Coronavirus

Bauen mit Corona

Das Coronavirus hat der Baubranche einen ordentlichen Rempler versetzt. Im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen sind die Aussichten aber gar nicht so schlecht – wahrscheinlich.

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Bauen trotz Corona? Bauen mit Corona? Bauen nach Corona? Man kann die seit Wochen herrschenden Gemütslage wohl kaum treffender zusammenfassen als der wirtschaftsfreundliche Querdenker und NEOS-Gründer Matthias Strolz im Corona-Diaries-Podcast-Interview der „Presse“ mit den Worten: „Wir sind ein bissl verwirrt alle in diesen Tagen“. 

Der Tag nach dem Strolzschen Verwirrungs-Sager war Freitag, der 26. März. An diesem Freitag hat sich die Situation auf Österreichs Baustellen Gott sei Dank gewendet - die Bausozialpartner und Gesundheitsminister Anschober gaben jene Einigung bekannt, um die sie zumindest eine Woche lang gerungen hatten: kein genereller Baustopp, dafür acht Punkte, unter deren Einhaltung der Betrieb von Baustellen erlaubt und möglich ist (siehe Kasten).

Für die Möglichkeit eines zeitweiligen generellen Baustopp hatte sich im übrigen nicht nur die Gewerkschaft unter der Führung von Josef Muchitsch ausgesprochen, sondern auch unterschiedliche andere Akteure unserer Branche von Konzernlenkern (wie Strabag-CEO Thomas Birtel) bis zu Geschäftsführern von Zulieferbetrieben (wie Markus Ringer vom wichtigen oberösterreichischen Schalungs-Familienbetrieb Ringer). Die Betonung dabei lag allerdings auf „zeitweilig“ und dem Thema Klarheit. „Mir wäre beides Recht: entweder eine klare Aussage der Behörden in Richtung Einstellung der Baustellen oder aber eine klare Definition von Rahmenbedingungen, die man einhalten und unter denen man arbeiten kann“, sagte Birtel im Laufe eines langen Telefoninterviews, das er mir aus seinem Büro in Köln gab, wo er selber aufgrund der Reiserestriktionen gestrandet war. 

„Können uns nicht alle unter die Erde zurückziehen“

Die von Birtel geforderten klaren Rahmenbedingungen (siehe Interview) gibt es nun – zu groß war zu Recht das Gespenst eines kompletten Baustopps. „Wir können uns nicht alle unter die Erde zurückziehen, das geht nicht“, hatte mir etwa Wienerberger-CEO Heimo Scheuch schon zehn Tage zuvor eindringlich am Telefon erklärt und: „Ich appelliere dringend an alle, die arbeitenden Menschen nicht an der Arbeit zu hindern! Wir müssen die Arbeitenden loben und sie nicht verunsichern. Das Vertrauen muss im System bleiben. Wenn sich Unsicherheit breit macht und sie auf Monate ganze Industriezweige stilllegen, werden wir alle ein Problem bekommen, das so massiv ist, dass es gar niemand einzuschätzen wagt.“

Mittlerweile tritt allerdings auch Wienerberger mit seiner Österreich-Tochter kürzer. Die heimischen Werke werden, so hieß es Ende März schon nach der Einigung auf die Rahmenbedingungen, für zumindest einen Monat abgestellt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Die Lagerbestände sind dafür groß genug, heißt es bei Wienerberger.

Genügend große Lagerbestände für eine vergleichsweise kurze Pause: das ist auch die Situation bei vielen anderen österreichischen Zulieferern, sei es aus der Baustoff-, Betonfertigteil-, Schalungs-, Trockenbau- oder einer anderen Branche.

Schon ein bisschen anders sieht es allerdings aus, wenn Baustellen in Österreich auf das umliegende Ausland angewiesen sind. So wies Habau-CEO Hubert Wetschnig (das Gespräch wurde allerdings vor der Einigung der Sozialpartner bezüglich der Baufortsetzungsbestimmungen geführt) auf die Problematik hin, dass man zum Teil das Baumaterial nicht im notwendigen Ausmaß auf die Baustelle geliefert bekommen würde. „Teilweise kommt das Material ja auch über die Grenze, aus der Slowakei oder aus Ungarn.“ Ein oft wenig bedachtes Material auf Straßenbaustellen wären etwa Geogitter, die man zum Betoneinbau braucht. Und das zweite große Thema wären etwa die Mitarbeiter. „Da sind es wiederum nicht nur Mitarbeiter aus Nachbarländern, die nicht mehr auf die Baustelle kommen, sondern andere pragmatische Probleme.“

