/ BBC News

Boris Johnson will den Brexit, "komme, was da wolle".

Diese Abkühlung betrifft sowohl Immobilien auf der Insel selbst, als auch die Käufe von Briten am europäischen Festland. 

Wie sich die Lage in Österreich etwa entwickelt, lässt sich aus einer Analyse des Immobiliendatenspezialisten Immounited ablesen. So wurden zwischen 2016, also dem Jahr des Referendums, und 2018 in Österreich 690 Immobilien von Briten gekauft. Zu 96 Prozent wurden diese Käufe von Privatpersonen getätigt.

Rückgänge in Zeiten der Unsicherheit

Die Zahl stellt einen klaren Rückgang dar. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wurden 14 Mal so viele Transaktionen von Deutschen in Österreich getätigt.

Und der Rückgang ist auch ein kontinuierlicher. Waren es 2016 noch 300 Käufe durch Briten in Österreich, ging die Zahl auf 219 in 2017 und schließlich auf 180 letztes Jahr zurück. „Ich vermute, dass der Brexit den Transaktionsverlauf beeinflusst“, sagt Roland Schmid, Eigentümer und Geschäftsführer von Immounited. 

Noch gehören laut Grundbucheintragungen (Stand Frühjahr 2019) 7.673 Immobilien in Österreich Briten. Zusammen ergeben sie eine Fläche von 20 Quadratkilometern. Die meisten von ihnen stehen im Burgenland, gefolgt von Niederösterreich und der Steiermark. Auch hier sind die Besitzer vor allem Privatpersonen. Zusätzlich gehören noch rund 130 Immobilien, diese fast zur Hälfte in Kärnten befindlich, österreichischen Unternehmen mit britischen Eigentümern. 

Am beliebtesten bei den Transaktionen sind mit einem Anteil von 56 Prozent Wohnungen. Einfamilienhäuser etwa machen nur 14 Prozent der Käufe aus. 

Doch was passiert mit all diesen Immobilien, wenn Großbritannien nicht mehr in der EU ist? Mehrere Szenarien sind möglich. Die britischen Besitzer könnten es so schwer haben, zu Aufenthaltsgenehmigungen zu kommen, dass sie ihre Wohnungen verkaufen müssen. Doch auch die Möglichkeit, dass Käufe rückgängig gemacht, beziehungsweise die Käufer enteignet werden, steht im Raum. Schließlich sind EU-Bürger in ihren Rechten beim Immobilienkauf den österreichischen Staatsbürgern gleichgestellt – Ausländer aus Nicht-EU-Staaten benötigen allerdings einen Genehmigungsbescheid. 

Dann gibt es natürlich auch die Option, den Pass eines EU-Lands zu beantragen. In Deutschland wurden 2016 schon 2.865 Briten eingebürgert, 2017 waren es 7.500, 2018 dann immerhin noch 6.600. Zum Vergleich: Im letzten Jahr vor dem Brexit-Votum waren es nur 622 Personen. 2015 forderten auch nur 15 Menschen als Nachkommen von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland eine deutsche Staatsbürgerschaft ein. 2017 machten dann schon 1.667 Personen von diesem Recht Gebrauch.

„Der kritische Faktor“

Sehr viele Briten besitzen derzeit allerdings Immobilien in Spanien – etwa 300.000 Menschen haben hier Käufe getätigt, viele von ihnen Pensionisten. Hier gelten allerdings die Auflagen, einen spanischen Pass zu bekommen, als besonders hoch. 

Während die Unsicherheit um vergangene und künftige Transaktionen in der EU durch Briten bleibt, ist auch der britische Immobilienmarkt selbst seit dem Referendum nicht unbedingt beständig. Zum einen investiert das nicht-britischen Ausland immer weniger in den Markt. Großbritannien ist zwar nach wie vor das beliebteste Land bei Direktinvestitionen aus dem Ausland – vor Frankreich und Deutschland –, doch gingen hier letztes Jahr die Gelder um 13 Prozent zurück. 

Gleichzeitig zeigen sich die Briten selbst verhalten, wenn es um Verkäufe, Kaufanfragen und Makleraufträge geht. Das zeigte zuletzt eine Umfrage unter den Mitgliedern des RICS, des Berufsverbandes von Immobilienfachleuten. 

Und nicht nur wird weniger gekauft, die Preise für die gehandelten Immobilien waren zuletzt auf dem niedrigsten Wert seit 2011, der Fall zieht sich schon seit acht Monaten dahin. Auch in den beliebten und teuren Wohngegenden Londons sind die Preise seit 2016 um 20 Prozent zurückgegangen.

https://youtu.be/iWOZRWxlDyM

Bei der RICS-Umfrage machten immerhin 77 Prozent die Unsicherheiten rund um den Brexit für die Lage verantwortlich. Auch wenn viele andere Faktoren den Markt derzeit negativ beeinflussen würden, sei klar der Brexit „der kritische Faktor“, der sowohl Käufer als auch Verkäufer beeinflusst“, so Simon Rubinsohn, Chief Economist bei RICS.

Was den Markt und sicher auch alle britischen Immobilienbesitzer in EU-Ländern wie Österreich beruhigen würde, wäre natürlich ein geregelter Brexit. Zwar hat Boris Johnson im Wahlkampf immer wieder klargemacht, dass er nicht vor einem „no deal“ zurückschreckt; doch sprach er zuletzt auch vom „Wunsch nach Freundschaft und enger Kooperation mit den europäischen Nachbarn.“ Und EU-Brexitverhandler Michel Barnier bietet konstruktive Gespräche an. Vielleicht wird also doch nicht das schlimmste Szenario eintreten. Und wenn es nur wegen einer Wohnung Johnsons im Burgenland wäre.

Folgen Sie der Autorin auch auf Twitter!

Holen Sie sich jeden Morgen das Neueste aus der Branche – im Solid Morning Briefing!