Österreich

Beim Lehrabschluss scheitern nicht mehr als an der AHS

WKO fordert verpflichtende Talentechecks an allen Schulen und Schwerpunkt-Berufsschulen.

Arbeitsmarkt Lehrlinge Wirtschaftskammer Österreich Christoph Leitl

Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl versteht nicht, warum die Durchfaller-Quoten bei Lehrabschlussprüfungen für so viel Aufregung sorgen. Es stimme, dass es nur 80 Prozent beim ersten Antreten schafften, beim zweiten Anlauf seien es 95 Prozent. Für Leitl ist das vergleichbar mit den AHS und sohin "kein Grund, da irgendwelche Alarmglocken zu läuten" oder die Lehrlingsausbildung madig zu machen.

Würde alles beim ersten Mal klappen, wäre das Ganze wohl auch nicht viel wert, argumentiert Leitl. Heuer im Frühjahr ist erstmals seit 2008 die Zahl der Lehrlinge im ersten Jahr wieder leicht gestiegen. Die Trendwende sei da. Weltweit werde das österreichische System der dualen Ausbildung bestaunt. Gerade gestern erst sei eine iranische Delegation im Land gewesen, die für Jänner mit den Österreichern ein Abkommen über die duale Ausbildung vorbereite.

Heute beraten in Wien die Verhandler von ÖVP und FPÖ zur Vorbereitung für die neue Regierung das Kapitel Bildung. "Die Regierung redet über Bildungsprogramme, wir setzen Schritte", so Leitl in seiner Pressekonferenz am Mittwoch. Jetzt im November ging eine kammereigene Plattform "probierdichaus.at" online, die Jugendlichen bei der Berufswahl aus 200 Lehrberufen zur Hand gehen soll. Leitl: "Die jungen Leute sind im Netz, daher gehen wir ins Netz, um sie dort vor der zweitwichtigsten Entscheidung ihres Lebens abzuholen."

Abholen will die Kammer junge Leute vor allem für "Chancenberufe" und von ganz traditionellen oder "Modeberufen" weglocken. Dass Mädchen jetzt - ausgehend freilich von einer kleinen Basis - doppelt so viele Ausbildungen in Technik- und Mechatronikberufen machten wie noch vor zehn Jahren, wird als sehr ermutigend gewertet.

Nachdem die Politik aus Budgetgründen nicht dazu in der Lage gewesen sei, habe die Wirtschaftskammer selbst einen so genannten Talentecheck entwickelt, bei denen sich berufliche Interessen und Stärken feststellen und frustrierende Fehlentscheidungen vermeiden lassen sollen. Drei Viertel der 13- bzw. 14-jährigen Schüler seien damit schon abgedeckt, in vielen AHS hätten diese Checks bisher aber nicht nur ungeteilte Zustimmung erfahren. Offenbar gebe es Angst von Schulen, Schüler zu verlieren. In Salzburg seien die AHS für diese Checks offener als andere. Solche Talentechecks müssten, so die Forderung der Kammer, flächendeckend und verpflichtend sein. Urgiert wurden heute auch Schwerpunkt-Berufsschulen.

Als "bildungspolitische Vision" schwebt Leitl vor, mit 19 Jahren "alles zu haben", also Lehre plus Matura beziehungsweise Matura mit Lehre. Dem sollte die neue Regierung mehr Augenmerk schenken. Auch den vielen Studienabbrechern müsste mit extra Jahrgängen einer Intensivlehre für eine fundierte Berufsausbildung eine neue Chance gegeben werden.

Mit 31. Oktober 2017 gab es in Österreich 4,2 Prozent mehr Lehrlinge im ersten Lehrjahr als im Jahr davor, quer über alle Branchen waren es 30.497. Um fast 4 Prozent rückläufig war zudem die Zahl der jungen Menschen in der überbetrieblichen Lehrausbildung - also auf Ausbildungsplätzen für jene, die keinen regulären Lehrplatz gefunden haben. Leitl sagte, er stehe für ein Grundnetz. Junge Leute, die nicht zum Zug kämen, dürften nicht einfach sitzen gelassen werden. Derzeit gibt es noch immer 10 Prozent eines Geburtsjahrgangs, die die Grundschule nicht positiv abschließen oder die Lehre abbrechen. Diese Abbruch-Quoten will die Wirtschaft verringern. (APA)