Von Beschimpfung bis Lob und Dank alles erlebt

Aufgetreten ist in den vergangenen Wochen auf den verschiedensten Baustellen auf jeden Fall so ziemlich alles. Elmar Hagmann, Geschäftsführer bei der Wiener Baufirma Sedlak, berichtete am 30.3.: „Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen haben wir versucht, den Baubetrieb aufrecht zu halten, was uns im Großen und Ganzen auch ganz gut gelungen ist. Im Moment stehen wir bei einer Betriebsleistung von ca. 50%.“ Gearbeitet werde nur auf „Großbaustellen“, das Sanierungs- und Servicegeschäft sei vollkommen zum Erliegen gekommen. In den letzten zwei Wochen habe man so ziemlich jede Reaktion der Baubeteiligten erlebt: „Aufforderung zur bedingungslosen Weiterarbeit, die Bitte bzw. Forderung, die Arbeiten einzustellen, die Beschimpfung unserer Arbeiter bei der Verrichtung Ihrer Tätigkeiten und Dank und Anerkennung für unsere Standfestigkeit. Wir haben unser Baustellenpersonal sofort unterwiesen und mit Desinfektionsstellen ausgestattet. Darüber hinaus haben wir uns relativ früh mit dem Thema Schutzmasken beschäftigt – unserer Mitarbeiter werden in diesen Tagen mit je drei handgeschneiderten und waschbaren (60°) Mund-Nasen-Masken aus heimischer Produktion ausgestattet.“

Das Sedlak Führungsteam verständige sich täglich, um einander zu den neuesten Entwicklungen zu informieren und darüber zu beraten. „Die Kapazitätsreduktion durch Einführung der Kurzarbeit etwa stellt uns vor große Herausforderungen, zumal das Anwendungsregelwerk lange auf sich warten ließ und fast täglich angepasst wurde.“

Also unterm vorläufigen Strich: Die Probleme lösen sich zwar durch die Sozialpartnereinigung nicht in Luft auf und nach wie vor muss es eine Betrachtung Baustelle für Baustelle geben – entscheidend ist aber, dass die Medaille nun von der Seite des Weitermachens angeschaut wird. Angesichts der Bedeutung der Baubranche für die Volkswirtschaft (im Bauhauptgewerbe sind an die 100.000 Menschen beschäftigt, beim Nebengewerbe kommen noch einmal ca. 150.000 dazu) kann das nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Umsomehr als die Bauwirtschaft noch eine weitere Besonderheit hat: Die Folgen der Krise für die langfristige Auftragslage der Bauunternehmen dürften im Gegensatz zu so manch anderen Branchen relativ überschaubar sein. Strabag-Chef Birtel sieht etwa im Infrastruktur- und Wohnbau keine Probleme, ein wenig in Frage stünden private Projekte, bei denen es um Bonitätsprüfungen bei den Kunden gehe. Und Stefan Graf, CEO von Leyrer + Graf, meint: „Die Krise wird deutliche Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft und unsere Gesellschaft haben. Die Baubranche ist in dieser Hinsicht allerdings eine dankbare Branche, denn gebaut wird immer werden und speziell nach Zeiten von Krisen wurde immer schon viel in Infrastruktur investiert und das kommt uns natürlich zugute.“ (gesamtes Interview siehe Kasten)

Entscheidend wird der Zeitraum sein

Wie geht es weiter? Welche Lehren werden gezogen? Wenn man ehrlich ist und sich die Flut an Szenarien und teils gut gemeinten, teils marktschreierischen Publikationen und Stellungnahmen ansieht, kann derzeit nur gesagt werden: Der entscheidende Faktor bei dem allen ist wohl der Zeitraum, über den sich die großen Einschränkungen ziehen werden. 

Besonders gefragt in Zeiten wie diesen ist daher neben dem gleichzeitig besonnenen und schnellen Ausschöpfen eigener Ressourcen die Expertise branchenerfahrener Berater wie Christoph Weber von Horvath & Partners. Webers Befund vom 26.3.: „Meiner Meinung nach werden weitaus höhere Nachweispflichten erfüllt werden müssen. Mittelfristig – wir sprechen von zwei bis sechs Monaten - wird das zu einer weitaus höheren Standardisierung der Prozesse auf den Baustellen führen. Die Baustellen mit ihren Tages- und Wochenplänen werden vorausschauender geplant werden müssen, um alle Sub-Unternehmer innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu koordinieren. Das könnte ein Eingangstor für mehr Lean Construction und Standardisierung werden, was ohne Corona länger gedauert hätte.“